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Eine Frage der Macht

Der Engel-Maier-Maravic-Case: Wie eine Handvoll Leute im Geheimen eine Strukturveränderung der städtischen Bühnen vorantreibt

Änderungen, auch notwendige Strukturreformen in der Kultur, werden von einzelnen Personen, von Akteuren vorangetrieben. Henri Maier war offensichtlich nicht mehr der richtige Mann dafür. Aber wer ist es dann?

Änderungen, auch notwendige Strukturreformen in der Kultur, werden von einzelnen Personen, von Akteuren vorangetrieben. Henri Maier war offensichtlich nicht mehr der richtige Mann dafür. Aber wer ist es dann?

In Leipzig scheint es zurzeit nur einen zu geben, dessen Visionen via unseren Kulturbürgermeister (noch bis 2008 berufen) umgesetzt werden, das ist zu wenig, nicht nur aus demokratischer Perspektive, und verhindert letztlich die wirklich notwendigen Reformen, wie die der Umwandlung der Eigenbetriebe in zeitgemäße und selbstständige Rechtsformen und die der gerechteren Mittelverteilung insgesamt.

Im vorliegenden Fall, ich nenne ihn den Engel-Maier-Maravic-Case, ist vor allem das Timing interessant. Er liegt kurz nach der einschneidenden Umbewertung des vormaligen Intendantenpostens am Leipziger Schauspiel zu einer Art besserem Oberspielleiter neben einem vom Augustusplatz regierenden Generaldirektor. Was an der Leipziger Öffentlichkeit bisher vorbeigegangen zu sein scheint, ist, dass eine Strukturveränderung der städtischen Bühnen im Gange ist, deren Muster, Intentionen und Verträge aber nicht mal eine Handvoll Leute zu bestimmen scheinen.

Sicher ist es nur ein schlecht eingeübter Reflex eines Off-Players, bei derlei immer gleich an das (fehlende) Geld zu denken, aber so ein Vertrag bis 2011 wird natürlich noch Aufwendungen für den scheidenden Intendanten (womöglich auch für seine damals kurzerhand mitengagierte Frau) zur Folge haben: üblicherweise die Hälfte der bis 2011 noch vereinbarten Vergütung. Natürlich wird für diese Mehrkosten keiner die persönliche Verantwortung übernehmen. Aber wer erklärt uns, was denn Unvorhersehbares sich in wenigen Monaten seit der Vertragsverlängerung mit Maier 2006 geändert hat?

Etwas hat sich geändert, aber das war längst abzusehen, und es geht nicht um „künstlerische Differenzen“ mit Maier, dessen Handschrift man ja nicht erst seit 2006 kennt. Nein, es geht um eine so simple wie logische Frage, nämlich die der Macht im künftigen Bühnenkombinat Leipzigs, und um die Verteilung von Mitteln und vor allem um die extreme Aufwertung der Position des bisherigen geschäftsführenden Direktors der Oper, also von Maravic, zum neuen Generalintendanten der Leipziger städtischen Bühnen Oper, MuKo und Schauspiel.

Vielleicht geht es auch ganz nebenbei um mehr Geld, das Dank der aufgelösten Doppelspitze frei wird, zum Beispiel für einen sonst nicht mehr in Leipzig zu haltenden Stardirigenten, dessen Honorar nur besagtem kleinen Kreis in seiner Gesamtheit (und mit verdoppelndem Zusatzanteil der – nicht privatenwirtschaftlichen – Sparkasse!) bekannt ist.

Entscheidend aber ist der Strukturwandel, der so einschneidend ist, dass es mir unglaublich erscheint, wie dieser Fakt auch bei der Findung Sebastian Hartmanns zum Nicht-Nachfolger von Wolfgang Engel in den Hintergrund treten konnte. Und klar ist auch: Bei „künstlerischen Differenzen“ ist sein Vertrag schnell wieder beendet – Abfindung inbegriffen, denn Maravic hat, wie sich zeigt, das robustere Mandat.

Wir erinnern uns, dass dieser erst vor wenigen Jahren Henri Maier an die Seite gegeben wurde. Dies geschah natürlich, ohne dass bei jener Gelegenheit die längst grassierenden Sorgen um die strukturelle, finanzielle und personelle Situation an der Oper diskutiert wurden, die sich hinter vorgehaltener Hand längst dem Begriff verwaltungstechnischer Dilettantismus angenähert hatten. Dafür kam Maravic, und die Doppelspitze entstand – vorläufig, denn dabei konnte es auf Dauer nicht bleiben, und so war die Verlängerung Maiers schon im letzten Jahr eine Farce, die nun teuer auffliegt. Die Vertragsverlängerung mit Henri Maier im letzten Jahr ist also der eigentliche Skandal.

Und plötzlich wird mir auch eine ganz andere als die bisher verlautbarte Begründung für die Entscheidung zu Gunsten Sebastian Hartmanns als Engels Nachfolger denkbar. Gerade dass Hartmann keine Erfahrung als Leiter hat, prädestiniert ihn vielleicht in den Augen der Rathausspitze und des designierten Generaldirektors für das neue Modell, in dem es einen Schauspielintendanten im bisherigen Sinne ja nicht mehr geben soll.

Da will man schon beruhigt aufatmen, dass Hartmann – mit einem Spindoctor und Übervater wie Castorf hinter sich – im Kampf um die eigenen Strukturen womöglich unterschätzt wurde. Erst von Wolfgang Engel hat die Öffentlichkeit anlässlich eines Pressegespräches erfahren, dass der Haushalt des Schauspielhauses ab 2009/10 weiter steigen soll. Nur der Leipziger Stadtrat weiß, sofern er nicht LVZ- Abonnent ist, noch nichts davon, denn Intendantenverträge (und mit ihnen auch auf künftige Haushaltsjahre vorgreifende Klauseln) werden in Leipzig ganz regulär ohne Kenntnis des Stadtparlamentes von den Bürgermeistern ausgehandelt. Das heißt überhaupt nicht verkürzt: Es ist in Leipzig normal, dass ein Abgeordneter über Verträge abstimmt, die er gar nicht lesen darf.

Diese in Leipzig praktizierte Kultur-Geheimdiplomatie jedenfalls ist nicht die Basis für eine gute Kulturentwicklung und deren Finanzierung. Einen Teil des Geheimnisses hat man immerhin unter dem Euphemismus „Kulturentwicklungsplan“ gelüftet, und die einzige feststehende Größe dort heißt: Musikstadt. Der nun mehr verbleibende Chef der Oper soll bald auch der eigentliche Chef und Mittelverwalter des Schauspiels werden – ja, da ergeben sich sicher Synergien, doch zu wessen Gunsten?

Not tut eine kompetente Diskussion um das mögliche Leistungsprofil der Oper und seine angemessenen Budgetierung. Wer aber Mailand, München oder Stuttgart will, der soll einfach dahin fahren, denn mit dem jetzigen Budget der Oper – bereits der größte Einzelposten im Kulturhaushalt – ist das in Leipzig nicht zu machen. Beim Starsystem kann nur mitspielen, wer auch Stargagen zahlt und dann braucht eine Repertoire-Oper statt 40 eben 60 Millionen Euro pro Jahr.

Da ist eher eine Bezuschussung der Bahntickets und Übernachtungen für Leipziger Opernfans zum Beispiel nach Dresden oder Stuttgart realistisch. Rechnet man die Bezuschussung jeder verkauften Opernkarte von heute in Höhe von ca. 200 Euro durch den Stadthaushalt auf künftige Fahrtkostenzuschüsse um, wäre ein letztlich sogar günstigerer Opern-Highlight-Shuttle für daran interessierte Leipziger Bürger zu machen.

Die Oper hier könnte sich dann – kleiner, regionaler, jünger – ein eigenes Profil aufbauen: günstiger, angemessener, zukunftsweisender! Den unsinnigen und teuren Städte-Dauer-Konkurrenzkampf überließen wir dann einfach künftigen Bewerberstädten für Olympiaden aller Arten!


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