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Gypsy-Punk aus New York

Gogol Bordello lassen niemanden entkommen. Ihre Waffen: Übermut, Wahnsinn und Folklore

Schmeißt die Gläser an die Wand! Hier werden herzzerreißende, energetische Songs mit Balkaneinschlag gesungen. Vorangetrieben von Melodien, die Fernweh versprühen, wurden Gogol Bordello zu einer der Sensationen des letzten Sommers.

Schmeißt die Gläser an die Wand! Hier werden herzzerreißende, energetische Songs mit Balkaneinschlag gesungen. Vorangetrieben von Melodien, die Fernweh versprühen, wurden Gogol Bordello zu einer der Sensationen des letzten Sommers. In den Medien stets als Madonnas Lieblinge gefeiert, fiel es kaum auf, dass sie schon drei Alben auf dem Buckel hatten. Ihr neuestes, »Super Taranta!« von 2007, verlor bisher kaum etwas von seiner Frische.

Man stelle sich einen Cocktail der Musiktraditionen vor: Dazu nehme man jüdische Melodien, füge folkloristische Balkanklänge hinzu. Verrührt mit lässigem Gesang, mal Englisch, dann wieder Serbisch oder Russisch. Selten gehörte Instrumente wie Bubanj-Trommel oder Löscheimer (!) runden den Klang ab. Nun packe man ordentlich Geschwindigkeit drauf, wie man sie vielleicht bei Dropkick Murphys erwarten würde – und fertig ist er, der abgefahrenen Gypsy-Cocktail Namens Gogol Bordello.

Wer die 2007er Euphorie völlig verpasst hat, mag sich fragen, wie das alles auf der Bühne aussehen könnte. Das Cover verspricht Krankes: Neon, Spandexhosen, Schnauzbärte. Freakkultur halt, vielleicht ein paar abgefahrene Showeinlagen zwischendurch? Die Musik klingt, als ob der Schnaps nach jedem Song in Gläser fließen wird, die dann stilecht auf dem Bühnenboden zerschmettert werden. Und nach einer energetisch tanzenden Masse vor der Bühne. Wie sonst sieht wohl das aus, was Anführer Hütz als »ukrainisches Zigeuner-Punk-Kabarett« bezeichnet?!
Holger Günther

Letzten Sommer beim Sziget-Festival: So klingen Gogol Bordello live

Foxtrott in den Arsch

Gogol Bordello live Sziget-Festival 2007

Freitag, 10. August 2007, 16.30 Uhr: Gogol Bordello betreten die Hauptbühne des Sziget-Festivals auf der Óbudai-Insel in Budapest. Die Fläche vor der Main Stage füllt sich mit müden Gesichtern – eigentlich ist es noch zu früh. Doch ein donnernder Paukenschlag macht die Meute wach. Frontmann Eugene Hütz läuft nach vorne, bekommt Beifall für seinen Schnauzbart und gibt das Zeichen zum Start. Es dauert nur wenige Takte, dann ist klar: Diese Truppe zaubert dem verkaterten Haufen einen gehörigen Foxtrott in den Arsch.

Acht Leute stehen auf der Bühne, die aussehen, als wären sie einem Zirkus entflohen. Die Männer und Frauen wirken geradezu clownesk in ihrer (Ver-)Kleidung, deren Botschaft nur diese sein kann: »60 revolutions per minute, this is my regular speed.« Allen voran: Oberproll Hütz. Der schlaksige Sänger springt mit nacktem Oberkörper auf und ab; er bewegt sich ständig, ist nah dran an den Leuten, lässt sich anfassen und fasst selbst an. Kollektives Ausflippen ist angesagt, die Crowdsurfer können sich im Bühnengraben abklatschen.

Was manche Gypsy-Punk nennen, ist Volksmusik im wahrsten Sinne des Wortes. »Da dada dadam dadaaa« – das kann jeder mitbrüllen, egal ob Ungar, Deutscher, Österreicher oder Niederländer. Gogol Bordello befriedigen Urinstinkte, und die sind wohl bei allen gleich. Wie ein Tornado fegen sie über Tausende sich verausgabender Menschen hinweg – alles, was danach kommt, riecht nach Flaute. Aufgeschrieben von Stefan Mühlenhoff.

6.4., 20 Uhr, Conne Island
Musik

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