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Tower und Tabu

»Der Grundkonsens, wie Konflikte ausgehandelt werden, wird unterlaufen.«

Teilzensur für das Projekt »AusFlugHafenSicht« des Thalia-Theaters. Das unter dem Titel »Was Du wissen solltest (Die Zukunft)« gestaltete Wandbild und eine dazugehörige Zeitung wurden vom Flughafen Leipzig/Halle verboten. Kreuzer-online sprach mit Jan Wenzel, einem der beteiligten Künstler.

Teilzensur für das Projekt »AusFlugHafenSicht« des Thalia-Theaters. Das unter dem Titel »Was Du wissen solltest (Die Zukunft)« gestaltete Wandbild und eine dazugehörige Zeitung wurden vom Flughafen Leipzig/Halle verboten. Kreuzer-online sprach mit Jan Wenzel, einem der beteiligten Künstler.

kreuzer-online: Worum handelt es sich bei Ihrem vom Verbot betroffenen Projekt?

Wenzel: Das Thalia-Theater hatte Jan Caspers, Anne König, Vera Tollmann und mich eingeladen eine künstlerische Dokumentation zum im April abgehaltenen Workshop »Diskursdorf – Die Zukunft« zu gestalten.

kreuzer-online: Der fand in Kursdorf, einem vom Flughafen fast vollständig eingeschlossenen Ort statt?

Wenzel: Richtig. Während der drei Tage sind uns Fluglinien – wie etwa World Airways – aufgefallen, die wir zuvor nie gesehen haben. Wir haben uns dann damit beschäftigt, was diese fliegen, und erfahren, dass der Flughafen mittlerweile ein wichtiger Zwischenstopp ist für Truppentransporte aus den USA in den Irak und nach Afghanistan. Dass das ein kontroverses Thema ist, fiel uns bereits während des Workshops im Gespräch mit dem Flughafen-Geschäftsführer Eric Malitzke auf, das in der nun verboten Zeitung enthalten ist. Im Nachgang haben wir uns zum Beispiel mit Thomas Pohl von der IG Nachtflugverbot und Lutz Metzger von der Aktionsgemeinschaft Flughafen NATO-frei getroffen, die intensiv zum Flughafen recherchieren. Unsere Idee war, mit dem Wandbild und der Zeitung eine Öffentlichkeit zu kreieren, in der beide Seiten zu Wort kommen. Argument und Gegenargument wurden bezüglich der Frage, wie Zukunft entsteht und Antagonismen verhandelt werden, zusammengebracht.

kreuzer-online: Theater als politische Intervention?

Wenzel: Theater verstanden als Ort, an dem Widersprüche auf offener Bühne ausgehandelt werden. Natürlich war uns klar, dass ein Flughafen kein öffentlicher Raum ist, sondern eine Hausordnung hat. Uns hat interessiert, welche Offenheit so ein Ort besitzt. Wie viel zivilgesellschaftliche Mindeststandards gibt es – neben dem Brandschutz – dort noch?

kreuzer-online: Was war konkreter Stein des Anstoßes, der zum Verbot führte?

Wenzel: Die Thematisierung auch der militärischen Funktion des Flughafens. Das wurde offensichtlich, als das Thalia-Theater Anfang Juni das Programmheft herausgab. Dort steht in unserer Projektbeschreibung der Satz, dass der Flughafen ein Ort ist, wo die Unterscheidung zwischen Zivilem und Militärischem untergraben wird. Damit ist das Argumentationsmuster des Flughafens gemeint: Dieser habe keine militärische Funktion, weil die Truppen transportierenden Fluglinien zivile Vertragspartner sind. Andererseits beharrt der Flughafen sehr wohl auf dem Militärischen, weil zivile Passagierflüge in der Nacht verboten sind.

kreuzer-online: Und dieser eine Satz …

Wenzel: … der in einer 24-seitigen Broschüre enthalten war, hat dazu geführt, die Auslieferung zunächst auf Eis zu legen. Ab dem Zeitpunkt wussten wir, dass es auf dem Flughafen keine Chance zur Veröffentlichung unserer Arbeit geben wird.

kreuzer-online: Was ist auf dem Wandbild zu sehen?

Wenzel: Dies sollte in der Orangerie, dem Übergang vom Check-In zu den Gates hängen, von dem man auch auf Kursdorf blicken kann. Als Bänder angelegte Bildfolgen, die immer als Geschichte und Gegengeschichte angelegt sind, thematisieren die verschiedenen Funktionen des Flughafens. Zum Beispiel eine positive Geschichte zur Schnelligkeit: Da vergisst ein Kind bei den Großeltern seinen Teddy. Die merken das, schicken ihn nach und das Kind hält ihn am nächsten Morgen in den Händen. Eine dazu korrespondierende Geschichte hat die Produktionsverlagerung zum Thema, die durch den weltumspannenden Transport möglich wird. Dann gibt es die Erzählung über eine Cateringfirma – berichtet von Malitzke im Zeitungs-Interview –, die über die militärischen Transportlinien Arbeitsplätze rettete. Das ist auf lokaler Ebene natürlich schlüssig, aber heikel, weil sie abhängig sind von Krisen und Kriegen, sich daran mitbeteiligen. Das haben wir in einer Parallelgeschichte verdeutlicht: Ein amerikanischer Soldat steigt in ein Flugzeug, speist bei einem Zwischenstopp in Leipzig und fliegt dann in den Irak. Uns ist dann vorgeworfen worden, dass wir die Propaganda der Flughafengegner übernähmen.

kreuzer-online: Ihre bewusste Gegenüberstellung von verschiedenen Positionen ist gar nicht erkannt worden?

Wenzel: Es hieß, Bilder des Krieges haben mit dem Flughafen nichts zu tun, diese seien wegzulassen. Wir entschieden uns dagegen, weshalb das Fensterbild nicht gezeigt werden darf. Die Interviews mit den Flughafenkritikern dienen als Argument gegen die Zeitung.

kreuzer-online: Diese sind also aus Flughafensicht unerwünschte Personen?

Wenzel: Das wurde bei der Pressekonferenz vergangenen Mittwoch, auf der die Projekte vorgestellt wurden, deutlich, als um diese Menschen plötzlich Security auftauchte. Die Intendantin sollte sie dann auffordern zu schweigen oder den Raum zu verlassen.

kreuzer-online: Haben Sie dabei vom Verbot erfahren?

Wenzel: Nein, dies wurde uns einen Tag vorher mitgeteilt. Dass auf Flughafenseite öffentlich ein absolutes Redeverbot über die militärische Funktion besteht, zeigte die Pressekonferenz. Sie handelte zu großen Teilen von der verbotenen Arbeit, aber nicht ein Wort über den Grund des Verbots wurde verloren. Das verbotswürdige Thema ist selbst auf mehrfache Nachfrage von Journalisten nicht genannt worden. Es ist ein Tabu, das wir verletzt haben und die heftige Reaktion hervorgerufen hat. Das hat mich schon erschreckt, wie wenig sensibel hier gehandelt wird, es überhaupt keine Spielräume gibt. Man kann Sachen ja so oder so sagen …

kreuzer-online: Da kann man sie aber überhaupt nicht sagen?

Wenzel: Bei den Konflikten um die Funktion des Flughafens, in welche die Stadt Leipzig als Aktionärin der Mitteldeutsche Flughafen AG miteinbezogen ist, erscheinen beispielsweise die Anwohner wie Kolateralschäden der wirtschaftlichen Entwicklung. Hier fehlt das faire Aushandeln. Die Gesellschaft ist voll von widerstreitenden Interessen. Aber es gibt bestimmte Formen, in denen das passiert, wie der Kunst. Wenn das aber so formlos passiert, findet keine Kommunikation mehr statt, bestehen Redeverbote. Der Grundkonsens, wie Konflikte ausgehandelt werden, wird unterlaufen. Zumindest hat der Pressesprecher des Flughafens eingeräumt, dass man keine Handhabe hat, wenn unsere Arbeit woanders veröffentlicht wird. Das ist für uns eine Chance. Ein Verbot ist ja auch immer das, was die größten Kommunikationseffekte besitzt.

Projektseite: http://www.spectormag.net
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