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Zürichblog – Die achte Woche

Immer donnerstags – der »Zürichblog« von Felix Stephan. Teil 8: »Die Regenbogenbar«

Eigentlich studiert Felix Stephan Journalistik und Germanistik in Leipzig. Er ist aber auch literarisch gut unterwegs, sein erster Roman schlummert noch in den Schubladen diverser Verlage. Seit Mitte Februar verbringt Felix ein Erasmus-Semester in Zürich. Von dort berichtet er von nun an jeden Donnerstag im »Zürichblog« auf kreuzerONLINE aus seinem neuen Leben.

Eigentlich studiert Felix Stephan Journalistik und Germanistik in Leipzig. Er ist aber auch literarisch gut unter- wegs, sein erster Roman schlummert noch in den Schubladen diverser Verlage. Seit Mitte Februar verbringt Felix ein Erasmus-Semester in Zürich. Von dort berichtet er von nun an jeden Donnerstag im »Zürichblog« auf kreuzerONLINE aus seinem neuen Leben.

Teil 8: »Die Regenbogenbar«

Ich hatte bereits seit einiger Zeit so ein eigenartiges Gefühl, dass irgendetwas nicht stimmen konnte. Anfänglich stellte es sich erst im Tagesverlauf ein, später fing es schon am Morgen an. Irgendwann wachte ich damit auf und da dachte ich, jetzt müsste ich etwas dagegen unternehmen. Äußerlich war alles in bester Ordnung: Ich studierte an einem der besten Germanistik-Institute, lernte ständig neue funky Wörter wie Aposiopese und Motat und kam mit all meinen Aufgaben gut voran. Wenn ich morgens zur Uni ging, blinzelte die Sonne über die Alpengipfel auf eine offene Stadt voller freundlicher Menschen, die sich gegenseitig gut behandelten, und mein tschechischer Mitbewohner hatte gerade einen Zürcher Club namens »Czechpoint« entdeckt, was ihm ein paar Tränen der Freude und des Heimwehs in die Augen trieb. Da war ich zufällig dabei und wir hatten einen sehr intensiven Moment zu zweit, aber er ging schnell in sein Zimmer, als ich ihm die Hand auf die Schulter legen wollte. Wir sprechen nicht sehr häufig miteinander. Unser einziges Thema ist, wie erstaunlich wenig wir uns zu sagen haben und das ist über die Monate hinweg nicht besonders erquicklich. Er hat noch nie ein Buch gelesen und hört dauernd Musik, die dieses The-Scorpions-Gitarrenjammern noch für etwas hält, das man in einem Lied ruhig mal machen kann. Und solchen Scooter-Techno mit extrem hohen, verzerrten Vocals, die weiblich klingen, dabei hat sie wahrscheinlich jemand eingesungen, der sich morgens Bartfrisuren macht. Den überwiegenden Teil des Tages verbringt mein tschechischer Mitbewohner in einer Einrichtung, von der er nicht sagen kann, ob es sich dabei um ein staatliches Institut handelt oder um ein privates Unternehmen. Er entwickelt dort Solarzellen, die irgendetwas Neuartiges haben, aber sein Englisch reicht nicht aus, mir zu erklären, was genau. Er geht jeden Tag hin, bevor ich aufstehe, und am Monatsanfang regnet es dann Geld. Dafür kann er sich einen schnelleren Rechner kaufen oder noch ein Teil für sein Fahrrad, das glänzt, hypermodern ist und etwa hundert Gramm wiegt. Den Sattel hat er so hoch geschraubt, dass es aussieht, als würde er bergab fahren, wenn er drauf sitzt. Und als ihn vor kurzem seine Freundin besucht hat, stand er einmal in einem Schlüpfer neben mir in der Küche und sagte: »That’s the good thing about girls« und ließ seine Hüfte kreisen. »Yes, girls. Good thing«, sagte ich und boxte ihm ihn den Bauch, woraufhin er so übertrieben zurückgetaumelt ist. Das war eigentlich unser zweitintensivster Moment. Wenn ich ihm erzähle, dass ich schreibe oder mein Studiengang von Büchern handelt, hebt er die Augenbrauen, beißt in eine Wiener mit Senf und hebt eine Staubfluse vom Boden auf, die er dann zwischen Daumen und Zeigefinger zu einem kleinen Ball zusammenrollt. Dann wirft er sie wieder auf den Boden.

Jedenfalls beschäftigte mich seit Tagen dieses unbestimmte Gefühl, das die Vollkommenheit meiner Tage in unduldbarer Weise beeinträchtigte. Es war ja alles hervorragend, ich hatte sogar ein paar Artikelbestellungen und eine ausgedachte Geschichte entwickelte sich in meinem Laptop mit ungesehener Geschwindigkeit, aber meine Freunde sagten am Telefon, ich würde einen komischen Eindruck machen und alle fänden das. Die Lösung war dann eigentlich ziemlich nahe liegend. Sie fiel mir plötzlich auf, als ich mit dem Raben darüber sprach, der auf meinem Fensterbrett saß. Es lag auf der Hand: Ich war einsam! Jeder, der mal ein paar Monate im Ausland war, – und das sind in meinem Alter ja eigentlich alle – hatte mich davor gewarnt. Zuletzt Leopoldine, die selbst mit Erasmus nach Leipzig gekommen war und jetzt gerade in Südkorea Antworten in sich selbst sucht, wenn ich das richtig verstanden habe, habe ich aber wahrscheinlich nicht. Es war das Letzte, was sie mir vor dem »Noch besser leben« gesagt hat, als wir uns verabschiedet haben, und sie hat es mit so einer ernst-lebenserfahrenen Miene gesagt, dass es vielleicht eher heißen sollte, sie hat es »mir mit auf den Weg gegeben«. Ich solle keine Angst vor dem Einsamkeitskoller haben, hat sie mir also mit auf den Weg gegeben, der käme immer und gehe auch wieder vorbei. Jetzt war er jedenfalls voll da. Willkommen, Einsamkeitskoller, ein bisschen unaufgeräumt hier.

{BILD) Ich rief sofort eine Freundin an und sie erklärte sich glücklicherweise bereit, mit mir zu dieser Erasmus-Betrink-Veranstaltung zu gehen, die jeden Mittwoch in einer anderen Zürcher Bar stattfindet. Wenn dort wirklich alle so fantastisch gelaunt waren, wie es die Homepage behauptete, war das genau der richtige Ort für mich. Wir trafen uns mit Gabriel aus Schweden und Martin aus Dänemark und stellten fest, dass zwei von uns Aramäer waren. Aramäer?, dachte ich, was zum Teufel…? Kurz darauf schrien wir uns ein bisschen mit zwei Zürcher Rentnern an, die gerade einen Joint fertig gedreht hatten, fanden dann den Laden irgendwie doch und gingen nach anfänglichem »Ist ja ganz schön voll/Sehen ja alle so jung aus« auch tatsächlich rein. Man kommt ja nicht ohne Vorbehalte zu so einer Erasmus-Party. Ich glaube, europaweit ist der Begriff »Erasmus-Party« der führende Auslöser des Lass-mal-was-anderes-suchen-Reflexes geworden und hat in Deutschland den in der Regel angewidert vorgetragenen Ballermann-Vergleich auf die Plätze verwiesen. Begründet wird das Phänomen der Erasmus-Party meist ethno-soziologisch: In den anderen EU-Ländern sei es halt nicht üblich, so früh auszuziehen wie in Deutschland, weswegen die meisten 22-jährigen Erasmus-Studenten das erste Mal richtig von zuhause weg seien. Man selbst sei bei diesem lebensverändernden Event bereits 15 gewesen und wenn man sich die alten Fotos ansehe, dann müsse man schon einräumen, dass man zugeben müsse, also, so groß sei der Unterschied nicht. Genauso behandelt man ja im Übrigen Entwicklungsländer: Die hätten jetzt halt gerade ihren 30-jährigen Krieg, den habe man selbst auch geführt, und da sei auch nicht immer alles ganz sauber abgelaufen. Muss man alles mal gemacht haben. Erasmus-Partys zum Beispiel.

In den ersten vier Stunden beschäftigte ich mich damit, einem 19-jährigen Snowboarder, der einen Backside-720-Nosegrab im Portfolio hatte, davon zu überzeugen, sein Jura-Studium hinzuschmeißen und ab sofort nur noch in den Bergen zu leben. Er glaubte zwar, das würde ihn unterfordern, aber ich versprach ihm, dass er keine Ahnung habe. »Aber die Mädchen haben immer Brillen auf und so dicke Sachen an«, rief er, was ich gelten ließ. Ich gab auf und befahl lieber willkürlich ausgesuchten Leuten, ab sofort nur noch These New Puritans zu hören, aber Androgynen-Rock sei nicht so ihr Ding, sagten sie. Ziemlich unbeholfene, völlig verhältnislos illusionsbeladene One-Night-Stands hingen in der Luft, klebten an den Wänden oder nahmen bereits ihren Lauf, meist genauso wenig abseits wie aufregend. An immer mehr Tischen wurde geküsst und ich versuchte in verschiedenen Gesprächen herauszufinden, ob es Sinn machen würde, eine Weltkarte herzustellen, die die Entfernungen in Euro statt Kilometern messen würde. Dann würden vom Ryanair-Standort Leipzig zum Beispiel Barcelona, London und Berlin fast gleich weit entfernt sein, während Zürich so weit weg läge wie Casablanca oder Mykonos. Währenddessen setzten sich verschiedene Leute an unseren Tisch und fragten einander, wie ich denn drauf sei. Gabriel zwang ich, wiederholt zu erklären, was ein Aramäer ist, weil ich ihn damit Leuten anpries, die kurz keinen zum Reden hatten und dann entfaltete sich immer ungefähr dieses Gespräch:

»Ein Aramäer?«

»Ja!«

»Ach, echt?«

»Ja, echt! Wie Jesus!«

»Jesus war auch Aramäer?«

»Ja!«

»Echt?«

»JA!«

»COOL!«

»Danke!«

»Nee, echt, SAUCOOL! JESUS! Ich meine: JESUS!«

Kommentare, Fragen, Lob an den Autor Felix Stephan? zuerich@kreuzer-leipzig.de
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