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»Knautschzone zwischen Politik und Kultur«

Georg Girardet über seine unverhoffte Wiederwahl, den Job des Kulturbürgermeisters und die Suche nach einem Nachfolger

Im Büro des Kulturbeigeordneten Girardet hängt ein Bild von Udo Lindenberg mit der Widmung »Keine Panik in Leipzig«. Angesichts der gescheiterten Suche nach einem Nachfolger ein passendes Motto, findet er.

Im Büro des Kulturbeigeordneten Girardet hängt ein Bild von Udo Lindenberg mit der Widmung »Keine Panik in Leipzig«. Angesichts der gescheiterten Suche nach einem Nachfolger ein passendes Motto, findet er.

kreuzer: Glückwunsch zur Wiederwahl. Dennoch zeigten Sie sich verhalten begeistert. Woran liegts?
GEORG GIRARDET: Ich möchte mich zu den ganzen Vorgängen nicht äußern. Ich kann nur registrieren, dass es keinen Nachfolger gibt. Da habe ich gesagt: Bevor alles im Wirrwarr endet, möchte ich diese Aufgabe selbst weiter wahrnehmen, um einen geordneten Übergang sicher zu stellen.

kreuzer: Auch, um den OBM als Kulturbürgermeister zu verhindern?
GIRARDET: Nein, das hat damit nichts zu tun. Ich schätzte Herrn Jung und seine Affinität zur Kultur unbedingt, aber er könnte das einfach nicht noch zusätzlich schaffen.

kreuzer: Dennoch hat er es ja in Erwägung gezogen …
GIRARDET: Das war mal am Anfang eine Überlegung, von der er aber relativ schnell wieder abgekommen ist, weil er erkannte, dass das objektiv nicht machbar ist.

kreuzer: Waren Sie enttäuscht von Ihrem Wahlergebnis? Für eine Wahl ohne Gegenkandidaten sind 38 von 65 Stimmen ja nicht gerade glorios …
GIRARDET: Ja, das ist kein tolles Ergebnis und auch deutlich schlechter als meine früheren. Wenn ich mal zusammenzählen würde, wer mir alles gesagt hat, dass er mich gewählt hat, dann müsste ich mindestens 48 Stimmen bekommen haben (lacht). Andererseits hat man mir immer wieder gesagt, das hat weniger mit mir als mit der Gesamtsituation zu tun, die als sehr unglücklich empfunden wird.

kreuzer: Sie haben den Job 17 Jahre lang gemacht. Welche Eigenschaften muss Ihr Nachfolger denn mitbringen?
GIRARDET: Er muss ausgeprägt kommunikativ sein. Es ist wichtig, dass er den Kontakt zu den Mitarbeitern und den Institutsleitern ständig hält. Und er muss gute Nerven haben (lacht).

kreuzer: Inwiefern?
GIRARDET: Ein Kulturdezernent ist die Knautschzone zwischen der Politik und den Finanzen auf der einen Seite und der Kultur auf der anderen Seite. Natürlich ist man primär der Lobbyist der Kultur, aber natürlich auch zur Loyalität dem Oberbürgermeister gegenüber verpflichtet. Das ist ein Spannungsverhältnis, das zwangsläufig auf beiden Seiten immer zu gewissen Unzufriedenheiten führt.

kreuzer: Ihr Nachfolger wird ein Kandidat sein, der auch der Linken gefallen muss …
GIRARDET: Ja, es soll wohl so eine Absprache geben. Damit habe ich aber keine ernsthaften Probleme. Wir haben nun mal einen gewissen Parteienproporz. Die Gemeindeordnung sagt, dass die Zusammensetzung der Dezernate parteipolitisch die Zusammensetzung des Stadtrates widerspiegeln soll. Man kann daher der Linken ein gewisses Vorrecht nicht ganz absprechen.

kreuzer: Das könnten aber auch die Grünen sagen …
GIRARDET: Nein, die FDP/Bürgerfraktion und die Grünen haben deutlich weniger Sitze und können nicht mit demselben Recht auftreten.

kreuzer: Wie realistisch ist es, dass sie bald einen Nachfolger einarbeiten?
GIRARDET: Das weiß ich nicht. Nach dem Verfahren, das etwas unglücklich verlaufen ist, wird die Zahl der Interessenten nicht gerade gewachsen sein.

kreuzer: Ist das Amt dadurch beschädigt worden?
GIRARDET: Beschädigt ist vielleicht ein bisschen viel gesagt, aber günstiger sind die Voraussetzungen nicht geworden.

kreuzer: Der ehemalige Kandidat der Linken, Christoph Nix, hat behauptet, der OBM habe offensichtlich Probleme mit starken Persönlichkeiten. Können sie das so bestätigen?
GIRARDET: Diese Aussage ist völliger Unsinn.

kreuzer: Sie haben jetzt unerwartet etwas mehr Amtszeit bekommen. Was möchten Sie damit anfangen? Gibt es da ein bestimmtes Projekt?
GIRARDET: Es ist ja nicht so, dass nun eine Zäsur eingetreten wäre. Die Geschäfte laufen einfach weiter, und es gibt noch eine Menge zu tun. Nur, dass ich diese Aufgaben noch selber wahrnehme, und nicht ein Nachfolger. Ich habe gedanklich nicht schon abgeschlossen, sondern mache mit alter Motivation weiter. Das Forum Thomanum ist beispielsweise ein Riesenprojekt, dazu kommen die ganzen Jubiläen in nächster Zeit. Das ist für die Stadt eine riesige Chance, sich als Kulturstadt, als Musikstadt tiefer in das Bewusstsein einer nationalen und internationalen Öffentlichkeit einzugraben.
Ich habe auch noch in der letzten Phase etwas Neues eingeführt: einen jour fixe zur Entwicklungsplanung der Kultureinrichtungen. Da treffen wir uns einmal im Monat und jede Einrichtung stellt sich dem großen Kreis vor. So ist das Wissen übereinander besser geworden, und auch die Kooperationsmöglichkeit und -bereitschaft ist in der letzten Zeit gewachsen. Im September starten wir einen solchen jour fixe auch für die Vermittlungsarbeit in den Kultureinrichtungen. Auf diese Weise soll diese wichtige Aufgabe noch mehr betont und gestärkt werden.

kreuzer: Dennoch können Sie nicht längerfristig planen, da Sie nicht wissen, was für Schwerpunkte Ihr Nachfolger setzen will …
GIRARDET: Die Stadt setzt für die Kulturpolitik so klare Rahmenbedingungen, dass man gar nicht viele andere Möglichkeiten hat. Die Stadt ist unglaublich reich an kulturellen Traditionen, und es geht primär darum, all diese Schätze, die wir hier haben, zu erhalten, weiterzuentwickeln und zukunftsfähig zu machen. Ich kann mir eigentlich nicht vorstellen, dass jemand, der nach Leipzig kommt, das ganz anders sieht.

kreuzer: Oder dass der den Job bekommt …
GIRARDET: Ja. Ich glaube nicht, dass eine Findungskommission jemanden auf diesen Stuhl hier setzt, der völlig konträre Vorstellungen hat.

kreuzer: Sie gelten gemeinhin als Mann der Hochkultur, der mit der freien Szene nicht wirklich etwas anfangen kann. Hat das Ihre Amtsführung beeinflusst?
GIRARDET: Da ist was dran, das will ich gar nicht leugnen. Aber ich denke, dass dieses Problem – wenn es denn als Problem gesehen wird – dadurch aufgefangen wird, dass das Kulturamt diesen Bereich sehr engagiert abdeckt. Ich finde die freie Szene sehr wichtig, aber ich bin nicht der typische Mensch dafür – auch vom Alter her nicht. Aber ich habe immer das beruhigende Gefühl gehabt, das Kulturamt kümmert sich sehr professionell und engagiert um diesen Bereich, so dass ich kein schlechtes Gewissen haben musste.

kreuzer: Und Sie haben dann auch immer den Anregungen aus dem Kulturamt Folge geleistet?
GIRARDET: Natürlich. Ich habe ohnehin einen sehr offenen Führungsstil. In diesem Bereich habe ich ganz besonders intensiv auf das Kulturamt gehört und bin dessen Vorschlägen auch gern gefolgt.

kreuzer: Blicken Sie doch mal auf 17 Jahre Amtszeit zurück. Worauf sind sie besonders stolz, wo müssen Sie sagen: Das haben wir wirklich verbockt?
GIRARDET: Was ich richtig gut finde, ist das Bachfest, das ich auf den Weg gebracht habe – damals noch gegen eine Menge von Widerständen. Und natürlich ist nicht zu leugnen, dass wir in der letzten Zeit keine Fortune hatten mit der Oper.

kreuzer: Woran lags?
GIRARDET: Die Probleme entstanden vor allem durch Defizite in der Kommunikation zwischen allen Beteiligten. Und die Verpflichtung Konwitschnys ist von der Oper sehr spät kommuniziert worden.

kreuzer: Wie? Sie sind von der Einstellung Konwitschnys nicht informiert worden?
GIRARDET: Erst sehr spät.

kreuzer: Wie kann das denn passieren?
GIRARDET: Der Intendant hat das alleinige Recht, einen Chefregisseur einzustellen. Formal ist das völlig korrekt gewesen. Von der Kommunikation her war das nicht gerade superb – gerade im Verhältnis zu Chailly. Das ist einfach ein Feld, wo alle gemeinsam etwas unglücklich agiert haben.

kreuzer: Was haben sie eigentlich nach ihrer Pensionierung vor?
GIRARDET: Wenn man über einschlägige Berufserfahrung verfügt und zu erkennen gibt, ehrenamtlich tätig werden zu wollen, dann kommen die Anfragen ganz schnell von selbst. Ich habe mich zum Beispiel zusätzlich bereits bei der Ostdeutschen Sparkassenstiftung Brandenburg und bei den Freunden der Preußischen Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg engagiert.

kreuzer: Aber sie bleiben schon in Leipzig?
GIRARDET: Ich werde ein Standbein in Leipzig behalten, aber ich werde ein etwas stärkeres Bein in Berlin haben.


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