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Spuren eines Massakers

Andrea Lammers und Ulrich Miller haben nach zwölf aufreibenden Jahren ihren Guatemala-Dokfilm »Das Gesetz der Morgenröte« vollendet

Guatemala in den 90er Jahren. Die ersten Bürgerkriegs-Flüchtlinge kehren zurück. Sie waren vor der »Strategie der verbrannten Erde« geflohen, mit der die Machthaber den Guerillas den Boden entziehen wollten, indem sie die Zivilbevölkerung töteten und vertrieben. Mitten im Urwald wollen die Rückkehrer nun neue Siedlungen gründen: zivil, multi-ethnisch, selbstverwaltet und basisdemokratisch.

Guatemala in den 90er Jahren. Die ersten Bürgerkriegs-Flüchtlinge kehren zurück. Sie waren vor der »Strategie der verbrannten Erde« geflohen, mit der die Machthaber den Guerillas den Boden entziehen wollten, indem sie die Zivilbevölkerung töteten und vertrieben. Mitten im Urwald wollen die Rückkehrer nun neue Siedlungen gründen: zivil, multi-ethnisch, selbstverwaltet und basisdemokratisch.

So auch die Gemeinde »La Aurora 8 de Octubre« (Die Morgenröte des 8. Oktober), benannt nach dem Tag, als die Regierung den Flüchtlingen vertraglich eine sichere Rückkehr garantierte. Die Morgenröte im Namen steht für den hoffnungsvollen Neuanfang. Doch eines Tages im Jahr 1995 taucht eine Gruppe von Regierungssoldaten auf. Die Stimmung ist angespannt. Plötzlich fallen Schüsse. 11 Dörfler sterben, 30 werden zum Teil schwer verletzt.

Andrea Lammers, seit mittlerweile zehn Jahren Leipzigerin, hält sich zu jener Zeit als internationale Beobachterin einer NGO in Guatemala auf. Dort wurde sie geboren, als ihr Vater Telefonleitungen verlegte. »In meinen Kindheitsträumen war es das schönste Land der Welt, bis ich Anfang der Achtziger von den Massakern erfuhr«, erzählt Lammers. Als sie vom Vorfall in Aurora hört, macht sie sich umgehend auf den Weg, um zu verhindern, dass überlebende Augenzeugen verschleppt oder ermordet werden. An der Seite der Verletzten im Krankenhaus vergehen Monate, in denen sie immer tiefer in ihr Schicksal eintaucht.

Als Ulrich Miller von der Geschichte erfährt, entwickelt er die Idee zu einem Dokumentarfilm. Die beiden kennen sich aus der bayrischen Provinz, wo sie Ende der Achtziger im Lokaljournalismus tätig waren und Filmtage mit Gästen wie Ulrich Seidl und Michael Glawogger organisierten, als diese noch unbekannt waren. 1992 war Miller als Student nach Leipzig gezogen. »Ich bin mit dem Ziel hergekommen, Filme zu machen«, sagt er. Für einen guatemaltekischen Spielfilm hatte er bereits den Verleih übernommen, nun suchte er nach einem Stoff für einen eigenen Film.

Nach zwölf Jahren ist »Das Gesetz der Morgenröte« nun so gut wie vollendet. Für Lammers (46) wie auch Miller (41) ist es der erste Film in eigener Regie. Er erzählt vom langwierigen Kampf der Dörfler mit der Justiz, die die Täter des Massakers verurteilt sehen wollen. Die Rechtssprechung wechselt je nach politischer Wetterlage, bis am Ende doch so etwas wie Gerechtigkeit herrscht. Ähnlich langwierig und kompliziert entwickelte sich das Filmprojekt. Denn die Geschichte nahm immer neue Wendungen, und beide Filmemacher mussten sich als Autodidakten beweisen.

Für die Mitarbeit konnten klangvolle Namen gewonnen werden. Schnitt: Dörte Völz-Mammarella (Cutterin von Helga Reidemeister und Rudolf Thome). Kamera: Lars Barthel (Regisseur von »Mein Tod ist nicht dein Tod«). Musik: Freejazz-Legenden Barre Phillips (Bass), Evan Parker (Saxofon) und Lawrence Casserley (Soundprocessing). Außerdem Gitarrist Doug Martsch von der Band Built to Spill. Mit einer eigenen Freejazz-Formation steuert auch Miller selbst zum Sound bei. Und hätte Claudia Tronnier, ZDF-Redakteurin bei »Das kleine Fernsehspiel«, nicht unbeirrt an das Projekt geglaubt, wäre die Finanzierung wohl ein Traum geblieben.

Mittlerweile konnte Millers Produktionsfirma pop tutu film darüber hinaus mit anderen Projekten Fuß fassen. Auch Lammers schwebt bereits die Idee für einen weiteren Dokumentarfilm vor, diesmal über Marokko. Wenn »Das Gesetz der Morgenröte« demnächst auf Festivalreise geht und schließlich im Fernsehen ausgestrahlt wird, könnte das für beide den Durchbruch bringen. Die Chancen stehen gut. Denn ihr Film ist weit mehr als der Bericht über ein guatemaltekisches Randereignis, sondern eine Reflexion über Recht und Gerechtigkeit, die Macht der Justiz, des Militärs und der internationalen Gemeinschaft. Ein aufwühlender, kinoreifer Dokumentarfilm, self-made in Leipzig.

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