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Ein reicher Mann

Der KREUZER macht eine Landpartie – zum Bio-Bauernhof Hundert Morgen Land in Röcknitz

Die 38 Kilometer von Leipzig nach Röcknitz schafft man laut Map24 in rund 50 Minuten. Dank einiger ungewollter Umwege haben wir fast anderthalb Stunden gebraucht, als wir bei Bio-Bauer Hartmut Müller auf den Hof fahren. Dort wird gebaut, einige Männer werkeln an einer Mauer herum. Aus der kleinen Gruppe löst sich einer, er winkt uns zu und setzt sich in Bewegung.

Die 38 Kilometer von Leipzig nach Röcknitz schafft man laut Map24 in rund 50 Minuten. Dank einiger ungewollter Umwege haben wir fast anderthalb Stunden gebraucht, als wir bei Bio-Bauer Hartmut Müller auf den Hof fahren. Dort wird gebaut, einige Männer werkeln an einer Mauer herum. Aus der kleinen Gruppe löst sich einer, er winkt uns zu und setzt sich in Bewegung.

Hartmut Müller, Bio-Bauer seit 1993, steht vor uns. In Jeans und T-Shirt. Mittelgroß, dunkelblond, bärtig, mit tiefen Lachfalten um die Augen und nicht minder tiefen Furchen in den Handflächen. Die Begrüßung ist kurz, aber freundlich. Zuerst führt er uns in den Lagerraum, wo die Bio-Kisten gepackt werden.
Mit einem Renault Clio und fünf Kisten im Heck hat Müllers Bio-Kisten-Lieferservice 1995 angefangen. Inzwischen beliefert er 400 Kunden mit Bio-Kisten, die meisten von ihnen wohnen in Leipzig. Mittwochs und donnerstags wird gepackt; frische Produkte wie Salat, Kräuter, Käse und Brot werden Freitag früh angeliefert. „Um acht fangen wir an zu packen. Um kurz nach neun fährt der Fahrer los und hat dann bis abends acht zu tun. Da gibts nur eine Pause und ein Brötchen auf die Hand.“ Er wollte das Geschäft schon mal abgeben, das war zu einer Zeit, als die Auslieferer noch um Mitternacht in Leipzig herumfuhren.

Drei Fahrer, zwei Frauen zum Packen, zwei Halbtagskräfte sowie vier bis acht Saisonkräfte: So ein Bio-Bauernhof schafft Arbeitsplätze. „Wir sind doch gesund, und der liebe Gott hat uns zum Arbeiten geschaffen“, erwidert Müller auf die Feststellung, dass Ökoanbau mehr Arbeit macht als der herkömmliche. Dafür könne er seine Preise zu 60 bis 70 Prozent selbst bestimmen, ganz im Gegensatz zu den konventionellen Bauern, die völlig vom Großhandel abhängig seien.
Den Hof hat der 47-Jährige von seinen Eltern geerbt. Bis ins Jahr 1645 lässt sich der Müller’sche Stammbaum zurückverfolgen. In der ganzen Zeit war der Hof immer im Familieneigentum. 40 Hektar Land gehören dazu, 90 Hektar sind gepachtet. Was Müller auf seinen Feldern nicht selbst anbaut, bezieht er über den Bio-Großmarkt oder im Tausch mit seinen Bio-Bauer-Kollegen. Vom Bienert-Hof in Taucha bekommt er Tomaten und Gurken, im Gegenzug liefert er Mohrrüben und Kohl.

Durch den Kräutergarten (Zitronenmelisse, Bohnenkraut, Basilikum, Petersilie, Pfefferminze) geht es an Obstbäumen vorbei zu einem abgesteckten Stück Grün, auf dem die Hühner leben. Glückliche Hühner, die das Gras unter den Krallen spüren und reichlich Platz haben, um aufgeregt herumzuflattern, als wir uns ihnen nähern. Die Eierproduktion schwankt – zurzeit kommen 150 Eier am Tag zusammen, normalerweise sind es aber 250. Die werden auch gebraucht, denn Müller will in der Woche weit über tausend Eier verkaufen.
Wir machen uns auf den Weg zum Gemüse, das er auf der anderen Seite des Dorfes anbaut. Zwischen allerlei Unkraut stehen Sellerie, Weißkohl, Broccoli, Blumenkohl und Kohlrabi. Ein Kohlweißling hat sich den Weg unter die Kulturschutznetze gebahnt, ebenso eine Fliege, die dort nicht hingehört. Auf der anderen Seite des Feldweges gedeihen Mohrrüben, Wirsing, Rosenkohl, Mangold, Fenchel, Salat. An Letzterem tun sich besonders gern die Rehe aus dem nahe gelegenen Wald gütlich.

Zum Schluss statten wir den 25 Bullen, Kühen und Kälbern auf der Rinderweide einen Besuch ab. Die Tiere leben das ganze Jahr über dort; bei kalter Witterung finden sie Schutz unter einem Unterstand, wo sie Heu und Silage bekommen. Zwölf bis fünfzehn Rinder werden pro Jahr geschlachtet. Sie sehen stattlich aus: cremefarben und braun, mit kräftigen Muskeln. „Der mächtige Bulle mit Kringellöckchen auf der Stirn war der Renner beim letzten Hoffest“, sagt Müller. Zwei weiße Kälbchen lugen aus der sicheren Nähe ihrer Mütter zu uns herüber. Milch verkauft er nicht, die brauchen die Kälber selbst.
„Ich mache nichts weiter, baue ihnen nur die Weide auf und gebe ihnen jeden Tag Wasser. Der große Vorteil bei der extensiven Haltung ist, dass sie sich suchen, was sie brauchen. Und ich habe null Tierarztkosten.“ Als wir uns zum Abschied die Hände schütteln, sagt er noch: „Ich habe mal gelesen: Mit Ökolandbau wird man ein reicher Mann. Das mit dem reichen Mann, das können Sie vergessen – egal, inzwischen mache ich es einfach gerne.“ Und das glaubt man ihm aus Wort.

http://www.hundert-morgen-land.de

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