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Zürichblog – Die siebente Woche

Immer donnerstags – der »Zürichblog« von Felix Stephan. Teil 7: Das deutsche Ehepaar

Eigentlich studiert Felix Stephan Journalistik und Germanistik in Leipzig. Er ist aber auch literarisch gut unterwegs, sein erster Roman schlummert noch in den Schubladen diverser Verlage. Seit Mitte Februar verbringt Felix ein Erasmus-Semester in Zürich. Von dort berichtet er von nun an jeden Donnerstag im »Zürichblog« auf kreuzerONLINE aus seinem neuen Leben.

Eigentlich studiert Felix Stephan Journalistik und Germanistik in Leipzig. Er ist aber auch literarisch gut unter- wegs, sein erster Roman schlummert noch in den Schubladen diverser Verlage. Seit Mitte Februar verbringt Felix ein Erasmus-Semester in Zürich. Von dort berichtet er von nun an jeden Donnerstag im »Zürichblog« auf kreuzerONLINE aus seinem neuen Leben.

Teil 7: Das deutsche Ehepaar

Vergangenen Samstag gab es den ersten Frühlingstag in Zürich. Die Leute rissen die Fenster auf, die Planen wurden von den Segelbooten gezogen und junge Paare klingelten bei den Nachbarn, ob sie nicht auch mit runterkommen wollen zu dem großen Spielplatz an der Limmat und die Kinder toben lassen. In den Parks spielten die 30-jährigen neben den 10-jährigen auf imaginierten Fußballfeldern, weißhaarige Männer in groben Karosakkos warfen die Boule-Kugeln, die Mäntel hingen zum Lüften auf den Balkonen. Auf der Bahnhofsstraße sah es aus wie auf der Londoner Oxford Street: ein wahnwitziges Geflirre aus Köpfen, das in der Sonne glitzerte wie eine unruhige Wasseroberfläche. Rund um den Zürichsee wurde paladiert, dass es eng wurde und ein stilles Gezänk um die Plätze auf den Holzbänken entstand. Schweizer blaffen nicht. Nie.

Die Bahnhofsstraße in Zürich, die Straße <br />mit den den höchsten Quadratmeterpreisen der Welt“ class=“attachment-medium wp-post-image“ title=“Die Bahnhofsstraße in Zürich, die Straße <br />mit den den höchsten Quadratmeterpreisen der Welt“ /></figure>
                    <p> Das wirkliche Volksfest fand allerdings in jeder Beziehung weiter oben statt. Über den Dächern der Stadt, auf dem Zürichberg, wird in wenigen Tagen das Fünfsterne-Hotel „The Dolder Grand“ wiedereröffnen, nachdem es vier Jahre renoviert wurde und von Sir Norman Foster zwei neue Flügel bekommen hat. Eine Nacht kostet hier in der teuersten Suite 8000 Franken, also etwas mehr als 5000 Euro. Der Samstag war der letzte der so genannten »Open Days«, während derer »die Bevölkerung, die sich keine Zimmer leisten kann, wenigstens mal einen Eindruck bekommen soll«, wie mir ein Kellner erklärte, der gerade kurz rauchen war. Der Eindruck für die Bevölkerung war allerdings ein eingeschränkter: Die Teppiche waren mit Folie ausgelegt, die meisten Zimmer verschlossen. Man wolle ja nicht gleich wieder renovieren, man sei schließlich gerade erst fertig. </p>
                    <p>Die Schlange vor dem Eingang sah genauso aus wie die vor dem Reichstag, dabei gab es ja eigentlich gar nichts zu sehen, nur Reichtum. In dem Hotel hing kein echter Rauschenberg oder so etwas. Es war alles wie immer, nur größer und aus Marmor. Man hatte einen unvergleichlichen Blick von dort oben, über den Zürichsee und die Stadt, die wie ein hingewehtes Tuch im Tal lag. In der »Süddeutschen Zeitung« stand, dass die Welt von dort oben klein und käuflich aussieht. Das hätte ich gern geschrieben, kann ich jetzt aber nicht mehr. Das Haus und seine exponierte Lage fegen die gesamte demokratische Idee der Gleichheit und der Regentschaft des Volkes mit einem geräuschlosen, diskreten Federstreich hinweg, dachte ich, als ich dort in der Einfahrt stand. Nicht gehobene Hände regieren, sondern unterschriebene Schecks. Ich fand das banal, aber es fiel mir schwer, etwas anderes zu glauben. Das »Dolder Grand« war nichts anderes als ein Palast, der Hof hielt, während die Bediensteten im Angesicht der sich drängenden Masse aussehen, als hätten sie in eine Zitrone gebissen. </p>
                    <figure class=Blick über Zürich, rechts das »Dolder Grand«

Meine Gedanken gingen ein bisschen durcheinander, ich konnte nichts richtig zu Ende überlegen: Die Elite, das seien die »4000 Leute, die die Regeln machen, nach denen wir leben«, hat die Journalistin Julia Friedrichs kürzlich in einem Interview gesagt, weil sie ein Buch drüber geschrieben hat. 4000!!!, habe ich da gedacht, mit keinem Ausrufezeichen weniger. Fast gleichzeitig fiel mir ein, dass mir kürzlich Michael aus dem Süd-Tessin erzählt hat, er habe endlich seine Promotion über die soziale Herkunft der SS-Offiziere abgeschlossen. Absolute Elite sei das gewesen, das habe ihn selbst überrascht. Das Subproletariat, von dem dauernd die Rede sei, wenn es um den deutschen Faschismus geht, habe nur Ende der 20er-Jahre das virale Marketing für die NSDAP übernommen. Die Führungsriege der SS habe sich jedoch zum allergrößten Teil aus alten Familien, Akademikern und industriellen Neureichen rekrutiert. Danach fiel mir ein, wieviel Angst die Schweizer vor der blutrünstigen deutschen Steuerfahndung haben. Peer Steinbrück wird hier in den Kommentarspalten dargestellt, als habe er vor, das gesamte Land auszuradieren.

Am Hang des Zürichberges

Etwas die Straße runter stand ein deutsches Ehepaar und fragte jeden zweiten Passanten, was denn hier los sei. Man sei nur für das Wochenende in Zürich und dann sei hier so ein Trubel, so habe man sich das aber nicht vorgestellt. Die Schweizer lachten dann oft und wiesen darauf hin, dass es hier im Juni auch eine Veranstaltung gebe, die heiße Europameisterschaft. Da sollten sie vielleicht auch besser keine Ruhe suchen in Zürich. Das deutsche Ehepaar, das Allwetterjacken trug, Rucksäcke und festes Schuhwerk, erklärte jedem, der kurz stehen blieb, dass sie es zynisch fänden, wie die Milliardäre hier leben würden. Das sei eine Schande und ihnen würde übel. Diese Menschen seien abgehoben und würden denken, die ganze Welt drehe sich um sie, dabei hätten sie keine Ahnung , was in der Welt vor sich gehe. Und wie die Schweizer das so hinnehmen würden, das könnten sie nicht verstehen, es sei eine Katastrophe und alles ja kein Wunder. Die beiden stemmten die Fäuste in die Hüften, schüttelten die Köpfe und empörten sich. Sie sprachen laut, wedelten mit der Hand vor dem Gesicht und bestanden auf irgendetwas, dass ich nicht kannte. Ich stellte mir vor, ich würde an einer Supermarktkasse hinter ihnen stehen und machte wahrscheinlich auch so ein Gesicht. Vielleicht lagen sie ja gar nicht so falsch. Bevor ich ihnen zugesehen habe, habe ich ja vieles noch genauso gesehen. Aber jetzt hatte ich ein schlechtes Gewissen und warf ich den erschrockenen Schweizern entschuldigende Blicke zu, als könnten sie wissen, dass ich auch Deutscher bin. Es war das erste Mal, dass ich Deutschland aus Schweizer Perspektive sah. Von hier aus fiel es unaufgefordert ein, war laut, rechthaberisch, ahnungslos und dreist. Es besaß kein Empfinden für stille, erhabene Schönheit, es beschwerte sich und hatte ein ungehobeltes Auftreten. Ich fühlte mich in der Verantwortung und wollte ihnen sagen, dass Thomas Mann auf der Terrasse des Hotels seinen »Felix Krull« begonnen hat und sie zu einem Spaziergang einladen durch das umliegende Villenviertel, in dem man erschrickt, wenn mal ein Kienapfel vom Baum fällt. Ich wollte ihnen vorschlagen, einmal tief durchzuatmen, aber ich tat es nicht. Ich benahm mich wie ein Schweizer. Niemand wies die beiden zurecht oder entgegnete auch nur etwas. Man schaute ihnen nur aus einiger Entfernung zu, putzte mit einem weißen Tuch die Sonnenbrille und verhielt sich neutral.

Kommentare, Fragen, Lob an den Autor Felix Stephan? zuerich@kreuzer-leipzig.de
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