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»Die Jugend ist schwieriger geworden«

Zum Kinostart von »BEN X«, »Paranoid Park« und »Glue«: Bernd Schorb, Professor für Medienpädagogik, über das Erwachsenwerden und die Rolle der Medien

Bernd Schorb lehrt Medienpädagogik und Weiterbildung am Institut für Kommunikations- und Medienwissenschaften an der Universität Leipzig. Er ist Direktor des Zentrums für Medien und Kommunikation ZMK und Erster Vorsitzender des JFF – Institut für Medienpädagogik in Forschung und Praxis.

Bernd Schorb lehrt Medienpädagogik und Weiterbildung am Institut für Kommunikations- und Medienwissenschaften an der Universität Leipzig. Er ist Direktor des Zentrums für Medien und Kommunikation ZMK und Erster Vorsitzender des JFF – Institut für Medienpädagogik in Forschung und Praxis.

kreuzer: In diesem Monat kommen gleich drei Filme über jugendliche Lebenswelten in die Kinos. Darin geht es unter anderem um Computerspiele und Gewalt – Themen, die auch sonst im Zusammenhang mit der heranwachsenden Generation immer wieder durch die Medien geistern. Sei es die erhöhte Selbstmordrate unter Jugendlichen in England oder das Fehlen einer generationsübergreifenden Jugendbewegung, welche die SZ kürzlich diagnostizierte. Woher kommt der Gesprächsbedarf?

BERND SCHORB: Die Jugend ist die Zeit, in der der Mensch in die Erwachsenenwelt hineingleitet. Er muss seinen Weg finden, Grenzen austesten. Daher ist auffälliges Verhalten während dieser Zeit völlig normal. Das war früher auch schon so. Die Medien problematisieren das natürlich, indem sie viel darüber berichten und so den Glauben erwecken, heute wäre alles viel schlimmer oder weniger politisch. Dabei tauchen Jugendbewegungen immer in Zusammenhang mit gesamtgesellschaftlichen Bewegungen auf. Sie sind nicht autark. Auch die 68er waren viel mehr als eine Jugendrevolte. Zusätzlich haben die Medien eine Vorbildfunktion. Schon als Goethe die »Leiden des jungen Werther« veröffentlichte, brachten sich danach mehr als 20 junge Männer um. Die Suizidrate in Deutschland ist übrigens seit den 1960er Jahren relativ konstant, auch unter Jugendlichen.

kreuzer: Es handelt sich also um eine Wechselwirkung, denn umgekehrt haben ja auch die Medien großen Einfluss auf die Jugendlichen. Ist das ein Problem?

SCHORB: Medien haben eine zentrale Funktion für junge Menschen, es gibt kaum einen Lebensbereich, den sie nicht tangieren. Und sie bieten ein enorm großes Angebot an Zerstreuung. Heute gibt es Shows, wie man aussehen soll, wie man reden soll und Filme über alle Facetten des Lebens. Aber all diese Filme und Shows und Serien bieten keine konkreten Anhaltspunkte, sondern unzählige Wahlmöglichkeiten. Sie sind plural. Das ist das Problem.

kreuzer: Aber eigentlich ist es doch positiv, wenn sich heute jeder sein Leben selbst aussuchen kann und keine vorgefertigten Lebensläufe mehr runterrattern muss.

SCHORB: Teenager müssen sich orientieren. Doch ohne konkrete Anhaltspunkte ist das sehr schwierig. Früher gab es feststehende Werte, diktiert von der Kirche oder der Politik. Und die Eltern haben gesagt, wie man zu sein hatte. Diese Vorgaben konnte man annehmen oder ablehnen. Das war ein »Können«, heute ist es ein »Wollen«.

kreuzer: Und die Medien mimen nun die Ersatzwerte, in denen sich die Jugendlichen dann verlieren, so wie Ben in »BEN X«, der mehr in der Computerwelt lebt als in der wirklichen Welt?

SCHORB: Ja, die Medien haben sich in diese Wertelücke gedrängt. Nur ist es in den Computerspielen wie draußen. Es fehlt die Orientierung, es gibt keinen Anfang und kein Ende. Im Gegensatz zu einem Buch: Dort gibt es eine feste Geschichte, die ich mir in meinem Kopf selbst ausmale und die irgendwann zu Ende ist. Im Spiel begibt man sich in eine fertig gestaltete Welt hinein und kann darin verharren. Das ist problematisch für die Jugendlichen, die unsicher sind, nicht wissen, wohin. In der Cyberwelt können sie sich abkapseln.

kreuzer: Ben verliebt sich in dem Spiel in seine Onlinefreundin Scarlite. Sie bewundert ihn, bei ihr fühlt er sich sicher. Diese Sicherheit hat er im echten Leben nicht.

SCHORB: Das ist eine schöne Wendung in dem Film. Und natürlich kann man im Netz Freundschaften schließen. Aber eben auf einer abstrakten Ebene. Wenn wir Kinder zu diesem Thema befragen, ist eine häufige Antwort, dass sie da rauswollen. Eigentlich freuen sie sich darauf, den Menschen im wirklichen Leben zu treffen. Freundschaft und Emotionen gibt es nun mal nur in der Realität.


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