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»Ich bekomme jetzt Westgeld«

Ein Interview über den Karriereauftakt im Haus Leipzig, eine schamanische Prophezeiung und die Metaphysik der Musik

Frank Schöbel, 64, ist Schlagersänger. Geboren wurde er in Leipzig, wo auch seine Karriere begann. Vor der Wende gehörte er zu den bekanntesten und beliebtesten Künstlern seines Genres in der DDR. Heute steht er immer noch auf der Bühne.

Frank Schöbel, 64, ist Schlagersänger. Geboren wurde er in Leipzig, wo auch seine Karriere begann. Vor der Wende gehörte er zu den bekanntesten und beliebtesten Künstlern seines Genres in der DDR. Heute steht er immer noch auf der Bühne.

KREUZER: Herr Schöbel, im April dieses Jahres hatten Sie 45. Bühnengeburtstag. Wie haben Sie den gefeiert?
FRANK SCHÖBEL: Ach, ich hab da nicht gefeiert. Das war nur so ein Termin im Kalender. Im MDR-Fernsehen lief kurz zuvor eine Sendung von und mit mir, »Mitten ins Herz« hieß sie. Dort wurde das Jubiläum nur erwähnt, mehr gab es nicht.
KREUZER: Wie verlief denn Ihre Bühnenpremiere 1962?
SCHÖBEL: Wie, kann ich jetzt nicht mehr sagen. Ich weiß aber noch, wo ich war: im Haus Leipzig. Dort war ich bei einer Band als Sänger und Gitarrist angestellt, die Heinz Müller hieß. Wir haben dort außer montags jeden Tag von 20 bis 0 Uhr gespielt, sonnabends sogar bis eins. Damals war es ungeschriebenes Gesetz, bei einer Mugge alles zu spielen, was gerade modern war: »Für Gabi tu ich alles« oder nen Blues oder was weiß ich – Tanzmugge halt.
KREUZER: Haben Sie auch den damals von offizieller Seite ungeliebten Rock’n’Roll gespielt?
SCHÖBEL: Nee, den gabs bei dem Orchester nicht. Ich weiß jetzt gar nicht, warum – ob die keine Noten hatten? Und ich bin mir auch nicht ganz sicher, ob es zugelassen war. Denn die Band war ja bei der HO angestellt, die Musiker mussten davon leben.
KREUZER: Der Beginn Ihrer Karriere Anfang der Sechziger in Leipzig fällt ja etwa mit der legendären Beatdemo zusammen. Wie haben Sie dieses Ereignis wahrgenommen?
SCHÖBEL: Wann war die Beatdemo eigentlich?
KREUZER: 1965.
SCHÖBEL: Ach so. Da war ich schon in Berlin. Das konnte ich gar nicht mitkriegen. Denn ich war nur von April bis August 1962 musikalisch in Leipzig unterwegs. Danach kam ich zum Erich-Weinert-Ensemble der NVA nach Berlin.
KREUZER: Es war ja auch ein völlig unbedeutendes Ereignis der DDR-Kulturgeschichte …
SCHÖBEL: (lacht) … ja, ja. Aber es ist ganz wichtig, das Ding jetzt noch mal ganz hoch zu hängen. Es ist sicher nötig, heute darüber zu reden, was damals passiert ist, aber es nervt mich, wenn sich Leute aus der Zeit darüber profilieren wollen.
KREUZER: Deutsch zu singen, ist derzeit wieder ganz hip. Wie macht sich dieser Trend bei Ihnen bemerkbar?
SCHÖBEL: Bei mir gehts nicht darum, auf einer Welle mitzuschwimmen. Ich hab von Anfang an deutsch gesungen. Außerdem habe ich viele Lieder gemacht, bei denen es wichtig ist, den Text zu verstehen, sonst erreicht es die Leute nicht: »Mit mir könn’ses ja machen« zum Beispiel. Wir leben nun mal hier, wir sind Deutsche, und da finde ich es ganz normal, dass wir deutsch singen. Wellen und Moden bekomme ich gar nicht so mit.
KREUZER: Welche Position haben Sie eigentlich bezogen, als vor einiger Zeit wieder die Debatte um eine Deutschquote fürs Radioprogramm aufkam?
SCHÖBEL: Also, ich hätte das gut gefunden! Denn in Deutschland muss man das über eine Quote regeln, sonst läuft hier nichts. Aber es ist ja Demokratie angesagt … Letztlich bestimmt sowieso die Wirtschaft über die Werbung, was gespielt wird, wir sind doch bloß die musikalischen »Pappkameraden«.

KREUZER: In den alten Bundesländern sind Sie weniger erfolgreich als in den neuen. Warum eigentlich?
SCHÖBEL: In Fernsehen und Radio sind wir auch in den alten Ländern vertreten. Nur Konzerte finden keine statt. Es ist für mich im Grunde genommen alles so geblieben wie früher – nur, dass ich jetzt Westgeld bekomme und mit der Ausreise keine Schwierigkeiten habe. Im Ernst, na klar ist das bescheuert. Aber wer hat denn damit angefangen? Und komischerweise hat mir das auch mal ein Schamane prophezeit …
KREUZER: Bitte?
SCHÖBEL: Ja. Ich habe mich auch darüber gewundert. Er war aus Mexiko, ein Bekannter meiner Tochter. Angeblich hat er gespürt, dass hier mein Gebiet sei. Und ich sollte mich dem voll widmen. Das mache ich eigentlich auch.
KREUZER: Sie bekommen manchmal erotische Fanpost von Frauen. War auch schon mal welche von Männern dabei?
SCHÖBEL: Woher wollen Sie denn überhaupt wissen, dass ich erotische Fanpost bekomme? Das geht außerdem nur mich was an. Allerdings habe ich ein paar lustige Briefe in meiner Autobiografie veröffentlicht. Der Rest bleibt sowieso privat. Wollen wir jetzt nicht mal langsam ein bisschen gedankliche Tiefe ins Interview bringen?
KREUZER: Gut, dann stelle ich Ihnen eine metaphysische Frage: Wie erklären Sie sich, dass Musik stärker als jede andere Kunstform auf die menschliche Seele einwirkt?
SCHÖBEL: Wir bestehen bis zu 80 Prozent aus Wasser. Wenn wir einem Gedanken Energie verleihen, wird dieser als Schwingungsmuster in unserem Körper gespeichert und zusammen mit den Schwingungen der Musik kann man den Menschen in besonderer Weise erreichen. Es soll sogar laut der chinesischen Lehre des Feng Shui drei Tonarten geben, die den Menschen besonders ansprechen. Wir sind Schwingung. Wir sagen ja auch manchmal: Ich liege auf einer Wellenlänge mit dir. Unser ganzer Körper besteht also daraus. Und wenn die richtige Schwingung von außen unseren Körper erreicht, dann ist eigentlich alles gesagt.

»Letzte Fragen« ist eine Rubrik des Stadtmagazins KREUZER. Dieses Interview erschien in der Mai-Ausgabe 2007.
http://www.frank-schoebel.de

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