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Die letzten großen Fragen

Ulrich Seidl feiert den Menschen: in seiner filmischen Provokation »Import Export«

Man komme in Wien an. Nicht in einem kalt-blaustrahlenden diesmal. Nicht in der dampfenden Hitze der »Hundstage« inmitten reinlicher Reihenhäuser. Es ist Winter und es ist kalt. Anders kalt als in der Ukraine, aus der Olga gerade mehr oder minder geflohen ist. Weg von Mutter, Kleinkind und feuchtkalten Wänden, in denen man seinen eigenen Atem sehen kann. Aus dem ärmlich ausgestatteten Krankenhaus, das nicht mehr zahlen kann für ihre Arbeit als Krankenschwester.

Man komme in Wien an. Nicht in einem kalt-blaustrahlenden diesmal. Nicht in der dampfenden Hitze der »Hundstage« inmitten reinlicher Reihenhäuser. Es ist Winter und es ist kalt. Anders kalt als in der Ukraine, aus der Olga gerade mehr oder minder geflohen ist. Weg von Mutter, Kleinkind und feuchtkalten Wänden, in denen man seinen eigenen Atem sehen kann. Aus dem ärmlich ausgestatteten Krankenhaus, das nicht mehr zahlen kann für ihre Arbeit als Krankenschwester. Auch weg von der schäbigen Buchte, in der eine Freundin ihr erfolglos beibringen wollte, die Beine vor einer Webcam aufreizend zu spreizen, um sich dabei auf Anweisung des Users wahlweise einen Dildo oder den Finger in die Scheide einzuführen.

Eine andere Freundin holt Olga am Wiener Bahnhof ab. »Stadt der Witzmacher, der Speichellecker, der Spießgesellen«, wie sie Ingeborg Bachmann beschrieb. Und in der Tat ist man in Österreich noch am Streiten, ob man den Krieg nun mitverloren hat oder nicht, der Papst fühlt sich innig hierher verbunden, und man spricht landessprachlich von »Fleischhauereien« und »Anstalten für seelische Gesundheit«.

All dieses Krude, nicht wirklich in Worte Fassbare setzt Ulrich Seidl mit Vorliebe zentriert ins Bild. Er arbeitet mit dem, was er vorfindet. Und recherchiert mit Sorgfalt, um seine Rollen perfekt zu besetzen und die Tonalität zu treffen, die es marginal erscheinen lässt, ob man es nun mit einem Spielfilm oder einem Dokumentarfilm zu tun hat.

Ekateryna Rak, die Olga verkörpert, ist tatsächlich gelernte Krankenschwester und hat vor diesem Film nur kleine Theaterrollen gespielt, Paul Hofmann spielt sich und sein Leben zu großen Teilen selbst. Deshalb sind die Räume, die Seidl zeigt, keine Sets, sondern Orte, an denen seine Charaktere leben, oder zumindest leben könnten. Es wird nichts hindekoriert und nichts wegretuschiert.

Während Olga in Wien eine Putzfrauenstelle in einem Haushalt an der Ausfallstraße annimmt und ihr Quartier neben Waschmaschine und Trockner im Keller bezieht, kämpft sich Pauli durch eine Ausbildung zum Security-Mann. Er ist ein Rumhänger, der allen Geld schuldet. Er wird seinen Job bald wieder verlieren und ziellos durch die Wiener Straßen ziehen. Olga und er werden sich nie begegnen.

Den Parallelwelten seiner Protagonisten, die Seidl synchron montiert, wohnt jedoch eine Schnittmenge an Demütigungen, Niederlagen und tiefen, menschlichen Momenten inne, die diese verschmelzen lassen. Seidl thematisiert die globale prekäre Arbeitssituation sowie die prekären menschlichen Beziehungen, jedoch ohne dabei didaktisch zu werden oder gar nostalgisch. Bei ihm gibt es keine Rettung im Rückzug in familiäre Nestwärme, keine Liebe oder ein Glück im Kleinen. Trotzdem liefert er seine Figuren nicht ans Messer, sondern umgibt sie mit dem Schutzmantel der Integrität, der sie vor Bloßstellung und Untergang bewahrt.

Olga wird von ihrer Arbeitgeberin entlassen, weil diese ihr missgönnt, dass ihre Kinder Olga lieb gewonnen haben. In der Geriatrie, in der sie eine neue Anstellung als Reinigungsfrau findet, macht ihr die Krankenschwester (hervorragend gespielt von Maria Hofstätter) schnell klar, dass sie nur zum Putzen angestellt ist und sich nicht mit den Patienten abzugeben hat. Denn »bei uns« darf man nicht mehr wollen, als man wollen darf. Die Hierarchien müssen gewahrt werden, die Distinktionsmechanismen sollen Stellung bewahren.

Olga ringt ihrer Situation fröhliche Momente ab, da sie sich die Fähigkeit bewahrt, diese zu sehen. Sie hört nicht nur die Zwölftonmusik der brabbelnden Dementen, sondern sieht den einzelnen Menschen. Sie gibt ihnen Respekt und Würde, sie wiederum geben ihr das Gefühl, gebraucht zu werden.

Seidl wird oft vorgeworfen, er führe Menschen vor, weil er Laiendarsteller in seinen Spielfilmen für Rollen besetzt, die den Zuschauer zum Voyeur werden lassen, und Protagonisten in seinen Dokumentarfilmen oft über moralische Schmerzgrenzen hinaus agieren. In der Tat sind die meisten Demenzkranken und Alten auch in diesem Film »echt«. Die Kritik aber ist völlig verfehlt. Zwar thematisiert Seidl die Grenzen des Ethischen, überschreitet diese jedoch nie selbst, da in jeder seiner Szenen spürbar wird, auf wessen Seite er steht. Es wird fühlbar, dass er die Menschen und alles Menschliche respektiert, ja geradezu liebt. Zumal es Seidl wie kaum einem anderen gelingt, die letzten großen Fragen, die Basis alles Humanistischen mit wenigen, sporadischen Gesten meisterhaft zu verhandeln.

Sitzen die Alten mit Pappnasen und bemalten Gesichtern in ihren Rollstühlen zum Karneval herausgeputzt in den grellen Neonfluren, so sind es nicht ihre traurigen Fratzen, die uns entgegenblicken, sondern sie spiegeln uns unsere nur stümperhaft kostümierte, blanke Angst vor dem Untergang, dem eigenen Ende.

Pauli und sein Stiefvater fahren gen Ukraine, an Bord eine Ladung anachronistischer Spiel-automaten. Das Jammern der angefrorenen Scheibenwischerblätter begleitet sie. Derweil tanzt Olga im Playboyhäschenkostüm mit dem Pfleger. Glück ist möglicherweise etwas anderes, Leben genau das.

18.-24.10., Cinémathèque in der naTo, 25.10.-8.11., Schaubühne Lindenfels

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