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»Schlechte Inszenierung«

Zu einem Leserbrief von Herrn Prof. Peter Welzel

Ab sofort beantworten an dieser Stelle KREUZER-Redakteure ausgewählte Leserbriefe. Zum Auftakt reagiert Chefredakteur Björn Achenbach auf einen – bereits im Juliheft veröffentlichten – Leserbrief von Herrn Prof. Peter Welzel:

Lieber Herr Achenbach,

erlauben Sie mir, zu Ihrem Editorial (»Der Intendantenpoker«) eine Gegenposition zu formulieren:

1. Das Verfahren, das Dr. Girardet für die Findung des Nachfolgers von Wolfgang Engel als Schauspielintendant gewählt hat, ist an der Universität bei Berufungsverfahren völlig normal. Dabei geht man (meist berechtigterweise) davon aus, dass die Kommissionsmitglieder gut informiert sind, sich fair verhalten und kein Intrigenspiel betreiben.

2. Jetzt, da die Wahl entschieden ist, sollten wir, die Leipziger Schauspielfreunde, alles daransetzen, dass Wolfgang Engel und sein Team einen guten Abschied haben, sie haben es in hohem Maße verdient. Und wir sollten dem Nachfolger das Gefühl vermitteln, dass er willkommen ist und dass wir gespannt auf seine Arbeit sind.

Peter Welzel, Freundeskreis Schauspiel Leipzig e. V.

Lieber Herr Professor Welzel,

eigentlich ist das Thema ja durch, aber eine Meldung im Feuilleton vor wenigen Wochen stößt uns sozusagen nochmal mit der Nase drauf. Sie lautet: Lars-Ole Walburg wird 2009 neuer Intendant am Schauspiel Hannover. Zur Erinnerung: Walburg ist jener Regisseur, über den ich im von Ihnen angesprochenen Editorial geschrieben habe, er wäre „die bessere – weil komplettere – Lösung“ für Leipzig gewesen (als Sebastian Hartmann), habe aber im Angesicht einer „allmächtigen und voreingenommenen Kommission“ keine Chance gehabt.

Ich möchte Ihnen wie folgt antworten:

Zu 1. Das in Rede stehende Verfahren mag an der Universität ja »völlig normal« sein. Nur ist ein Theater nun mal keine Universität. Wie in jeder Branche gibt es ungeschriebene Gesetze. Dazu gehört, dass das Schaulaufen der Kandidaten vor einer Kommission in einer künstlich herbeigeführten Prüfungssituation unüblich, ja absurd ist. Denn die sich da gegenübersitzen, kennen sich und ihre Arbeit längst bestens, sie agieren überall sonst auf Augenhöhe – und werden hier wohl oder übel in eine schlechte Inszenierung gezwungen.

Dass die Kommissionsmitglieder „gut informiert“ waren, bezweifle ich nicht – nur leider war Herr Girardet als Herr des Verfahrens bestenfalls einseitig informiert. Er hat nämlich Walburg ermuntert, sich zu bewerben, sich aber zugleich überhaupt nicht für dessen Arbeit interessiert. Zum Thema Fairness und Intrigen möchte ich mich hier nicht weiter äußern – Frank Castorf als Kommissionsmitglied weiß selbst am besten, wie er sich am Tag der (Vor-)Entscheidung in der Berliner Schaubühne gegenüber seinem jüngeren Kollegen verhalten hat.

Blicken wir noch einmal kurz hinüber nach Hannover. Dort hat Niedersachsens Kulturminister Lutz Stratmann die Ernennung von Lars-Ole Walburg mit den Worten kommentiert: „Herr Walburg ist unsere erste Wahl.“ Ich erlaube mir noch einmal zu bedauern, dass dies in Leipzig nicht der Fall war.

Zu 2. Nichtsdestotrotz gebe ich Ihnen recht: Jetzt, da die Sache gelaufen ist, hat Wolfgang Engels Nachfolger einen freundlichen Empfang und eine faire Chance verdient, alle düsteren Prophezeihungen alsbald schwungvoll zu widerlegen. Die Verdienste des scheidenden Intendanten stehen ohnehin nicht in Frage.

Der KREUZER wird den Intendantenwechsel mit wachem Blick begleiten – nicht als »Schauspielfreund«, aber auch nicht als sein Gegner, sondern als unabhängige journalistische Instanz. Denn das allein ist unser Job.

Mit schönen Grüßen aus dem Felsensteinhaus am Brühl,

bja@kreuzer-leipzig.de

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