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“Wir müssen weiterdenken”

KREUZER-Gespräch mit Barbara Steiner, Hans-Werner Schmidt und Georg Girardet über die Situation der großen Museen, die Zukunft der “Neuen Leipziger Schule” und den umstrittenen Kulturentwicklungsplan

KREUZER: Im Sommer 1995 saßen Ihre Vorgänger Herwig Guratzsch, Klaus Werner und Sie, Herr Girardet, am KREUZER-Tisch. Damals ging an Sie die Eröffnungsfrage, wie Ihre Zukunftsvision der Leipziger Museenlandschaft aussähe. Zwölf Jahre später sind Bildermuseum und GfZK gebaut, das Grassimuseum wird im Dezember eröffnet. Haben sich die Erwartungen von damals erfüllt?

Im Sommer 1995 saßen Ihre Vorgänger Herwig Guratzsch, Klaus Werner und Sie, Herr Girardet, am KREUZER-Tisch. Damals lautete die Eröffnungsfrage, wie Ihre Zukunftsvision der Leipziger Museenlandschaft aussähe. Zwölf Jahre später sind Bildermuseum und GfZK gebaut, das Grassimuseum wird im Dezember eröffnet. Haben sich die Erwartungen von damals erfüllt?

GEORG GIRARDET: Mehr, als ich hoffen durfte. 1995 gab es ja noch eine Menge Fragezeichen, vor allem finanziell. Am Ende haben wir 120 Millionen Euro allein in die Museen investiert! Dass sich das alles so ergeben hat, ist wunderbar. Aus diesem Grund bin ich eigentlich sehr zufrieden.

KREUZER: Herr Schmidt, Ihr Haus gilt seit der Eröffnung vor zweieinhalb Jahren als Problemkind: zu groß, zu teuer, zu wenige Besucher. Ist Ihnen mit der Max-Klinger-Ausstellung der erhoffte Befreiungsschlag geglückt?
HANS-WERNER SCHMIDT: Wir merken natürlich, dass wesentlich mehr Leute ins Haus kommen. Und wir haben überregional im Großfeuilleton eine starke Präsenz mit dieser Ausstellung. Zum Sorgenkind: Wenn man sich ein Haus in dieser Größenordnung leistet – es ist ja schon als gebauter Körper ein riesiges Versprechen –, dann muss man es pekuniär anders munitionieren. Sonst wird es nicht laufen. Diese Denkrichtung setzt sich zunehmend bei den Verantwortlichen durch.

Im Sommer 1995 trafen sich drei Herren zum KREUZER-Streitgespräch über Leipzigs museale Großprojekte: Klaus Werner, damals Gründungsdirektor der Galerie für Zeitgenössische Kunst, Herwig Guratzsch, seinerzeit Direktor des Museums der bildenden Künste, und Kulturdezernent Georg Girardet. Es wurde heftig gestritten, die beiden Museumschefs waren sich nicht grün. Die Schlagzeile lautete: „Da entsteht Konkurrenz“. Zwölf Jahre später baten wir die Nachfolger von Werner und Guratzsch sowie den nach wie vor amtierenden Girardet zu einer Neuauflage der „Elefantenrunde“ in die Redaktion am Brühl. Das Gespräch fand am 29. Mai 2007 statt.

GIRARDET: Das ist der eine Aspekt. Man muss aber auch bedenken: Die Kampagne im letzten Jahr war ein Sommerloch-Thema, ausgelöst von der Bild-Zeitung und der Lokalredaktion der LVZ, nicht etwa vom Feuilleton. Es war völlig normal, dass nach dem Wirbel des Eröffnungsjahres ein Besucherrückgang zu verzeichnen ist. Das wurde in unfairer Weise dramatisiert.

KREUZER: Frau Steiner, Sie vermieten ab 2008 zwei Jahre lang den Neubau der GfZK und geben damit das Ausstellungsprogramm aus der Hand. Warum tun Sie das?
BARBARA STEINER: Dramatisierung war schon das richtige Stichwort (lacht). Wir geben nicht das Programm aus der Hand. Wir laden uns Gastkuratoren ein. Es geht darum, privates Engagement in der Kunst in Form einer Ausstellung darzustellen. Zum einen gibt es immer mehr Einflussnahme von Sammlern, Galeristen und Unternehmen, die hinter verschlossenen Türen unbotmäßig mitmischen. Zum anderen brauchen diese Akteure die Museen gar nicht mehr. Sie machen ihr eigenes Programm, bauen ihre eigenen Häuser. Auch die Galeristen: Manche Galerien werden ja schon so geführt wie früher Kunsthallen! Darüber wollen wir sprechen – und über diese Effekte.

SCHMIDT: Im Interim haben wir zweimal Ausstellungen gemacht, die hießen „Meine Wahl“. Da habe ich Leipziger Bürger eingeladen, sich im Magazin umzuschauen und dann ihre eigene Ausstellung zu hängen. Nicht, weil wir bequem oder einfallslos waren, sondern um ein Charakterbild zu bekommen, wie ein Nicht-Profi in dieser Sammlung seine Schwerpunkte setzt.

STEINER: Bei uns müssen die Gastkuratoren ihre Ausstellung selbst bezahlen. Uns interessiert, Mechanismen des Betriebs offen zu legen, auch Zahlen. Viele haben ja sehr merkwürdige Vorstellungen davon, was eine Ausstellung kostet. Ich gebe zu, das ist etwas überzogen – aber wir wollen eine längst überfällige Debatte anfangen: Wer engagiert sich für Kunst heute, auch monetär?

KREUZER: Herr Girardet, Sie unterstützen das Projekt. Aber kann so etwas in Ihrem Interesse als Geldgeber liegen, der Sie ja auch sind?
GIRARDET: Na klar, ich sitze ja im Stiftungsrat. Herr Oetker*, der Vertreter des Wissenschaftsministeriums und ich sehen darin ein sehr spannendes Modell.

KREUZER: Nun ist Leipzig ja nicht gerade eine Hochburg der Debattenkultur. Was hat das Publikum, was haben die Leipziger davon?
STEINER: Da muss ich auf die Gründung dieses Hauses verweisen, auf diesen Gedanken, dass private und öffentliche Hand sich gleichermaßen beteiligen. Wir haben damit auch eine unfreiwillige Pionierrolle. Wenn Sie überhaupt kein Ausstellungsbudget haben und die Zuwendungen nicht steigen, dann bricht es de facto ein. Wir haben doch alle großes Interesse daran, dass diese Galerie langfristig Bestand hat. Wie kann das gelingen, wenn wir an bestimmten Eckdaten nichts verändern können? Unser Ansatz ist es herauszufinden, ob wir Private noch mehr mobilisieren können, ohne die öffentliche Hand aus der Pflicht zu nehmen.

KREUZER: Was machen Sie eigentlich in den zwei Jahren, in denen die Gastkuratoren Ihr Haus bespielen?
STEINER: Ich bin trotzdem da, nur muss ich weniger Ausstellungen machen. In der Tat hatte ich einst den kecken Gedanken, mich ein Jahr lang von der Geschäftsführung befreien zu lassen …

KREUZER: … und ein Sabbatjahr zu nehmen.
STEINER: Um am Thema zu forschen und zu unterrichten. Jetzt läuft das wahrscheinlich auf eine Halbtagsbeschäftigung hinaus.

Hans-Werner Schmidt

KREUZER: Herr Schmidt, wünschen Sie sich auch manchmal so eine Möglichkeit?
SCHMIDT: Das können Sie nicht vergleichen. Das Museum verfügt über eine gewachsene Sammlung, die von Rogier van der Weyden bis Neo Rauch reicht. Wir entsprechen im Ausstellungsbereich auch dem Interesse an alter Kunst und der klassischen Moderne. Und es ist unser Anspruch, die eigene Sammlung bei den Wechselausstellungen mit einzubeziehen. Gerade vor diesem Hintergrund wäre es kaum möglich, das Haus in seiner Gesamtheit an auswärtige Kuratoren zu übergeben.

KREUZER: Die Leipziger Malerei feiert international größte Erfolge. Stärker als je zuvor definiert sich der künstlerischere Erfolg aber über den Markt mit seinem Auf und Ab. Was folgt auf den Boom?
GIRARDET: Diese überhitzte Entwicklung, die wir im Moment noch registrieren, ist sicherlich eine temporäre Erscheinung. Ich gehe davon aus, dass ein gutes halbes Dutzend Künstler überdauern werden. Aber es gibt auch viele, die in deren Schlepptau jetzt im Markt sehr gut positioniert sind. Mancher Käufer wird sich irgendwann verwundert die zukünftigen Preise anschauen, weil sich das wahrscheinlich deutlich verändern wird. Ich finde es hoch spannend, was da abläuft. Es tut Leipzig auch gut.

SCHMIDT: Im Frühjahr 2003 wurde diese „Neue Leipziger Schule“-Welle mit der Ausstellung „sieben mal malerei“ losgetreten. Das war keine Strategie von mir. Ich bin den Malern als Studenten begegnet und war erstaunt, welche eigenständigen Oeuvres hier schon erarbeitet wurden. Und ich sehe das genau so wie Herr Dr. Girardet: Es gibt inzwischen Leute, die greifen zum Pinsel, sind hier polizeilich gemeldet, also gehören sie dazu – dieses Phänomen existiert. Aber es werden sich einzelne Positionen zunehmend mit dauerhafter Ausstrahlung herauskristallisieren. Wir planen 2009 eine große Ausstellung, die heißt „60 – 40 – 20“. Da zeigen wir 60 Jahre Kunst in Leipzig – mit der Unterteilung in 40 Jahre unter den Direktiven einer Kulturpolitik und 20 Jahre unter den Direktiven eines Kunstmarktes. Und: Wer von der Malerei in Leipzig spricht, darf von der Fotografie nicht schweigen. Hier liegt ein ähnliches Potenzial vor. Und man darf auch das Experimentell-Installative nicht vergessen, wenn ich an Julius Popp und vergleichbare Positionen denke. Die Szene vor Ort ist viel dichter und facettenreicher, als das der Kunstmarkt widerspiegelt.

STEINER: Es ist ein extrem erfolgreiches brand. Der Erfolg war abzusehen, weil alle Eckdaten dafür geliefert werden: der historisch aufgeladene Ort, ein bestimmtes Arbeitsethos, mit dem ja die meisten Maler kokettieren, das Malen-Können, aber auch eine gewisse gesellschaftliche Befindlichkeit, die sich in vielen Positionen spiegelt. Das konnte nur in so eine Hysterie münden. Das Gute daran: Leipzig ist so sichtbar wie noch nie. Die Schattenseite: Die Leute sind enttäuscht, wenn sie anderes sehen. Bei uns sind sie eigentlich immer enttäuscht (Lachen in der Runde). Das finde ich schade, denn die notwendige Differenzierung ist nicht da.

SCHMIDT: Gerade in der jüngeren Künstler-Generation gibt es ja schon die Furcht, dass diese Marke zum Makel wird. Das müssen wir ernst nehmen. Andererseits betone ich, ohne Namen zu nennen: Bei den Akademie-Rundgängen oder bei Ausstellungen jüngerer Positionen – zum Beispiel in der Galerie Kleindienst – bin ich immer wieder erstaunt, welche jungen Malerinnen und Maler nachwachsen.

STEINER: Wir müssen ja weiterdenken. Das Problem von brands ist: Nach einer Weile hat man sie über, und dann braucht man ein neues. Für diese Zeiten sollte man gewappnet sein.

SCHMIDT: Zuletzt hat man beim Galerienprogramm ganz auf Nummer sicher gesetzt, also auf vertraute Malereipositionen. Deshalb fand ich es wohltuend, im Archiv Spinnerei die Bildhauerin Enne Haehnle zu sehen, die aus einem anderen Kontext kommt.

KREUZER: Das war die Ausnahme …
SCHMIDT: … ja, aber eine schöne!

GIRARDET: Dieser künstlerische Opportunismus wird eben auf dem Markt honoriert. Ich habe gehört, dass Neo Rauch seinen Studenten immer sagt: Schützt euch vor schlechten Galeristen! Das ist, glaube ich, ein ganz wichtiger Kernsatz.

KREUZER: Sind Sie denn gewappnet für die Zeit danach?
STEINER: Uns betrifft dies sowieso nicht. Ich bekomme eher den Vorwurf, warum ich diese wahnsinnig tollen, wichtigen Positionen nicht ausstelle. Da kann ich immer nur sagen: Unsere Stiftung hat ganz andere Zielsetzungen, nämlich sich nicht dem leicht Verdaulichen zuzuwenden.

SCHMIDT: Ich bin sehr froh, dass ich von den meisten der Jungen früh Arbeiten für das Museum gekauft habe. Ich glaube, ich habe den richtigen Weischer damals für 6.000 Mark erworben; ich hab den frühen Ruckhäberle und den frühen Baumgärtel erworben, Kobe und Schnell sind mit Mitteln des Fördervereins später dazu gekommen. Und ich denke, in 10, 20 Jahren stehen diese Positionen für ein qualitätsvolles Spektrum, das zeitlich um die Jahrtausendwende in Leipzig zu verorten ist.

STEINER: Das ist gut für die Alterssicherung.

SCHMIDT: Die Ausstellung in Torgau heißt ja „Made in Leipzig“, und nun gibt es die große Ausstellung „Made in Germany“ in Hannover – da finden Sie keine Leipziger Position im klassischen Malereibereich. Das begreife ich fast als eine Provokation.

KREUZER: Da Sie Hannover ansprechen – dort haben sich das Sprengel Museum, die kestnergesellschaft und der Kunstverein für besagte Ausstellung zusammengetan. Warum kann Leipzig nicht, was Hannover kann? Ist es nicht das Naheliegendste auf der Welt, dass Ihre beiden Häuser, die ja auch Besucherprobleme haben …

SCHMIDT: … wir besuchen uns immer gegenseitig! (Gelächter)

KREUZER: … sich zusammentun und das Label „Made in Leipzig“ intelligent mit Inhalt füllen? Warum passiert das nicht?

STEINER: Das könnte schon passieren, klar.

SCHMIDT: Bei der Ausstellung „60 – 40 – 20“ kooperieren wir mit der Sparkasse, auch als Ausstellungsort. Und was die konzeptuellen Positionen angeht, die weder bei uns noch in der Sparkasse ausreichend vertreten sind, könnte man an einen dritten Ort denken. Es sind ja noch zweieinhalb Jahre Zeit.

STEINER: Das könnte man sicher, nur fürchte ich, dass mit unserer Version kaum jemand Freude haben würde. An sich haben wir andere Pläne. Die folgenden zwei Jahre stehen konzeptionell fest. Das wird dann wieder einen ähnlichen Aufschrei geben. Aber ich fände es ganz schön, über ein gemeinsames Projekt nachzudenken. Ist da schon ein Zeitpunkt geplant?

SCHMIDT: Die Jahreswende 2009/10.

GIRARDET: Hannover nutzt natürlich jetzt auch die Chance dieses Sommers – und die Nachbarschaft zu Kassel. Aber unser Vorzug ist eben diese Vielfalt des Zugangs zur zeitgenössischen Kunst. Das ist für mich das Faszinierende daran. Und wenn man ausnahmsweise mal ein gemeinsames Projekt macht, finde ich das auch gut.

SCHMIDT: Die Kooperation funktioniert beispielsweise bei der gemeinsamen Wertschätzung und Förderung von Tilo Schulz. Er ist bei uns mehrfach vertreten, hatte bei Ihnen die Ausstellung – da ist ein hoher Grad von Identiät.

KREUZER: Herr Schmidt, Sie haben ein schönes Haus, aber kein Geld für Ausstellungen, die das große Versprechen der baulichen Hülle – von der Sie vorhin sprachen – einlösen. Wie wollen Sie aus diesem Dilemma herauskommen?
SCHMIDT: Auf dem Ausstellungsplan stehen Leipziger Namen wie Mattheuer und Tübke. Ein großes Kaliber ist Nolde 2009. Ich plane, eine solche Ausstellung nicht als puren Augenschmaus umzusetzen, denn eben dieser trübt die Wahrnehmung. Ich versuche, neue Sichten auch auf ein klassisches Oeuvre zu eröffnen. All das ist ein großes finanzielles Unterfangen, und ich mache die Erfahrung, wenn ich mit kleinem eigenem Etat in den Wettbewerb gehe, dass sich die Drittmittelzuwendungen dann auch kleiner gestalten. Dann heißt es: Sie preisen diese Ausstellung als grandios an – weshalb stellen Sie nur 30.000 € dafür ein? Wir sind noch relativ jung im Netzwerk der großen Museen, und die letzten zwei Jahre haben gezeigt, dass wir das nötige Geld beschaffen konnten. Vielleicht bin ich naiv oder Idealist – ich denke, ich zieh das durch!

KREUZER: Lassen Sie uns über Mäzenatentum sprechen. Teilen Sie den Eindruck, dass das Mäzenatentum, also das bedingungslose Geben, auf dem Rückzug ist zugunsten des an beiderseitigen Profit gekoppelten Sponsorings?
STEINER: Ich würde sagen, ja. Das „Modell Oetker“ ist sehr nah am Mäzenatentum. Er knüpft überhaupt keine Forderungen daran. Es ist ja sein privates Geld, und es ist die höchste Summe, die er an ein Haus gibt. Es scheint aber so zu sein, dass der Typus des selbstlosen Gebers mehr in den Hintergrund tritt. Gleichzeitig werden andere Kräfte stärker. Diese sind offensiver an Geben und Nehmen im Sinne eines Geschäfts gekoppelt.

KREUZER: Wie sieht das bei Ihnen aus, Herr Schmidt?
SCHMIDT: Ich teile die Meinung der Kollegin Steiner und konzentriere mich ganz intensiv auf die wirklichen Mäzenaten. Speck von Sternburg ist in seinem Spendenaufkommen selbstlos. Wenn es darum geht, die Erträge aus der Stiftung für das jeweilige Jahr einzusetzen, dann äußert er Wünsche, aber letztlich entscheiden wir kollegial, wie wir damit arbeiten. Er strebt in keinster Weise Dominanz an.

STEINER: Wie hoch sind die Erträge, wenn ich fragen darf?

SCHMIDT: Zu niedrig. Ich sag’s Ihnen jetzt in Yen, ja? Oder wenn ich an das Ehepaar Rosenkranz aus Berlin denke, wo ich für zehn Jahre Zugriffsrecht auf die Sammlung habe: Da gehe ich mit Dieter Rosenkranz über die Messe, und er sagt zu mir: Dafür darfst du dir heute was aussuchen!

KREUZER: Das ist wie Weihnachten, oder?

SCHMIDT: Ja, wie Weihnachten und Ostern zusammen. Und er will danach nicht getätschelt werden.

Georg Girardet

GIRARDET: Ich würde unter diesem Stichwort gern noch zwei Namen nennen: Das wäre Bühler-Brockhaus, dank dieser starken Verbindung der Familie Brockhaus mit Leipzig. Dem Ehepaar Bühler-Brockhaus verdanken wir die Schenkung einer bedeutenden Sammlung der Schule von Barbizon. Und dann einen Namen, der hier wenig bekannt ist, Frau von Mitschke-Collande, die das Druckkunst-Museum in der Nonnenstraße mit erheblichen Beträgen gerettet hat. Das ist reines Mäzenatentum.

STEINER: Mäzenatisches Tun findet sich in der Tendenz bei Älteren, und da sehe ich schon ein Problem auf uns zukommen. Was ist mit der mittleren Generation unter sechzig? Da wird argumentiert: keine Zeit, kein Geld, was bei manchen Jahreseinkommen geradezu lächerlich ist. Man meint eigentlich: Ich habe andere Prioritäten – das ist ja die Botschaft. Hinzu kommt das Problem der immer geringeren Verweildauer von Führungskräften an bestimmten Orten. Denn wenn jemand nur fünf Jahre an einem Ort ist – warum soll er sich engagieren? Wir müssen uns vermutlich mehr auf temporäre Partnerschaften einstellen. Das gute alte bürgerschaftliche Engagement stirbt aus.

KREUZER: Wie sieht das in Leipzig konkret aus?

STEINER: Erschreckend. Es gibt keine nennenswerte Sammlung zeitgenössischer Kunst in dieser Stadt – im Sinne von internationalem Rang und Umfang. Und das bei dieser Tradition! Offensichtlich lässt sie sich nicht in die Gegenwart bringen.

KREUZER: Wie läuft das ab, wenn Sie Fundraising bei einheimischen Mittelständlern, die zu Geld gekommen sind, betreiben? Es gibt ja nun auch einige größere Firmen hier, es gibt eine wohlhabende Schicht …

STEINER: Für die Galerie kann man das vergessen. Unsere Unterstützung ist wesentlich nicht lokaler Natur. Alles, was an großen Summen kommt, kommt von nationalen und internationalen Stiftungen, sieht man von der Sachsen LB und der Sparkasse ab.

GIRARDET: Junges Geld fließt eben nicht so schnell in die Kultur. Das ist eine allgemeine Erfahrung. Da muss erst eine Kultivierung eintreten.

KREUZER: Herr Girardet, Sie beschwören oft den alten Bürgersinn. Gibt es nicht längst einen neuen, oft auch immateriellen, von dem die kulturellen Leuchttürme aber zunächst nicht viel haben? Können Sie mit dieser nichttraditionellen Form von bürgerschaftlichem Engagement etwas anfangen?

GIRARDET: Das ist manchmal auch ein bisschen Beschwörung. Man hofft, dass man irgendwann mal wieder an diese wunderbare alte Tradition anknüpfen kann. Aber zurzeit sind wir noch weit davon entfernt. Durch den Verlust der Juden, später der Unternehmerfamilien, der Verleger ist eine prägende Schicht hier verloren gegangen. Wenn wir das heute betonen, dann hoffen wir, dass dieser Keim wieder aufblüht. Sehr schön ist, dass es unglaublich viele Förderkreise und Freundeskreise gibt – mehr als die Stadt verkraften kann (lacht). Das zeigt ja, dass es eine große Bereitschaft gibt sich zu engagieren, aber es ist meist nur in geringem Umfang materiell unterlegt.

SCHMIDT: Ich beginne mit jeder Führung durch das Haus vor dem Stiftermosaik von Stefan Huber. Dann sage ich immer: Das ist vorbildhaft, was ihr hier seht! Und es sind Positionen aus drei Jahrhunderten! Wohl wissend, dass diese Stifterkultur, wie sie zwischen 1858 und den 1870er Jahren hier gelebt wurde, nicht wieder aufzulegen ist. Nicht nur, was die Spezifik des Ortes angeht, sondern – wie Frau Steiner sagt – es ist nicht mehr en vogue.

STEINER: Wer will denn überhaupt ein Museum haben – auch im Sinne von unterstützen? Der Konsens darüber erodiert ja auch auf politischer Ebene, großflächig geradezu, nicht nur bei den potenziell engagierten Privatmenschen. Und das Publikum will wieder etwas anderes, aber auch hier gibt es keinen kleinsten gemeinsamen Nenner mehr. Heute wird sichtbar, wie heterogen auch seine Interessen sind: Man kann eine Einheit des Publikums nicht einmal mehr imaginieren.

KREUZER: An welches Publikum richtet sich denn Ihr Haus, Frau Steiner? Wen wollen Sie erreichen, und wen erreichen Sie wirklich?
STEINER: Wir sind eine Nische. Wir fragen uns schon, wen wir überhaupt erreichen können. Wir bemühen uns seit zwei Jahren um Kindergärten und Schulen. Diese Kleinen und Kleinsten sind für uns noch am aufgeschlossensten. Und dann kooperieren wir mit Unternehmen wie zum Beispiel der Sachsen LB. Wir setzen inhaltliche Schwerpunkte, sprechen Unternehmen an und versuchen so Beziehungen aufzubauen.

KREUZER: Sie bieten Kinderprogramme an, Sie kooperieren mit Unternehmen – aber wen erreichen Sie außerdem?
STEINER: Wir haben unser Publikum. Es ist eher jung und ziemlich aufgeschlossen. 80 Prozent sind unter vierzig. Im gesamten wächst es leicht an. Insofern sind wir sehr zufrieden.

KREUZER: Können Sie eine Zahl nennen?
STEINER: 20.000 im Jahr. Wir freuen uns, dass die Leute mehrmals kommen und sich sehr lange bei uns aufhalten. Wir merken auch, dass bestimmte Dinge breites Interesse hervorrufen, die Architektur zum Beispiel – dank des “Hotel Everland”.

SCHMIDT: Die Besucherzahlen sind hier ein Phänomen. Ob es das Dimitroff-Museum war oder das Interim – es gibt keine Ausstellung, die nennenswert über 30.000 Besucher hinausgegangen ist. Keith Haring und Klee haben als Westkunst bzw. klassische Moderne unmittelbar nach der Wende viele Leute angezogen, aber all diese Zahlen sind nicht vergleichbar mit denen, die man aus anderen bundesdeutschen Städten kennt. Das Blockbuster-Verhalten hat hier in Leipzig einfach keine Tradition.

KREUZER: Müssten Sie nicht eigentlich froh darüber sein?
SCHMIDT: In Berlin oder Dresden ist das touristische Aufkommen größer als hier bei uns in Leipzig. Außerdem stehen dort ganz andere Werbeetats langfristig zur Verfügung, um Kampagnen zu stricken, die es in der ganzen Bundesrepublik als überlebensnotwendig erscheinen lassen, gerade diese Ausstellungen zu besuchen.

KREUZER: Die Stadt hat dem Bildermuseum in Folge der Klinger-Ausstellung eine Stelle für das Marketing zugesagt. Woher die späte Einsicht?

SCHMIDT: Die Stelle ist in der Diskussion. Wir hoffen, dass wir sie zum 1. Januar 2008 bekommen.

GIRARDET: Wir diskutieren die personelle Ausstattung der Museen zurzeit generell. Nach meiner Überzeugung sind wir durch Einsparmaßnahmen unter einem Niveau gelandet, das angesichts der neuen räumlichen und baulichen Situation vertretbar ist. Das gilt für das Bildermuseum in gleicher Weise wie demnächst für das Museum für Angewandte Kunst. In beiden Fällen sind die Ausstellungsflächen explodiert, und bislang musste das mit demselben Personal wie vorher bewältigt werden.

SCHMIDT: Geringer sogar!

Barbara Steiner

STEINER: Früher dachte man in vielen Häusern, man könne den Marketingaspekt vernachlässigen. Zum Beispiel gab es auch in unserer Galerie weder Presse- und Öffentlichkeitsarbeit noch Vermittlung als eigene Stellen. Klaus Werner sagte immer: Diese Kunst vermittelt sich selber. Das ist aus einer bestimmten Perspektive heraus verständlich, aber es funktioniert nicht mehr.

GIRARDET: Für mich stimmt das nicht. Ich brauche oft Vermittlung (lacht).

STEINER: Heute kommen wir darum nicht herum. Mein Vorteil ist, dass ich beweglicher bin als Herr Schmidt: Denn als wir uns im Stiftungsrat einig waren, wurden diese Stellen einfach geschaffen – durch Umschichtung –, und es funktioniert.

SCHMIDT: Ich habe in der Einrichtungsphase des Museums viele Unternehmen durch das Haus geführt, Siemens, BMW etc. Und das sind Leute, die relativ “schlank” in Produktionsprozessen denken. Aber die Standardfrage war wirklich: Wie wird angesichts der neuen Dimensionen Ihr Team aufgestockt? Leider ist das Gegenteil eingetreten.

KREUZER: Das umstrittene Ranking für den Kulturentwicklungsplan sieht das Bildermuseum noch nach den Thomanern, dem Bachfest und der Freien Szene auf Platz 6, die GfZK landet abgeschlagen auf Platz 14 und bekommt für ihren Beitrag zur Identitätsbildung zwei von fünf möglichen Punkten. Was sagt uns das?

GIRARDET: Es ist natürlich riskant, was wir da gemacht haben. Im Grunde geht es darum, zum ersten Mal die Kriterien zu formulieren, an denen wir diese Häuser messen möchten. Wir wissen, dass die unterschiedlichen Einrichtungen diese Kriterien nicht gleichermaßen erfüllen können. Deshalb ist das Ranking auch sehr differenziert zu betrachten.

STEINER: Sie haben andere Prioritäten gesetzt …

GIRARDET: … wir haben der Musik einen hohen Rang eingeräumt.

SCHMIDT: Sie haben in mir immer den Widersacher, wenn es um das Wort “Kulturentwicklungsplan” geht. Wir als Museumsleute entwickeln keine Kultur in der Stadt. Wir vermitteln. Kulturvermittlungsplan – das akzeptiere ich. Ich fände es anmaßend zu meinen, ich sei ein Kulturentwickler. Das machen die Künstler. Siehe nur die Spinnerei. Diesem Unternehmen wurde im Kultur”entwicklungs”plan anfangs überhaupt keine strategische Komponente zugebilligt. Die Initiative ist aus dem Chaos heraus entstanden, aus einem Urschlamm!

GIRARDET: Wir haben nur die Bereiche erfasst, die städtisch beeinflussbar sind. Und die Spinnerei ist ohne jeden städtischen Einfluss gediehen.

STEINER: Wir wären gerne überhaupt nicht auf der Liste. Es ist klar: Wenn es um Identifikationen geht, dann punktet Tradition immer. Und abgesehen vom Naturkundemuseum sind alle städtischen Einrichtungen im engeren Sinne im Mittelfeld.

GIRARDET: Das haben wir nicht beeinflusst. Das hat die Exeltabelle errechnet.

SCHMIDT: Ich glaube, je kulturnäher ein Klientel ist, um so ferner ist ihm ein solches Ranking. Und je ferner man der Kultur ist, um so näher ist einem ein solches Ranking. Das ist das Problem.

KREUZER: Aber nun ist es in der Welt, und irgendeine Wirkung wird es entfalten!

GIRARDET: Ja, man muss es eben sehr genau betrachten.

SCHMIDT: Wer betrachtet es denn genau?

GIRARDET: Ich hoffe, die Einrichtungen selber. Dass schlechte Zensuren Veränderungen bewirken. Aber es ist keine Streichliste.

SCHMIDT: Wer ist denn der Adressat dieses Kultur-Rankings?

GIRARDET: Ach, wenn ich das so genau wüsste …

STEINER: Der Meinungsbildungsprozess ist eigentlich noch gar nicht abgeschlossen, aber er wird jetzt gewaltsam beendet.

GIRARDET: Nein. Wir haben die Diskussion vor einem guten Jahr eröffnet. Ich war selber auf 20 Veranstaltungen. Immer wenn ich eingeladen wurde, bin ich gekommen. Vieles davon war öffentlich, jeder konnte da hingehen. Wer diskutieren wollte, hatte dort eine Plattform. Und wer nicht hingekommen ist, hat darauf halt verzichtet. Als keinerlei Reaktionen mehr kamen, habe ich verkündet, die Diskussion sei „erfolgreich abgeschlossen“. Da habe ich wohl irgendwie nicht aufgepasst (alle lachen) …

KREUZER: Die Frage von Herrn Schmidt ist noch nicht beantwortet: Wer ist der Adressat?

GIRARDET: Man muss generell sagen: Kulturentwicklungspläne werden überschätzt. Sie sind in der Regel nicht sehr folgenreich. Sie dienen vor allem einem stärkeren Bewusstwerden kultureller Entwicklungen in der Stadt. Wahrscheinlich ist der Prozess sogar wichtiger als das Ergebnis.

SCHMIDT: Ich sehe noch ein Grundsatzproblem: Die Stadt Leipzig trägt ihre Kultur nach außen, aber an der Diskussion hier waren nur „Eingeborene“ beteiligt. Das ist ein fundamentaler Fehler! Man hätte auch die Außensicht reflektieren müssen, weil viel Engagement darauf abzielt, Wertschätzung von außen zu erhalten.

KREUZER: Wie lange bleiben Sie uns denn noch als Kulturdezernent erhalten, Herr Girardet? Es gibt ja Gerüchte, dass Sie noch zwei Jahre verlängern wollen – bis 2010.

GIRARDET: Dazu äußere ich mich nicht. Meine Amtszeit läuft im September nächsten Jahres aus.

SCHMIDT: Die anwesenden Kulturvertreter würden sich wünschen, dass Herr Dr. Girardet weitermacht.

STEINER: Doch, unbedingt. Mit Nachdruck!

GIRARDET: Warten wir es ab. Das würde voraussetzen, dass ich noch mal gewählt werde. Wenn ich gefragt werde, sage ich immer, ich hätte volles Verständnis, wenn es hieße, 17 Jahre seien genug.


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