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»Ich hatte keinen Mut«

Ein Interview über wildes Ostrocker-Leben, IM-Vergangenheit und Ulla Meineckes Steuerunterlagen

Cäsar Peter Gläser war Mitglied der legendären Klaus-Renft-Combo, die den DDR-Rock begründete und 1975 verboten wurde. Cäsar war IM der Stasi, bevor er im Frühjahr 1989 nach Westberlin ausreiste. Dort arbeitete er unter anderem als Taxifahrer. Heute ist er Kopf der Band Cäsar & die Spieler. Er lebt in Leipzig.

Cäsar Peter Gläser war Mitglied der legendären Klaus-Renft-Combo, die den DDR-Rock begründete und 1975 verboten wurde. Cäsar war IM der Stasi, bevor er im Frühjahr 1989 nach Westberlin ausreiste. Dort arbeitete er unter anderem als Taxifahrer. Heute ist er Kopf der Band Cäsar & die Spieler. Er lebt in Leipzig.

KREUZER: Cäsar, du hast immer intensiv Sex and Drugs and Rock’n’Roll gelebt. Wie ist das heute?
CÄSAR PETER GLÄSER: Na, heute hat sich das beruhigt.

KREUZER: Wirklich?
CÄSAR: (lacht) Wirklich. Ich habe ja auch Kinder und will denen auch ein bisschen was anderes vorleben, als ich selbst getrieben habe.

KREUZER: Klingt ja fast nach Reue.
CÄSAR: Na ja, nicht unbedingt. Das wilde Leben von damals war ja auch zeitgeschichtlich bedingt. Wir hatten ganz gestrenge Eltern. Manche äußerliche Form hatten sie noch aus der Nazizeit übernommen, Haarschnitte zum Beispiel: Wer etwas anderes als einen Fassonschnitt
trug, war sofort am Rand der Gesellschaft. Das Thema Sex lief nur unter vorgehaltener Hand – wenn überhaupt. Das haben wir natürlich gar nicht eingesehen, haben über Sex geredet und unsere Haare lang wachsen lassen – unter
großen Angriffen.

KREUZER: Der Koautor deiner kürzlich erschienenen Autobiografie, der SPD-Stadtrat Gerhard Pötzsch, will in Wahren eine Straße nach Klaus Renft benennen. Ist das ein PR-Gag für dein Buch?
CÄSAR: Nee. Das hat einfach mit Klaus‘ Tod zu tun, der sich im Oktober zum ersten Mal jährt. Die Straße liegt am Anker in Wahren, der sehr eng mit ihm verbunden ist. Er hatte dort seinen ersten Auftritt, wurde dort zum ersten Mal verboten. Außerdem kann man ihn als Urvater der DDR-Rockmusik bezeichnen. Freilich bezieht sich der Straßenname auch auf die Renft-Combo, zu der auch ich gehörte. Aber nach der Wende bin ich ja bei Renft nicht mehr eingestiegen, um der Band nicht mit meiner IM-Vergangenheit zu schaden.

KREUZER: Die Stasi hat dich engagiert, als du etwa 18 warst. Wie sind die gerade auf dich gekommen?
CÄSAR: Ich nehme an, dass sie sich ein Bild über deinen Charakter verschafften. Und dann wurdest du angesprochen. Die wussten, ich habe meine politische Bildung nur aus der Schule. Ich hatte auch keine Eltern, die gegen das System oder die Stasi direkt wetterten. Eigentlich war Politik zu Hause gar kein Thema, obwohl mein Vater in der LDPD* war. So bin ich relativ unbedarft in deren Fänge geraten – und habe unterschrieben. Auch im Glauben, etwas Richtiges getan zu haben.

KREUZER: Trotzdem kann ich mir nur schwer vorstellen, dass man als Jugendlicher in der DDR nicht über die Stasi Bescheid wusste.
CÄSAR: In etwa wusste man schon, wer die waren. Aber ich habe wirklich in gutem Glauben unterschrieben. Denn ich war tatsächlich für den Staat und Sozialismus – alles, was sie uns eben in der Schule erzählten. Dass es nicht mit der Wirklichkeit übereinstimmte, was man in der Zeitung las, habe ich dann spätestens mit der Renft-Combo erfahren. Und dann kriegt man Schiss vor diesen Leuten. Und traut sich nicht, auszusteigen.

KREUZER: Hätte man als IM kündigen können?
CÄSAR: Das kann ich nicht beantworten. Mit dem nötigen Mut hätte man das wahrscheinlich schon gekonnt. Indem man herumposaunt: »Nehmt euch in Acht vor mir, ich bin bei der Stasi!« Ich hatte diesen Mut nicht.

KREUZER: Wie hat dein Umfeld reagiert, als du deine IM-Vergangenheit offenbart hast?
CÄSAR: Die erste Reaktion war immer, dass sich die Leute das gar nicht vorstellen konnten. Aber es gab keinen, der sich auf der Stelle von mir abgewendet hätte. Alle blieben offen, und so konnte ich mich auch öffnen. Mit einem der Renft-Texter haben wir sogar einen Song darüber gemacht: »Kain ist tot«.

KREUZER: Nach der Wende warst du Taxifahrer in Berlin. Was war spannender: das Leben als Rockstar oder das als Taxifahrer?
CÄSAR: Als Taxifahrer lebt man auch spannend. Da passieren schon mal ulkige Geschichten. Einmal habe ich Ulla Meinecke gefahren. Wir haben eine ganze Tour gemacht, weil sie aus allen möglichen Wohnungen Steuerunterlagen zu-sammensuchte, die wir dann irgendwo nach Kreuzberg karrten.

KREUZER: Den berühmtesten Renft-Song, »Wer die Rose ehrt«, habe ich nie verstanden. Worum gehts darin?
CÄSAR: Er sagt, dass das ganze Leben widersprüchlich ist. So schön die Rose ist, hat sie eben auch den Dorn. Aber einmal wirft sie ihn ab. Da steckt der große humanistische Gedanke dahinter, dass die Widersprüche zwischen den Menschen irgendwann mal enden. Ich denke jedoch, dass wir diesen Zustand nie wirklich erreichen werden. Im Grunde ist es ein ganz pathetisches Lied.

KREUZER: Ehrst du die Rose?
CÄSAR: Ja …

»Letzte Fragen« ist eine Rubrik des Stadtmagazins KREUZER. Dieses Interview erschien in der Juni-Ausgabe 2007.
http://www.caesar-music.de
Peter Gläser, Gerhard Pötzsch: Wer die Rose ehrt. Die
Autobiografie. Militzke-Verlag 2007. 256 S., 24,90 €

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