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Mehrwert mit Macken

Alles, bloß nicht langweilig: Juli Zehs Krimi »Schilf«

Jetzt also ein Krimi. Warum nicht, bereits Juli Zehs Erstling »Adler und Engel« war ja eine Art Politthriller. Aber selbstverständlich ist »Schilf« nicht einfach ein dahergelaufener Krimi. Es geht um mehr, unter anderem um Physik.
Wir begegnen den Phy-siker-Freunden Sebas-tian und Oskar, die nach dem gemeinsamen Studium unterschiedliche Wege gegangen sind: Während sich Sebastian auf die Viele-Welten-Interpretation kapriziert hat, bastelt Oskar an einer Vereinigung von Quantenmechanik und Relativitätstheorie.

Jetzt also ein Krimi. Warum nicht, bereits Juli Zehs Erstling »Adler und Engel« war ja eine Art Politthriller. Aber selbstverständlich ist »Schilf« nicht einfach ein dahergelaufener Krimi. Es geht um mehr, unter anderem um Physik.
Wir begegnen den Phy-siker-Freunden Sebas-tian und Oskar, die nach dem gemeinsamen Studium unterschiedliche Wege gegangen sind: Während sich Sebastian auf die Viele-Welten-Interpretation kapriziert hat, bastelt Oskar an einer Vereinigung von Quantenmechanik und Relativitätstheorie.
Über der Frage, was die Welt im Innersten zusammenhält, geraten sich die beiden gehörig in die Wolle, und die ohnehin komplizierte Freundschaft fängt ernsthaft zu bröckeln an. Plötzlich wird Sebastians Sohn Liam entführt und Sebastian erpresst. Um Liam freizubekommen, soll er – wie Kiefer Sutherland in der Kultserie »24« – einen Menschen umbringen, was er auf ebenso umständliche wie bizarre Weise erledigt.
Jetzt kommt die Polizei ins Spiel, zunächst in Gestalt der rabiaten Rita Skura, einer eigenartigen Mischung aus Angela Merkel und Lara Croft; dann erst (also wirklich sehr spät) wird der schrullige Kommissar Schilf herangezogen, dem der ganze Roman seinen Titel verdankt und der den Fall mit, wie es immer so schön heißt, unkonventionellen Methoden löst. Aber wie Juli Zeh selbst in ihrem Prolog ankündigt: »Am Ende scheint alles anders, als der Kommissar gedacht hat – und doch genau so.« Verraten sei an dieser Stelle nur so viel, dass die Auflösung des Falles leider ziemlich vorhersehbar und unfassbar läppisch ist.
»Schilf« weist alle Macken und Mängel auf, die Zehs Romanen von jeher angekreidet werden: Die Handlung ist viel zu ausgebufft, um wahr-scheinlich zu sein, die Figuren entsprechend schablonenhaft (man weiß auch nie so recht, wer denn eigentlich die Hauptfigur sein soll), die Sprache wie gewohnt überfrachtet mit verunglückten Metaphern und an den Haaren herbeigezogenen Vergleichen. Man kann sich schon darüber wundern, dass weder das berühmte Deutsche Literaturinstitut Leipzig, an dem Juli Zeh heute selbst lehrt, noch das Lektorat bei Schöffling ihr den Hang zum poetischen Schwulst austreiben konnte (oder wollte).
Warum habe ich »Schilf« trotzdem gerne gelesen?
Weil Juli Zeh den einen Fehler, die einzig unverzeihliche Sünde, deren sich ein Autor schuldig machen kann, nicht begeht: nämlich zu langweilen. Nicht dass einem auf jeder Seite gleich eine Überdosis Adrenalin in die Adern schießt, aber der Leser wird doch zuverlässig bei der Stange gehalten. Und das ist nicht das Schlechteste, was sich über einen Roman sagen lässt.
After all imponiert mir ganz einfach, dass Juli
Zeh, anders als die meisten Autoren ihrer Generation, vor schwierigen Themen wie physikalischen Theorien nicht zurückscheut. So scheitert sie wenigstens auf hohem Niveau. Das ist mir allemal lieber als diese konfektionierte Innerlichkeit, die einige Verlage noch immer glauben ihren Lesern als hohe Literatur verkaufen zu müssen.
Was Juli Zeh fehlt, ist nicht Talent, Ehrgeiz schon gar nicht. Es ist wohl schlicht und ergreifend erzählerische Sorgfalt. Die bleibt sie ihrer Begabung und ihren Lesern wieder einmal schuldig.

Juli Zeh: Schilf. Frankfurt am Main: Schöffling & Co. 2007.
386 S., 19,90 €

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