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Chronist der Straße

Eine Ausstellung in Altenburg zeigt den »Milljöh«-Künstler Heinrich Zille als Zeichner, Grafiker – und als Fotograf

Die ungeschminkte Derbheit, die schonungslose Nähe, aber auch eine unübertroffene Liebe zu seinen Figuren haben Heinrich Zille bekannt gemacht. Der Berliner Zeichner, Grafiker, Illustrator und Fotograf würde dieses Jahr seinen 150. Geburtstag feiern.

Die ungeschminkte Derbheit, die schonungslose Nähe, aber auch eine unübertroffene Liebe zu seinen Figuren haben Heinrich Zille bekannt gemacht. Der Berliner Zeichner, Grafiker, Illustrator und Fotograf würde dieses Jahr seinen 150. Geburtstag feiern.

Eine Ausstellung im Altenburger Lindenau-Museum zeigt den »Pinsel-Heinrich« in einer rund 230 Werke umfassenden Retrospektive. Die in abgewandelter Form aus der Berliner Akademie der Künste übernommene Schau zeigt, wie kurz die Vereinnahmung Zilles als Bildner von Berlin-Folklore und Mutterwitz greift. Neben den Originalblättern verdeutlichen biografische Bezüge und zahlreiche Zeitschriften, in denen seine Karikaturen abdruckt sind: Zille litt mit den Umständen, die er humorvoll, aber auch anklagend zu Papier brachte.

Seit 1877 arbeitet Zille in der »Photographischen Gesellschaft«, einer der bekanntesten Repro-Druckereien der Zeit. Dort hat er tagtäglich Umgang mit den Arbeiten der bekannten zeitgenössischen Künstler und wird über die intime Kenntnis von Technik und Gestaltung zum Medienprofi, sagt Ausstellungsmacher Matthias Flügge. Der Berliner Kunsthistoriker vertritt den Standpunkt, dass Zille seine Bekanntheit nur erlangte, weil er sich beizeiten gegen ein Dasein als Atelierkünstler entschied: »Er wollte in die Medien, wie wir heute sagen würden. Er wusste, wie er ein Blatt anlegen muss, damit es in der Zeitung gut aussah.«

Als Künstler der Berliner Secession neben Malern wie Walter Leistikow oder Max Liebermann und seit 1924 als Akademiemitglied erlangt er dennoch höhere Weihen. Über seine Popularität, ja späte Berühmtheit und den vermeintlich leichten Zugang zu seinem Werk wird er aber zum Folkloristen erklärt. Theodor Adorno kommentierte den Zwiespalt zwischen dem schonungslosen Sozialkünstler und dem vereinnahmten Promi so: »Zille klopft dem Elend auf den Popo.«
Doch auch als Zille in der Weimarer Zeit ein gutes Auskommen hat und eher im Milieu als im »Milljöh« zu Hause ist, verliert er nicht den empathischen Zugang zu seinen Figuren. Bis heute sind sie ausgesprochen eindringlich und anrührend.

Rund 80 Arbeiten in der Ausstellung zeigen den Fotografen Zille. Erst Ende der Sechziger Jahre kehrten die teilweise sensationell modern wirkenden Aufnahmen in die öffentliche Wahrnehmung zurück. Zille selbst hatte sie nie als eigenen Werkkomplex betrachtet, sie waren ihm Bildnotiz und Testmedium für Licht, Stimmungen und Bildaufbau.
Seit den Achtziger Jahren machten bekannte Fotografen wie Thomas Struth, Michael Schmidt und Manfred Paul neue Abzüge von den Negativen. In Altenburg sind harte, detailreiche Vergrößerungen von Struth zu sehen, die ohne jeden nostalgischen Schleier auskommen. Rhythmus und Detailreichtum der Fotos wirken wie Vorgriffe auf die Arbeiten der französischen und amerikanischen Fotografen der Fünfziger Jahre.

Lindenau-Museum, Altenburg, bis 8.6.
Kunst

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