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Enthusiasmus und Nachhaltigkeit

Distillery-Betreiber Steffen Kache über die Anfänge und nachhaltiges Handeln von Leipzigs renommiertestem Club

Was 1992 als illegaler Techno-Club in einer leer stehenden Brauerei in der Biedermannstraße begann, avancierte später am Ende der Kurt-Eisner-Straße zu einem deutschlandweit renommierten Club, der ganz verschiedene Stile der elektronischen Musik abdeckt. Von Anfang an dabei ist Steffen Kache, heutiger Geschäftsführer. Im KREUZER-Interview blickt er auf die Anfänge und die Entwicklung des Clubs zurück.

Was 1992 als illegaler Techno-Club in einer leer stehenden Brauerei in der Biedermannstraße begann, avancierte später am Ende der Kurt-Eisner-Straße zu einem deutschlandweit renommierten Club, der ganz verschiedene Stile der elektronischen Musik abdeckt. Von Anfang an dabei ist Steffen Kache, heutiger Geschäftsführer. Im KREUZER-Interview blickt er auf die Anfänge und die Entwicklung des Clubs zurück.

KREUZER: Erinnerst du dich an die erste Distillery-Nacht?
STEFFEN KACHE: Klar, das war der 18.9.92. DJ Till hat gespielt und die Beleuchtung war viel zu hell. Das war in einem Keller und wir hatten Angst, dass die Leute irgendwo dagegenrammeln. Es war sogar relativ voll – 200 Leute.
KREUZER: Waren die Partys damals anders als heute?
KACHE: Auf jeden Fall. Es gab am Anfang außer Alkohol definitiv keine weiteren Drogen. Deswegen waren die Partys auch relativ früh zu Ende, so gegen sechs Uhr war meist Schluss. Und die Leute, die da waren, kannten sich besser mit der Musik aus als heute. Es war damals eine kleine Szene, bestehend aus Musikenthusiasten. Jetzt ist es so, dass man Teil einer gewissen Jugendkultur ist und nur noch maximal die Hälfte der Leute weiß, was läuft.
KREUZER: Du gehörtest zur techno-begeisterten Jungsgruppe »TLL-Core«.
KACHE: Ja. Wir waren etwa zehn Leute – TLL steht für Taucha, Leipzig, Lindenthal – und sind gemeinsam ins Lollipop und Haus Auensee gegangen. Dann kam Techno und wir stellten fest, dass das in Leipzig nirgendwo läuft. Wir sind oft nach Berlin gefahren. Dort haben wir Clubs wie Planet und Tresor gesehen und dachten, das brauchen wir auch hier. 1991 organisierten wir erste Partys in einem Jugendclub in Sellerhausen. Da gabs aber irgendwann Probleme mit Neo-Nazis. Später hatten wir im Zoro, Conne Island und Werk II einzelne Abende, bis wir die Brauerei entdeckten.
KREUZER: Mit 19 hast du einen Club miteröffnet, was für ein Gefühl war das damals?
KACHE: Das war Spaß. Es war damals nicht abzusehen, dass es wirklich mal ein Club wird. Wir sind davon ausgegangen, dass wir nach sechs Wochen wieder rausfliegen. Die alte Brauerei war komplett illegal, es gab keinen Mietvertrag und keine Gewerbeerlaubnis. Wir sind einfach rein, haben den Brauerei-Brunnen für das Wasser in den Toiletten angezapft, ein Aggregat reingestellt und dann ging es los. Irgendwie lief das viel länger als gedacht.
KREUZER: Warum wurdet ihr so lange geduldet?
KACHE: Ich glaube, das erste Jahr hat es die Stadtverwaltung nicht gecheckt. Dann hat es in der Brauerei gebrannt und sie sind auf eine verschlossene Tür mit Graffiti gestoßen. Wir bekamen eine Vorladung beim Amt für Sicherheit und Ordnung und die wollten uns sofort zumachen. Vor dem Rathaus haben wir dann mit 1.000 Leuten, Musik und Nebelmaschine eine Demo gemacht. Da waren die sehr beeindruckt, so dass sie uns erst mal weiter geduldet haben. Nach einem Jahr wurden uns im Beisein der Bild-Zeitung aber doch die Türen zugemauert.
KREUZER: Meinst du, heute würden auch Leute demonstrieren, wenn die Schließung des Clubs anstünde?
KACHE: Ich würde es nicht ausschließen. Ich bin zwar nicht so sicher wie vor dreizehn Jahren, aber wenn ich sehe, wie viele Leute wieder beim Umbau während der Sommerpause da sind und mithelfen – einfach nur aus Identifikation mit dem Club -, denke ich schon, dass wir einige Leute mobilisieren könnten.
KREUZER: Wie war das für dich, als du um 2000 allein weitergemacht hast?
KACHE: Das war eine schwierige Zeit. Im Nachhinein muss ich sagen, dass die Trennung – wir waren vier Betreiber – zu schnell kam. Im ersten Moment dachte ich, okay, ich mache allein weiter. Aber es war eine Umstellung, sich mit niemandem auf gleicher Ebene austauschen zu können, der auch mal Kontra gibt. Zu viert hatten wir wirklich auf einem guten Level gearbeitet. Den Großteil hatte ich vorher schon gemacht, insofern war es naheliegend, dass ich den Laden weiterführe. Die Frage war damals, wie sich der Club entwickeln sollte. Ich hatte dann mehr Freiheiten, was teilweise vielleicht auch sinnvoll war. Jetzt bin ich an dem Punkt, wo ich eine Struktur sehe und mit Leuten zusammenarbeite, auf die ich mich verlassen kann.
KREUZER: Nach der diesjährigen Sommerpause ist viel passiert – der Keller wurde umgebaut, das Booking hat sich geändert. Findet wieder eine Neuausrichtung statt?
KACHE: Jein. Was das Booking betrifft, da habe ich mich von Marcel Baer, dem Booker für die Samstage, getrennt. Aber vom Konzept her, wie das Programm entsteht, kam schon länger viel Input von unseren Resident-DJs. Wir wollen jetzt mehr die Residents featuren, also nicht nur große Namen buchen. Denn zwischen den Residents ist in den letzten Jahren ein starker Zusammenhalt entstanden. Die Idee ist, auch eine Booking-Agentur entweder allein oder mit jemandem zusammen aufzubauen, um die Distillery-DJs deutschlandweit rauszubringen. Was den Keller betrifft, da fand die Neuausrichtung rein vom Aussehen her eigentlich schon 2006 statt. Stephan von Wolffersdorff, der im 10/40-Club viel gemacht hat, hatte damals das Konzept für unseren oberen Floor entworfen. Er hatte auch maßgeblichen Anteil am Kellerumbau. Insofern ist es nur eine Fortsetzung des oberen Konzepts im Keller.
KREUZER: In einem Interview von 2004 hast du gesagt, dass du dir auch vorstellen kannst, irgendwann in die Kommunalpolitik zu gehen. Ist das noch eine Option für dich?
KACHE: Ja, ich bin Mitglied bei den Grünen. Ich überlege auch, ob ich vielleicht nächstes Jahr für den Stadtrat kandidiere. Ich hätte schon Lust darauf.
KREUZER: Was stünde auf deiner politischen Agenda ganz oben?
KACHE: Für mich geht es um Nachhaltigkeit, sei es bei Umwelt-, Sozial- oder Stadtpolitik. Ich würde mich da nicht auf einen Bereich festlegen, weil das alles zusammenhängt, sondern versuchen, nach dem Grundsatz »Think global, act local« zu handeln. Es gibt viele globale Probleme, die einen angehen. Und da ist die Frage, wie man auf lokaler Ebene Initiativen starten kann, die nach außen abstrahlen. Aber kommunalpolitisch habe ich bisher wenig gemacht, dafür ist die Distillery zu sehr ein Fulltime-Job.
KREUZER: Gibt es im Club Bereiche, wo du nachhaltig arbeiten kannst?
KACHE: Ich möchte gern Solarkollektoren aufbauen und den Club vielleicht zu einem Null-Energie-Club machen. Vor zwei Jahren haben wir eine Schallschutzdecke eingebaut und dadurch den Laden auch wärmeisoliert. Seitdem brauchen wir fast kein Heizöl mehr. Das ist auch finanziell cool, aber eigentlich würde ich das gern mehr publik machen, um zu zeigen, was möglich ist.

15 Jahre Distillery: 26./27./30.10. u. a. mit Jeff Mills (Detroit)
http://www.distillery.de

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