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»Schauderhaft! Wunderbar!«

Rudolf Lorenzen ist 85 Jahre alt und rätselhafterweise fast vergessen. Dabei weisen ihn seine Romane als einen unserer bedeutendsten Schriftsteller aus

1959 ist wahrlich ein denkwürdiges Datum der deutschen Literaturgeschichte: In diesem Jahr erschienen Heinrich Bölls »Billard um halb zehn«, Uwe Johnsons »Mutmaßungen über Jakob« und »Die Blechtrommel«, die ihrem Verfasser Günter Grass zu Weltruhm verhalf. So kann es gehen. Aber leider auch anders. Im selben Jahr erschien »Alles andere als ein Held« von Rudolf Lorenzen, geboren 1922 – wie »Die Blechtrommel« ein breit angelegter Gesellschafts- und Schelmenroman, nur nicht ganz so erfolgreich.

1959 ist wahrlich ein denkwürdiges Datum der deutschen Literaturgeschichte: In diesem Jahr erschienen Heinrich Bölls »Billard um halb zehn«, Uwe Johnsons »Mutmaßungen über Jakob« und »Die Blechtrommel«, die ihrem Verfasser Günter Grass zu Weltruhm verhalf.

So kann es gehen. Aber leider auch anders. Im selben Jahr erschien »Alles andere als ein Held« von Rudolf Lorenzen, geboren 1922 – wie »Die Blechtrommel« ein breit angelegter Gesellschafts- und Schelmenroman, nur nicht ganz so erfolgreich.

Die Kritik geizte durchaus nicht mit Lob, dennoch verschwand der Roman merkwürdig rasch in der Versenkung. Er ist nicht in den Kanon der deutschen Nachkriegsliteratur eingegangen. 2002 hat der Schöffling Verlag ihn noch einmal herausgebracht, abermals wurde er gelobt – und vergessen. Fast überflüssig zu erwähnen, dass die Germanistik Lorenzen bis heute ignoriert.

Das ist mehr als bedauerlich. Um die Wahrheit zu sagen, ist es sogar eine Affenschande. Denn seine Romane »Alles andere als ein Held« und »Die Beutelschneider« gehören zu den bedeutendsten und lesenswertesten Werken der deutschen Literatur des 20. Jahrhunderts. Getrost darf man Rudolf Lorenzen in einem Atemzuge mit den Nobelpreisträgern Böll und Grass nennen.

Freilich ist »Alles andere als ein Held« von ganz anderer Machart als etwa Grassens »Blechtrommel«. Im Gegensatz zu Grass glänzt Lorenzen nicht mit unbändiger Fabulierkunst; seine realistische Erzählweise ist geradezu provozierend unaufgeregt. Im Gegensatz zu Oskar Matzerath ist Lorenzens (Anti-)Held Robert Mohnwinkel ein Dutzendmensch, ein Leisetreter – ein Mitläufer.

Ob bei der Hitlerjugend oder in der Tanzstunde – Mohwinkel laviert sich so durchs Leben. Seinen Hang zur Pedanterie und Pflichterfüllung kann er bei der Arbeit in einem Schiffsmaklerbüro ausleben. Während des Krieges drückt sich Mohwinkel meist in der Etappe herum, auch die russische Gefangenschaft übersteht er ganz leidlich. Zurück in seiner Heimatstadt Bremen fängt er wieder bei seinem alten Arbeitgeber an. Der schickt ihn nach Frankreich. Was ihm als Beförderung verkauft wurde, erweist sich jedoch als eine Art Abschiebung. Mohwinkel macht wie immer das Beste daraus und gewöhnt sich schnell an das südfranzösische Savoir-vivre.

So könnte es zu Ende gehen. Aber Lorenzen wartet mit einer erstaunlichen Wendung auf: Mohwinkel tut das, was man »corriger la fortune« nennt. Durch Unterschlagungen im Marseiller Hafen schafft er sich eine neue Existenz, lässt sich in Lübeck als Reeder nieder und wird ein angesehenes Mitglied der bundesrepublikanischen Nachkriegsgesellschaft.

Lorenzen erzählt geradlinig, ganz ohne moralisches Pathos und mit beinahe buchhalterischer Detailversessenheit, die aber gerade nicht langweilt. Sein Humor ist so staubtrocken, so abgefeimt, so hinterhältig-ironisch, dass mancher Leser ihn möglicherweise nicht sofort wahrnimmt. Wer aber einen Sinn dafür hat – und kein halbwegs sensibler Leser wird sich auf Dauer Lorenzens Humor entziehen können –, den reißt dieser Roman wie ein Mahlstrom in sich hinein, und er liest weiter und weiter.

Wie konnte ein solcher Schriftsteller vergessen – nein: gar nicht erst berühmt werden? Seine realistische Erzählweise erschien dem damaligen Literaturbetrieb, der unter dem maßgeblichen Einfluss der »Gruppe 47« stand, altbacken. Und Lorenzen passte in kein Schema: Weder war er ein »predigender« Schriftsteller wie Heinrich Böll, noch gehörte er zu den großen Eigenwilligen wie Arno Schmidt oder Uwe Johnson. Lorenzen war eben eine Klasse für sich.

Wahrscheinlich gibt es aber noch eine tiefer liegende Ursache des Misserfolgs. Sebastian Haffner schrieb in seiner – leider viel zu spät erschienenen – Rezension zu »Alles andere als ein Held«: »Ja, ja, so ist es! ruft man dauernd aus, genau so! Schauderhaft! Wunderbar!« Lorenzens Psychogramm eines gewöhnlichen Deutschen, also eines Mitläufers, war einfach zu wahr, um schön zu sein, sein Held zu wirklichkeitsnah, als dass man sich mit ihm identifizieren mochte. So völlig ungeschönt wollte man sein eigenes Spiegelbild denn doch nicht betrachten.

Das zeigt sich noch deutlicher bei den 1962 erschienenen »Beutelschneidern«, die da anfangen, wo »Alles andere als ein Held« aufhört: im Wirtschaftswunderdeutschland. Kein Autor hat die Abgründe der jungen Bundesrepublik so unbarmherzig (und so witzig!) geschildert wie Lorenzen. Aber offenbar war das für die damaligen Leser zu starker Tobak. »Die Beutelschneider« floppten.

Lorenzen wandte sich wieder seiner (übrigens erfolgreichen) Karriere als Journalist zu. Aber glücklicherweise hat er die Literatur nicht ganz an den Nagel gehängt. Im Augenblick arbeitet der Hochbetagte an einem Roman, in dem er die Vorgeschichte zu »Alles andere als ein Held« erzählt: »Ohne Liebe geht es auch«.

Pünktlich zu Rudolf Lorenzens 85. Geburtstag hat der kleine, aber höchst umtriebige Berliner Verbrecher Verlag »Alles andere als ein Held«, »Die Beutelschneider« und den Erzählungsband »Kein Soll mehr und kein Haben« neu herausgegeben. Es gibt also keine Ausrede mehr, Lorenzens Bücher nicht zu kennen.

Aber wozu Ausreden? Wer auf die Lektüre dieser in jeder Hinsicht erstrangigen Romane verzichtet, ist selbst schuld. Jedenfalls gilt das für die aufgeweckte Leserschaft. Die Germanistik schnarcht natürlich weiter.

Rudolf Lorenzen: Alles andere als ein Held. Berlin: Verbrecher Verlag 2007. 686 S., 28 €
Ders.: Die Beutelschneider. Berlin: Verbrecher Verlag 2007. 414 S., 24 €
Ders.: Kein Soll mehr und kein Haben. Berlin: Verbrecher Verlag 2007. 257 S., 13 €
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