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Zürichblog – Die zwölfte Woche

Immer donnerstags – der »Zürichblog« von Felix Stephan. Teil 12: »1. Mai«

Eigentlich studiert Felix Stephan Journalistik und Germanistik in Leipzig. Er ist aber auch literarisch gut unterwegs, sein erster Roman schlummert noch in den Schubladen diverser Verlage. Seit Mitte Februar verbringt Felix ein Erasmus-Semester in Zürich. Von dort berichtet er von nun an jeden Donnerstag im »Zürichblog« auf kreuzerONLINE aus seinem neuen Leben.

Eigentlich studiert Felix Stephan Journalistik und Germanistik in Leipzig. Er ist aber auch literarisch gut unter- wegs, sein erster Roman schlummert noch in den Schubladen diverser Verlage. Seit Mitte Februar verbringt Felix ein Erasmus-Semester in Zürich. Von dort berichtet er von nun an jeden Donnerstag im »Zürichblog« auf kreuzerONLINE aus seinem neuen Leben.

Teil 12: »1. Mai«

Am Ende des Tages wurden wir abgezogen. Ein junger Araber, der einen Kopf kleiner war als wir und seine Haare ordentlich nach oben betoniert hatte, fragte, ob wir Cash hätten. Hatten wir aber nicht, schließlich war der Abend zu Ende, die Brieftasche leer, wir voll. Er hasse es, angelogen zu werden, gab er zu bedenken. Er trat einen Mülleimer aus der Halterung und zog etwas aus der Jacke, das ich für einen Kamm hielt, mein deutscher Besuch für eine Zange. Beides machte eigentlich keinen Sinn, trotzdem zeigten wir dem aufgeregten Jungen unsere Brieftaschen und bewiesen unsere Aufrichtigkeit.

Vielleicht waren seine Kategorien etwas durcheinander geraten, es war schließlich der erste Mai. Es ist schon sehr viel über den ersten Mai und seine Verkommenheit geschrieben worden, weshalb es mir ein Anliegen ist, zu erzählen, wie es ausgesehen hat letzte Woche in Zürich, dem wichtigsten Finanzplatz eines Landes, in dem jeder fünfte Passbesitzer Millionär ist: Am Nachmittag trafen sich ein paar verschreckte Demonstranten an der Kreuzung Militär- Ecke Langstraße und warfen in Ermangelung gepflasterter Straßen Bierflaschen auf die Polizei. Die schoss im Gegenzug Schrotsalven aus Gummi in Menge, woraufhin die hysterisch auseinander stob. Eine Minute später kamen alle wieder zurück und fingen von vorn an. Um ernsthafte Verletzungen ging es augenscheinlich niemanden, jeder konnte unbehelligt zur Frontlinie gehen und etwa Fotos machen. Es war im Grunde ein sehr einvernehmliches Spektakel, das mein deutscher Besuch kaum fasslich fand, nachdem er in Kreuzberg und Heiligendamm gewesen ist. Die Kreuzung Militär- Ecke Langstraße ist so etwas wie das autonome Zentrum der Stadt und es waren durchaus viele Menschen gekommen, sicherlich 400. Mittendrin parkten noch ein paar wenige Versicherungsbetrügerautos, die allerdings niemand behelligte. Sogar normale Passanten liefen auf dem Bürgersteig über den Schauplatz und gern ging man zur Seite. Die Meute bestand etwa aus einem Drittel Demonstranten, einem Drittel Polizisten und einem Drittel Touristen wie uns. Nicht wenige der Systemgegner trugen Nike-Shirts und Caps von Emerica. Sonst besinnungslos-besoffene Punks, hellauf irritierte Araber und neugierige Teenager. Ein paar Jungs, die offenbar aus den Häusern am See gekommen waren, statt segeln zu gehen, kumpelten einander an und tanzten den Rumsteh. Mit den kurzen, weißen Hosen und den rasierten Beinen sahen sie wertvoll und zerbrechlich aus, staksten aber in Wirklichkeit genauso hilflos mit einer Bierflasche in der Hand durch das Faszinationsüberangebot wie alle anderen auch. Heute eben Randale. Man ist nicht ewig jung, besser alles mitnehmen, sonst ist man selber Schuld und dann schnell weg hier, Welt regieren. Work hard, party hard, heißt ein Motto bei McKinsey. Mir war sehr warm und ich drückte die Heinekendose in meinen Nacken. Wir stellten uns zwischen die Fronten, rechts brannte eine leere Mülltonne, links dösten die Polizisten. Zehn Minuten später löschte die Feuerwehr das zaghafte Fackeln, ohne auf Widerstand zu stoßen. Ein älterer Mann applaudierte laut und einsam. Ja, natürlich war es Folklore, der Ton macht die Musik und morgen ist auch noch ein Tag. Vor ein paar Jahren hätte mich das wahrscheinlich deprimiert, aber heute bin ich klüger und gehe zum Minimal Techno im Park.

Höfliche Straßenkunst am Theater der Künste

Auf dem Weg dahin reden wir mit einem sehr umfangreichen indischen Imbissbesitzer übers Geschäft (»Heute ist ein guter Tag, viel besser als letztes Jahr.«), seine Frau, die an der Theke fast einschläft, während er vor dem Laden die laue Nacht einatmet (»Jaja, die ist natürlich fertig, die hat schon um fünf Uhr angefangen«) und schließlich Analerotik (»Muss man nur lange genug drauf bestehen«). Er spricht dieses Inder-Schweizer-Deutsch, das ich persönlich sehr empfehlen kann. Im Park gegenüber steht dann ein weißer Pavillon, darunter wechseln sich DJs ab und tragen ihre MySpace-Adressen auf dem T-Shirt. Rundherum tanzen etwa hundert Leute, heben die Hände, wenn der DJ den Bass ausdreht und springen und jubeln, wenn er ihn wieder anmacht. Das funktioniert beliebig oft, ist ja aber auch immer gleich gut. Will nichts sein und war auch nie was anderes. Einfach Bass aus, Bass an, fantastisch finden. Flasche werfen, Gummi abkriegen, fantastisch finden.

Wir lernen Johannes kennen. Johannes ist Fan vom Effzeh, arbeitet als Koch in der Schweiz und verdient hier das Dreifache. Neinnein, das Mädchen ist nicht seine Freundin, nur seine Schlafgelegenheit für heute, seine Freundin ist in Köln. Das Mädchen wohnt um die Ecke, macht aber nichts zu viert, wir müssen wohl nach Hause, da haben wir leider Pech gehabt. Und klar war er heute dabei, in der ersten Reihe sogar, aber geworfen hat er nichts. Am Ende hat er einen Eintrag in der Akte und wird das nie mehr los, so unvernünftig ist er nicht, dafür bereitet ihm die Schweiz ein zu schönes Leben. Als wir uns »bis später« verabschieden, zieht er mich am Oberarm zurück und bittet mich, ihn nicht für oberflächlich zu halten. Ich insistiere: Nicht in hundert Jahren wäre ich auf die Idee gekommen.

Ein Somali, der nicht geschmeichelt ist, als wir ihn zehn Jahre jünger schätzen, war erst in England, dann in Deutschland und jetzt hier. Ist aber alles die gleiche jüdische Scheiße. Bush, Clinton, Obama, alles astronomisch egal, bleibt ja trotzdem Amerika. Es wird nur innerhalb der Grenzen neu justiert, aber die Grenzen sind ja das Problem. Er bleibt auch in einer Obama-Welt der black man, der Illegale, der vergessene Exilant aus einem vergessenen Land, der ziemlich sicher auch irgendwann alles hinter sich haben wird. Auch in einer Obama-Welt werden seine Kinder immer noch tot sein. Er kauft Bier bei der Frau des dicken Inders und will dann tanzen gehen, tief rein in die Menge, da ist es am wärmsten. Wir entdecken ein Klettergerüst und spidern um die Wette. Von oben sieht alles viel kleiner aus, sagen wir nicht. Viele Leute halten das offenbar für eine gute Idee: In wenigen Sekunden ist das Klettergerüst voller als die Wiese und der Bass wird jetzt von hier oben begrüßt. Irgendwann treffen wir den Somali wieder, als er gerade einem Schweizer einen abgeschlagenen Flaschenhals an die Kehle drückt. Ein Batik-Mädchen jammert, will wissen, wo das Problem sei und zieht an seiner Schulter. Wir helfen ihr nicht, sondern gucken, was eigentlich woanders los ist. Ich habe ein sehr stabiles Grundvertrauen, dass schon nichts passieren wird. Worauf sich dieses Vertrauen stützt, ist mir unbekannt, bemerke ich später.

Es wird dann leerer, die meisten haben ihr neues oder altes Schäfchen ins Trockene gebracht. Die Verbliebenen kühlen ab oder schlafen ein, wir gehen zum Bahnhof. Nein, müssen wir dort erklären, kein Cash heute Abend, wir bedauern.
(kurze Bemerkung: Dass in Deutschland die Juden im Hintergrund das Sagen haben, ist übrigens eine Ansicht, die man dem deutschen Gaststudenten während seines Aufenthalts schon einige Male vollkommen ernsthaft angetragen hat. Erst zu dessen Empörung und dann zu dessen ungläubigem Staunen. Woher kommt diese Idee in diesem sonst so aufgeklärten Land? Wieso sollten erstens die Juden denn zweitens ausgerechnet in Deutschland drittens alles in der Hand haben?)

Kommentare, Fragen, Lob an den Autor Felix Stephan? zuerich@kreuzer-leipzig.de
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