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Der Untote

Das Marx-Relief ist städtisches Wahrzeichen, Siegestrophäe des Sozialismus und Kindheitserinnerung für viele Leipziger zugleich. Warum es weder die eine richtige Geschichtsauffassung noch den einen expliziten Umgang mit dieser geben kann

Der Um- und Neubau der Uni hat Leipzig schon einige Diskussionen beschert. Unvergessen bleibt für viele wohl die Debatte um den Wiederaufbau der 1968 gesprengten Paulinerkirche im Rahmen der Entwurfsplanung für das Gelände am Augustusplatz. Aufgrund der Einmischung des Ministeriums und der erzwungenen Neuausschreibung des Wettbewerbs erklärte der damalige Rektor, Volker Bigl, 2003 seinen Rücktritt.

Der Um- und Neubau der Uni hat Leipzig schon einige Diskussionen beschert. Unvergessen bleibt für viele wohl die Debatte um den Wiederaufbau der 1968 gesprengten Paulinerkirche im Rahmen der Entwurfsplanung für das Gelände am Augustusplatz. Aufgrund der Einmischung des Ministeriums und der erzwungenen Neuausschreibung des Wettbewerbs erklärte der damalige Rektor, Volker Bigl, 2003 seinen Rücktritt.

Kein Streit in dieser unendlichen Geschichte wies allerdings so absurde Züge auf wie die Frage nach dem zukünftigen Standort des Reliefs »Aufbruch«, besser bekannt als »Marx-Relief«. Die Entscheidung war eigentlich längst gefallen, die zuständigen Kommissionen und Gremien der Universität hatten ausgiebig diskutiert und sich in Rücksprache mit Stadt und Freistaat geeinigt: Das Relief, von 1973 bis 2006 am Hauptgebäude der Universität installiert, kommt auf den Campus Jahnallee.

Nichtsdestotrotz schien die Erwähnung des bekannten Denkmals eine ganze Reihe von Personen aus dem Winterschlaf aufzuscheuchen und zu einem empörten Aufschrei anzustacheln. »Nieder mit Marx!«, »Einlagern!«, »Einschmelzen!«, so tönte es dann vor allem in der Boulevardpresse. Es fehlte nur noch ein »Verbrennt es!«, aber das war wohl eher dem Material als dem Stil geschuldet.

Die Forderung, das Denkmal aus der Öffentlichkeit zu verbannen, wurde dann noch durch allerlei Lokalprominenz verdeutlicht, nicht zuletzt polemisierte ein Erich Loest in einem Offenen Brief gegen die Universität (siehe KREUZER 03/08, Seite 7).

Und spätestens hier wurde klar: Es geht um etwas ganz anderes als die Zukunft des Reliefs. Davon zeugte schon die Form des Streits. Die Kritik an der Wiederaufstellung des Denkmals wurde als politischer Vorwurf geäußert. Adressat war die Universität, insbesondere deren Rektor Franz Häuser. Dieser habe sich eigenmächtig über den Willen der Bürger dieser Stadt hinweggesetzt. Per Online-Umfrage war von LVZ, Bild und MDR ermittelt worden: 80 Prozent der Bürger würden sich gegen das Relief aussprechen. Dieses sei Propagandakunst eines verbrecherischen Regimes. Es widerspreche in schändlicher Weise der Geschichtsauffassung der großen Mehrheit der freiheitsliebenden Leipziger, dieses Monument öffentlich zu präsentieren. Die Kritik galt also weniger dem Denkmal als solchem, sondern dem zugrunde liegenden Geschichtsbild. Den Befürwortern des Reliefs wurde ein verfehlter Umgang mit der DDR-Vergangenheit vorgeworfen und hierfür ein politischer Wille unterstellt.

Betrachtet man den Verlauf des Streits, fällt auf, dass ein grundlegender Faktor schnell an Bedeutung verlor: Das Marx-Relief ist ein Kunstwerk, dessen Symbolgehalt nicht vorgegeben, sondern auch durch die Interpretation des Betrachters bestimmt wird. Es ist daher nahe liegend, dass einem über dreißig Jahre lang öffentlich präsentierten Denkmal gänzlich verschiedene Zuschreibungen innewohnen.

Für den Paulinerverein stellt es zum Beispiel den »Altar, auf dem die Kirche geopfert wurde« dar, quasi die Siegestrophäe des Sozialismus gegenüber der Religion. Die Junge Union spricht vom »Sinnbild des rigiden Dogmatismus des Marxismus-Leninismus«.

Für andere ist es, wie in Leserbriefen geäußert wurde, wiederum Kindheitserinnerung, eines von vielen städtischen Wahrzeichen oder schlicht Zeugnis der Geschichte – so sehen es laut StudentInnenrat der Uni Leipzig viele Studierende. Diese verschiedenen Ansichten sind meist an individuelle Erinnerungen gekoppelt. Und die sind in ihrer Vielfalt Bestandteil der Erinnerungskultur der Stadt. Akzeptiert man diesen Tatbestand, wird klar, dass es weder die eine richtige Geschichtsauffassung gibt noch den einen expliziten Umgang mit dieser.

Die unterschiedlichen Vorschläge zur Zukunft des Reliefs, die im Rahmen des Streits hervorgebracht wurden, machen noch deutlicher, wie komplex die Frage nach dem Umgang mit Geschichte und Erinnerung ist. Da haben wir die Maximalforderung nach Zerstörung und Einschmelzung: ein verspätetes Todesurteil, mit dem nicht nur der DDR, sondern jedweder öffentliche Erinnerung an diese ein Ende gesetzt werden soll. Ähnliche Ziele verfolgen die Befürworter einer Verbannung und Einlagerung. Im Zuge solcher Forderungen wird häufig an einen Opferstatus appelliert, der zwar ein Gedenken an erfahrenes Unrecht beansprucht, sich aber gegen einen umfassenden Geschichtsdiskurs sträubt. Es ist also weniger die Frage danach, wie, sondern woran erinnert werden soll.

Unter den Befürwortern einer Neuaufstellung des Reliefs herrscht allerdings ebenso wenig Einigkeit über die »angemessene« Form der Erinnerung. Davon zeugt auch die Entscheidung für eine kontextualisierende Erklärungstafel, die am Relief angebracht werden soll. Auch hier sind es die unterschiedlichen Deutungen der Geschichte selbst, die für Widersprüche sorgen. Dabei besteht jedoch der Wille nach einer Behandlung und Thematisierung. Über deren Formen und Möglichkeiten kann und muss diskutiert werden – in der Politik wie auch von wissenschaftlicher Seite.

Zu Debatten um Erinnerungskultur wird es immer wieder kommen, in und außerhalb der Universität, vielleicht auch wieder um sie selbst. Bleibt zu hoffen, dass diese nicht erneut im absurden Streit enden, sondern einen breiteren Diskurs über die Geschichte ermöglichen. Vielleicht sollte auch das auf der Erklärungstafel am Marx-Relief stehen.


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