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Zürichblog – Die elfte Woche

Immer donnerstags – der »Zürichblog« von Felix Stephan. Teil 11: »Tibet«

Eigentlich studiert Felix Stephan Journalistik und Germanistik in Leipzig. Er ist aber auch literarisch gut unterwegs, sein erster Roman schlummert noch in den Schubladen diverser Verlage. Seit Mitte Februar verbringt Felix ein Erasmus-Semester in Zürich. Von dort berichtet er von nun an jeden Donnerstag im »Zürichblog« auf kreuzerONLINE aus seinem neuen Leben.

Eigentlich studiert Felix Stephan Journalistik und Germanistik in Leipzig. Er ist aber auch literarisch gut unter- wegs, sein erster Roman schlummert noch in den Schubladen diverser Verlage. Seit Mitte Februar verbringt Felix ein Erasmus-Semester in Zürich. Von dort berichtet er von nun an jeden Donnerstag im »Zürichblog« auf kreuzerONLINE aus seinem neuen Leben.

Teil 11: »Tibet«

Von Zürchern heißt es, dass sie sämtlichen Trends schneller, exakter und sorgfältiger folgen als irgendjemand sonst. Praktisch im Verlauf einer Woche könne man zuschauen, wie sich die Hosenbünde an den Hüften der Frauen von unten nach oben bewegen und dann zurück. Die Sonnenbrille, die Taschen, die Farbe der Zweitwagen – alles ist in ständiger Bewegung. Allerdings bewegt es sich in keine Richtung oder folgt einem utopischen Ziel, sondern wird beharrlich immer nur größer und kleiner, als würde man am Objektiv drehen. Wenn man eine Handtasche kauft, steht immer kleingedruckt in der Gedankenblase, dass sie länger halten wird, als man sie wird tragen können. Oder Krawatten. Man kauft sie schmal, zwei Tage später muss man erklären, warum man diesem Retro-Diktat von unten sein Gehör schenkt und sieht hilflos an sich herab.

Das Accessoire, ohne dass man in diesen Tagen auf gar keinen Fall auf die Zürcher Straße gehen darf, ist die Flagge der tibetanischen Exilregierung. Man trägt sie als Halsband, legt sie als lockeren Gürtel schräg um die Hüfte oder lässt sie messagebetont am Rücken herunter hängen. Auch ins Fenster kann man sie hängen oder an einen Stab binden und dann damit schwenken, auch wenn das aufdringlich wirken kann und etwas notdürftig.

Deutscher Besuch

»Weißt du, was wirklich perfekt wäre?«, fragt mein deutscher Besuch, während wir an einer kleinen Tibet-Demonstration auf der Limmat-Brücke vorbei gehen und achtlos irgendwelche Petitionen unterschreiben. Tibet-Demonstranten sind in der Regel eher von kleiner Statur, fällt mir dabei auf. »Eine Frau zu haben«, sagt jedenfalls mein deutscher Besuch, »die mir in allen Belangen überlegen ist: intellektuell und karrieremäßig. Sie hat mehr Geld, mehr Länder gesehen, kann sich viel mehr leisten, hat attraktivere Freunde, fliegt wegen einer Ausstellung nach Minsk, geht auf Premieren und regt sich vor dem Salatregal über einen Absatz von Lacan auf. Die aber«, sagt er und hebt an dieser Stelle den Zeigefinger nah vors Gesicht, »mich sexuell vergöttert. Verstehst du? Eine Frau, der ich rein gar nichts zu bieten habe. Die außer einem kometenhaften Sexualleben aber auch gar nichts von mir erwartet.« Das sei in der Tat eine paradiesische Vorstellung, sage ich und denke darüber nach, dass Kosovo-Flaggen es nie zum Accessoire geschafft haben. Erstens gab es sie ja noch gar nicht, als man sich kleidungssemiotisch zu dem Thema hätte äußern können und zweitens wusste, glaube ich, kein Schweizer so richtig, ob er sich mit den Kosovaren oder den Serben solidarisieren sollte. Als der Kosovo seine Gründung bekannt gegeben hat, hat es in Zürich Autoumzüge gegeben, vergleichbar mit denen in Berlin, wenn die Türkei ein Tor schießt. Am nächsten Tag waren die Kosovaren jedoch alle angezeigt, es regnete Anzeigen wegen Lärmbelästigung. Das würde den Tibetern nicht passieren, nehme ich an, sie sind eher still. Niedrig und leise, trotzdem deutlich präsenter im Stadtbild als die lärmenden und anbiedernden Kosovaren. Ich glaube mittlerweile in etwa zu verstehen, wie Zürich seine Gunst vergibt, bin aber unentschieden, wie ich das finden soll. Es hat so etwas Launisches und Gnädiges. Eine Prinzessin, die vor einem gutaussehenden Diener ihr Seidentaschentuch fallen lässt.

Während man im Kanton Zürich eine kostenpflichtige Erlaubnis braucht, wenn man im Zürichsee fischen möchte, kann man das von St. Gallen aus vollkommen kostenlos tun. Mein deutscher Besuch und ich haben also Baguette, Käse, Salami und einen entsetzlichen Rotwein im Gepäck und fahren an das Südende des Zürichsees. »Hast du nicht auch das Gefühl, das genau JETZT der Zeitpunkt ist, eine 30- bis 35jährige Freundin zu haben?«, fragt mich mein deutscher Besuch. »Wenn man selbst alt ist, ist es ja nichts Besonderes mehr und bestimmt auch extrem reizlos, mit einer 35-jährigen zu schlafen. Da hat man ja wahrscheinlich auch gar keine Wahl mehr. Aber JETZT ist genau der richtige Zeitpunkt. Weißt du: Sie amüsiert sich über deine Aufregung und du wirst wahnsinnig ob ihrer Gelassenheit.«

Überlegene Frau

Als wir am Südende des Sees ankommen, schwappt über uns plötzlich ein riesiges Wolkengebirge über die Alpen in das Tal, in dem die Stadt und der See liegen. Es muss sich hinter den Gipfeln aufgetürmt haben, bis sie es nicht mehr halten konnten. Innerhalb von fünf Minuten fällt die Temperatur um zehn Grad, ein kalter Wind pustet den Kragen meiner Jacke hoch und der Regen peitscht gegen meine Schläfe. Mein deutscher Besuch filmt das alles sehr konzentriert und befiehlt mir Gesichtsausdrücke, während ich glaube, dass ich wahrscheinlich siebzig Jahre alt werde, ohne jemals gefischt zu haben. Ich wiege die Angel in der Hand, über die der Araber in Paris etwa hundert Mal »good quality« gesagt hat, was ich immer höre, wenn ich sie in der Hand habe. »Good quality, good quality«.

Wir gehen zum Bahnhof Blumenau und setzen uns in das kleine Wartehäuschen, in dem außer uns noch zwei Mädchen Schutz suchen, deren Telefone Schweizer R’n’B spielen. Das gibt es tatsächlich. Es ist ein Richtung, die in den Telefonen der Stadt nicht unbeliebt ist. Ich öffne den Wein und breche mir ein Stück von dem Brot ab, der Zug kommt einmal die Stunde. Der Sänger im Telefon liebt jemanden und würde alles für sie tun, weil sie im R’n’B-Club so besonders aussehe und so verschieden sei von den anderen in dem R’n’B-Club. Mein deutscher Besuch sieht müde zwischen dem Regen und den zwei Mädchen hin und her und schüttelt eine Zigarette aus dem Paket. Er hebt den Zeigefinger, als wolle er etwas sagen, entscheidet sich aber um.

Kommentare, Fragen, Lob an den Autor Felix Stephan? zuerich@kreuzer-leipzig.de
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