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»Kein Traum wie Rosamunde Pilcher«

Autorenfilmer Christian Petzold über seinen neuen Film »Yella«, New Economy, Horrorfilme und die Berliner Schule

Seine Filme wie »Die innere Sicherheit« oder »Gespenster« sind nie leicht greifbar, aber wirken lange nach. Der 1960 in Hilden bei Düsseldorf geborene Autorenfilmer Christian Petzold fasziniert durch seine dichte Erzählweise und ein ausgeprägtes Stilbewusstsein, das hierzulande seinesgleichen sucht. Als Hauptdarstellerin in seinem neuen Film »Yella« gewann Nina Hoss den Silbernen Bären. Sie spielt eine junge Frau, die aus der ostdeutschen Provinz gen Westen flieht, um die Arbeitslosigkeit und ihre zerrüttete Ehe gegen die schöne Welt der New Economy und eine neue Liebe einzutauschen. Der KREUZER traf Christian Petzold im traditionsreichen Hamburger Luxushotel Atlantic.

Seine Filme wie »Die innere Sicherheit« oder »Gespenster« sind nie leicht greifbar, aber wirken lange nach. Der 1960 in Hilden bei Düsseldorf geborene Autorenfilmer Christian Petzold fasziniert durch seine dichte Erzählweise und ein ausgeprägtes Stilbewusstsein, das hierzulande seinesgleichen sucht. Als Hauptdarstellerin in seinem neuen Film »Yella« gewann Nina Hoss den Silbernen Bären. Sie spielt eine junge Frau, die aus der ostdeutschen Provinz gen Westen flieht, um die Arbeitslosigkeit und ihre zerrüttete Ehe gegen die schöne Welt der New Economy und eine neue Liebe einzutauschen. Der KREUZER traf Christian Petzold im traditionsreichen Hamburger Luxushotel Atlantic.

KREUZER: Herr Petzold, endlich angekommen im Atlantic und der High Society?
CHRISTIAN PETZOLD: Dort werde ich nie ankommen. Aber das Atlantic ist trotzdem anders als die Hotels in »Yella«. Es ist verwurzelt mit der Innenstadt, Außenalster und dem sozialen Leben. Die Hotels im Film liegen an der Peripherie, am Rande eines Gewerbegebiets oder direkt am Flughafen …

KREUZER: … unterkühlte, leblose Orte des Venture-Kapitals und der New Economy. Was fasziniert Sie so daran?
PETZOLD: Wenn man in einem deutschen Fernsehspiel einen erfolgreichen Jungunternehmer sieht, unterscheidet er sich vom Kapitalisten der Weimarer Republik allein durch seine gegelten Haare und drei Handys statt Zigarre – das Muster ist genau dasselbe. Aber das Neue, die Globalisierung, die freien Geldflüsse muss man doch auch irgendwie erzählen. Ich wollte eine Liebesgeschichte im modernen Kapitalismus mit seinen Nichtorten, dem Wellness-, Design und Nichtraucherwahn zeigen.

KREUZER: Diese moderne Geschäftswelt findet Yella im Westen. Der Osten besteht aus leeren Fabriken und wirkt zugleich idyllisch. Erzählt der Film eine Ost-West-Geschichte?
PETZOLD: Nein, auch in Wuppertal ist die Industriegesellschaft eine Ruine. Nur lief der gesellschaftliche Wandel in Wittenberge wie in Zeitraffer ab. Der Schock ist deshalb größer und besser darstellbar.

KREUZER: Als Inspirationsquellen dienten Ihnen Harun Farockis Dokfilm »Nicht ohne Risiko« über Risikokapitalverhandlungen und ein Horrorfilm …
PETZOLD: … ja, Herk Harveys »Carnival of Souls« von 1962. Ein Meisterwerk, das mich früh beeindruckt hat. Für mich sind Horrorfilme ein wichtiger Teil des Kinos. Mit 13 las ich zudem die Kurzgeschichte »Ein Vorfall an der Owl-Creek-Brücke« von Ambrose Bierce, die dem Film zugrunde liegt. Die Geschichte eines Mannes, der im Moment seines Sterbens nicht von seinem gelebten Leben träumt, sondern von seinem erhofften. Das zieht sich durch die gesamte amerikanische Populärkultur.

KREUZER: Elfriede Jelinek nennt »Carnival of Souls« einen ihrer Lieblingsfilme und findet: »Die große Kunst dieses Films ist es, eine Lebende als Tote und wiederum als Lebendigere als alle anderen zu zeigen.« Ein bisschen wie Yella: Bei Bierce ist der Traum aber ein schöner, in »Yella« ein reiner Albtraum. Sind Sie ein Pessimist?
PETZOLD: Das nicht, aber mich interessiert das Traummaterial, das jemand zur Verfügung hat, die Realitätsfetzen, Traumata, Eindrücke, Gerüche, Bilder und Musik. Ich kann nicht wie Rosamunde Pilcher so tun, als wäre Traum wunderschön. Bei Yella interessiert mich nicht der Traum, sondern ihre Traumarbeit. Wie macht sie in ihrem Traum aus einem Mann, der sie bedroht, plötzlich einen Mann, der sie achtet? Wie macht sie aus einem Auto, in das sie nicht einsteigen will, ein Auto, mit dem sie gern zwischen Geschäftsterminen herumfährt? Wie wird aus einem bedrohlichen Fluss etwas fließendes Schönes, das zu Liebe wird? Diese Umwandlung von etwas, das sie getötet hat, zu etwas, das sie lebendig macht, wollte ich zeigen, und keinen schönen Traum der Erlösung.

KREUZER: Den gibt es auch bei Bierce nicht. Dort kehrt die harte Realität des Bürgerkriegs am Ende zurück. Das ist bitter genug. »Yella« hingegen zeigt überhaupt keinen Ausweg mehr.
PETZOLD: Trotzdem entscheidet sich Yella am Ende für eine der beiden Seiten.

KREUZER: Doch alles bleibt trostlos.
PETZOLD: Ich finde, Trostlosigkeit führt nicht zu Trostlosigkeit. Nur muss der Film selbst gut sein.

KREUZER: Sie sprechen die Form an. Darin erinnern Ihre Filme an den kürzlich verstorbenen Michelangelo Antonioni. Die Bilder erhalten ihre eigene Sprache zurück. Zeit wird neu erfahrbar.
PETZOLD: Antonioni hat mich schwer beeindruckt. Nicht nur Zeit und Raum, sondern auch die Spannungsräume aus Beziehungsgeflechten, genau wie bei Hitchcock.

KREUZER: Der Einfluss Antonionis macht sich auch bei den anderen Filmemachern der »Berliner Schule« bemerkbar. Stört Sie dieses Label?
PETZOLD: Überhaupt nicht. Obwohl ich vorsichtig mit Labels bin, weil sie genauso schnell wieder fallengelassen werden können.

KREUZER: Trifft man sich eigentlich untereinander?
PETZOLD: Mit Dominik Graf und Christoph Hochhäusler werde ich wahrscheinlich einen Film zusammen machen, nachdem ich das Remake von »The Postman Always Rings Twice« fertig habe. Das Label »Berliner Schule« gibt es doch nur, weil es mal ein paar Filmemacher gibt, die sich nicht nur in Szenekneipen treffen, saufen und sich einen
Scheißdreck für Filme interessieren, sondern über ihre Filme sprechen. Die Filme korrespondieren miteinander. Sie sind nicht alleine. Das finde ich so großartig daran.

KREUZER: Die »Berliner Schule« stand schon immer im Interesse der Leipziger Filminitiative Fernsehen macht schön, zu der Sie mal eingeladen waren.
PETZOLD: Ja, zur »Inneren Sicherheit«, glaube ich. In einem unheimlich vollen Keller.

KREUZER: Derzeit versucht die Initiative wieder einiges für den Filmnachwuchs zu stemmen. Was würden Sie diesem mit auf den Weg geben?
PETZOLD: Ganz viele Filme angucken! Das hab ich auch gemacht. Und mit den Leuten drüber sprechen. Da hab ich mehr gelernt als in jedem Filmhochschulseminar.

> ab 13.9. Passage Kinos; im Rahmen der Filmkunstmesse am 12.9., 20.15 Uhr in Anwesenheit Christian Petzolds
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