Startseite / Kultur / »Dringender Handlungsbedarf«

»Dringender Handlungsbedarf«

Offener Brief der drei Leipziger Wagner-Verbände zur Situation der Oper Leipzig nach dem Rausschmiss von Intendant Maier

Die Vorstände der drei Leipziger Wagner-Verbände haben mit einem gemeinsam erarbeiteten offenen Brief an den Oberbürgermeister, die Bürgermeister, die Vorsitzenden der Stadtratsfraktionen und den Fachausschuss für Kultur auf den Rausschmiss von Opernintendant Henri Maier reagiert. Darin machen sie Vorschläge zur künftigen Ausrichtung der Oper, zur Spielplangestaltung und weisen auf den unbefriedigenden Stand der Vorbereitung des 200. Geburtstags von Richard Wagner im Mai 2013 hin. kreuzerONLINE dokumentiert den Inhalt des offenen Briefes.

Die plötzliche, ohne Angabe von Gründen erfolgte fristlose Entlassung des Opernintendanten Henri Maier im ersten Jahr der Verlängerung seines Vertrages nach fünf künstlerisch wenig ertragreichen Jahren und die eilige Berufung einer Findungskommission bestärken unsere Auffassung, dass dringender Handlungsbedarf für die zukünftige Ausrichtung der Oper Leipzig besteht. Es ist geboten, die Chance einer Neuordnung zu ergreifen und eine der künstlerischen Tradition Leipzigs angemessene Konzeption für die Oper zu entwickeln.

Wir sind der Meinung, dass eine Neuausrichtung nicht allein durch die Berufung eines von einer Findungskommission vorgeschlagenen Intendanten geleistet werden kann. Es ist dringend erforderlich, dass vor der Berufung die Stadtverwaltung und die Stadträte klare Vorstellungen entwickeln, wie das Profil der Oper künftig ausgeprägt werden soll. Wir meinen, die Oper müsste vorrangig für die Opernbesucher der Stadt und der Region Leipzig wirken, und zwar auf hohem künstlerischen Niveau wie es in jüngerer Zeit unter Leitung von Joachim Herz und Udo Zimmermann erreicht wurde. Dann werden auch kurzfristige Besucher der Stadt und Touristen von der Oper angezogen.

Die Gestaltung des Spielplanes müsste von den Traditionen Leipzigs ausgehen, die mit Georg Philipp Telemann beginnen, über Johann Adam Hiller im 19. Jahrhundert Höhepunkte mit Weber, Marschner, Lortzing und Wagner erreichten und im 20. Jahrhundert Uraufführungen wie „Jonny spielt auf“ von Ernst Krenek, „Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny“ von Bertolt Brecht und Kurt Weill, „Dienstag“ und „Freitag“ aus dem Zyklus „Licht“ von Karlheinz Stockhausen aufzuweisen haben. Zu diesen Traditionen gehören auch bedeutsame Aufführungen italienischer, französischer, russischer, tschechischer und anderer Länder Meister wie die deutsche Erstaufführung der Oper „Krieg und Frieden“ von Sergej Prokofjew.

Mit dem Blick auf den 200. Geburtstag des am 22. Mai 1813 in Leipzig geborenen, in aller Welt gewürdigten Musikdramatikers Richard Wagner verlangt dessen Werk beim Aufbau eines Repertoires besondere Aufmerksamkeit. Dazu gehört ein klares Bekenntnis der Stadtverwaltung und des Stadtrates zu Richard Wagner und seinem Werk. Mit der einseitigen Orientierung der Musikstadt Leipzig auf Johann Sebastian Bach, dessen Größe und Bedeutung außer Zweifel stehen, kann die Stadt anderen großen mit Leipzig verbundenen Künstlern wie Wagner, Mendelssohn, Schumann, Reger, Schein nicht gerecht werden.

Wagners Hauptwerk „Der Ring des Nibelungen“, das Leipzig 1878, zwei Jahre nach der Uraufführung in Bayreuth als erste Bühne mit eigenem Ensemble aufführte und 1973/76 in einer bahnbrechenden neuen Gestaltung vorstellte, müsste 2013 im Zentrum des aufzuführenden Gesamtwerkes stehen. Doch für die Verwirklichung dieses wichtigen Jubiläumsprojektes sah sich der bisherige Intendant und sieht der auch als Generalmusikdirektor der Oper wirkende Gewandhauskapellmeister Riccardo Chailly auf Grund ihrer bis 2011 bzw. 2010 abgeschlossenen Verträge nicht verantwortlich. (Dass neben Richard Wagners Werk auch das des im gleichen Jahr 1813 geborenen Giuseppe Verdi gebührend bedacht wird, halten wir für selbstverständlich.)

Deshalb müsste schnell ein neuer Intendant berufen werden, der willens ist, die Leipziger Oper ihren Traditionen entsprechend mit dem Blick nach vorn zu führen. Der müsste im gegenseitigen Einvernehmen mit der Stadt, die Eigentümer der Oper ist und deren Arbeit weitgehend aus Steuermitteln der Leipziger Bürger finanziert, einen klaren Auftrag erhalten. Für die Berufung eines neuen Intendanten dürfte der Stadtrat sich aber nicht auf nur eine Findungskommission verlassen. Er müsste auch die Meinung mit Leipzig verbundener Künstler wie Joachim Herz, Ehrenmitglied der Oper Leipzig, von Fachwissenschaftlern und nicht zuletzt der Opernbesucher sorgfältig beachten.

Die vom Stadtrat beschlossene Bildung eines Richard-Wagner-Kuratoriums mit dem Oberbürgermeister an der Spitze unterstützen wir vorbehaltlos. Es wird aber die Bildung eines Arbeitsgremiums notwendig sein, das für die Gestaltung einer würdigen Richard-Wagner-Ehrung im Jahr 2013 verantwortlich ist.

Mit freundlichen Grüßen


Musiktheater

Anzeige

Kommentieren

Dein Kommentar

Keine Kommentare

Kommentare sind deaktiviert.