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Zurück ins soziale System

Warum Ämter Schwänzen bagatellisieren und welche Zukunft Schulverweigerer in Leipzig haben

Zuerst fehlte sie nur einzelne Stunden, dann Wochen – und nach den Sommerferien kam sie gar nicht mehr. Vor drei Jahren war Jacqueline zuletzt in der Schule. Heute ist sie 14. Lieber bleibt sie zu Hause, spielt mit ihren zwei Hunden, liest Fantasy-Romane und sagt, sie fühle sich hier wohler als in der Schule, wo sie gehänselt wurde und Lernen keinen Spaß machte. Weil Jacquelines Eltern ihre Tochter nicht zum Schulbesuch motivieren können, obwohl sie laut Schulgesetz dafür verantwortlich sind, hat das Ordnungsamt eine Geldbuße über 1.200 € verhängt. Jacquelines Vater, der als Schlosser arbeitet, will und kann nicht bezahlen. Deshalb hatten sich die Eltern kürzlich vor dem Leipziger Amtsgericht zu verantworten.

Zuerst fehlte sie nur einzelne Stunden, dann Wochen – und nach den Sommerferien kam sie gar nicht mehr. Vor drei Jahren war Jacqueline zuletzt in der Schule. Heute ist sie 14. Lieber bleibt sie zu Hause, spielt mit ihren zwei Hunden, liest Fantasy-Romane und sagt, sie fühle sich hier wohler als in der Schule, wo sie gehänselt wurde und Lernen keinen Spaß machte. Weil Jacquelines Eltern ihre Tochter nicht zum Schulbesuch motivieren können, obwohl sie laut Schulgesetz dafür verantwortlich sind, hat das Ordnungsamt eine Geldbuße über 1.200 € verhängt. Jacquelines Vater, der als Schlosser arbeitet, will und kann nicht bezahlen. Deshalb hatten sich die Eltern kürzlich vor dem Leipziger Amtsgericht zu verantworten.
Jacqueline ist kein Einzelfall. Verweigerten sich Mitte der 90er Jahre in Leipzig pro Schuljahr noch rund 300 Schüler dem Lernen, so sind es aktuell viermal so viele, unterm Strich rund drei Prozent aller Schüler. Einer Analyse der TU Dresden zufolge steht der Freistaat Sachsen im Vergleich mit anderen Ländern offenbar noch ganz gut da. Experten gehen davon aus, dass bundesweit etwa zehn Prozent der Kinder die Schule schwänzen.
Die meisten Versäumnisse melden in Leipzig die Förderschulen, gefolgt von den Mittelschulen. Die Studie zeigt außerdem, dass nicht Schulstress der Auslöser für anhaltendes Schwänzen ist: »Das Problem entsteht häufig über Jahre, wenn Kinder im Elternhaus nicht genug Halt, Offenheit und Strukturen erleben«, sagt Roman Schulz, Pressesprecher der Bildungsagentur.
Urteile wie jenes vom Amtsgericht für Jacquelines Eltern bagatellisieren das Problem und ebnen potenziellen Verweigerern den Weg. Weil das Jugendamt und die Richter konstatierten, dass »keine Gefahr für Leib und Leben des Mädchens besteht«, wurde das Verfahren wegen Geringfügigkeit eingestellt. »Uns sind die Hände gebunden«, heißt es dazu aus dem Schulamt. »Wir können die Eltern nur bitten, ihr Kind zur Schule zu bringen. Wir haben in Sachsen hier eine Gesetzeslücke.«
Das wirft die Frage auf, ob hier nicht in Kauf genommen wird, dass Kinder verwahrlosen, weil den Ämtern die Handhabe fehlt. Muss ein Kind erst kriminell werden (laut Statistik geschieht
dies bei jedem dritten Schulschwänzer), bevor es »Handlungsbedarf« gibt? Sachsens Kultusminister Steffen Flath ließ auf eine Bürgeranfrage zum Fall Jacqueline schriftlich mitteilen, er sehe keine Gesetzeslücke oder den Bedarf einer Gesetzesänderung. Es gebe die Möglichkeit von Zwangshaft oder einem Zwangsgeld in Höhe von 25.000 €.
Die Bildungsagentur glaubt, dass Kinder wie Jacqueline keine Chance auf eine reguläre Schullaufbahn mehr haben. »Eine 14-Jährige kann man nicht in die fünfte Klasse integrieren, auch wenn sie vom Lernniveau dort hingehört«, so Roman Schulz. Hätten die Pädagogen an
Jacquelines Mittelschule gewusst, dass sie Förder-mittel für sogenannte abschlussgefährdete Schüler beantragen können (immerhin 35.000 €
pro Schuljahr!), wäre das Mädchen vermutlich noch im sozialen System.
Vielleicht bekommt Jacqueline ja einen Platz in einem Schulverweigerer-Projekt, zum Beispiel beim Verein Take off. Dessen Ziel ist es, die Kinder in kleinen Schritten zum Hauptschul-abschluss zu führen. Derzeit sind in Sachsen 150 Schüler in 12 Schulverweigerer-Projekten integriert.
Zukünftig wird das Land mehr für lernschwache und benachteiligte Kinder tun. Steffen Flath stellte in diesen Tagen ein von der EU und dem Freistaat finanziertes Förderprogramm vor. Bis 2013 sollen knapp 122 Millionen € in spezielle Bildungsprogramme fließen. »Sachsen betritt damit Neuland in der Bildungsarbeit«, tönt der Minister, »ein vergleichbares Förderprogramm gab es bisher nicht.« Jacqueline hat also vielleicht doch noch eine Chance, zurückzufinden ins soziale System. Zumindest theoretisch.


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