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Subtil bis brutal

Wie war der Livelyrix Open Air Poetry Slam am Sonntag auf der Pferderennbahn?

Rot fließt in Rosa und Rosa in Orange. Der Himmel über der Pferderennbahn spiegelt sich in einer winzigen Disko-Kugel, die wackelig über Matthias Spengler, dem Moderator, schwebt. »Wenn alle ihren Hals wieder eingerenkt haben, machen wir weiter«, tönt er mit seiner Kippe in der Hand. Der Livelyrix Open Air Poetry Slam sah Nazis in Asia-Märkten shoppen gehen und verwandelte die Erde in eine Scheibe.

Rot fließt in Rosa und Rosa in Orange. Der Himmel über der Pferderennbahn spiegelt sich in einer winzigen Disko-Kugel wider, die wackelig über Matthias Spengler, dem Moderator, schwebt. »Wenn alle ihren Hals wieder eingerenkt haben, machen wir weiter«, tönt er mit seiner Kippe in der Hand.

Von Bier zu Bier wird sein Ansagestil lockerer, und so schafft er sich unter den Künstlern nicht nur Freunde. Nach einer Ansage der Gruppe Totale Zerstörung und fragend, was diese denn eigentlich zerstören, kommt der Konter: »Vielleicht zerstören wir den Moderator!« Mit dieser Hassliebe schleppt er sich von Beitrag zu Beitrag, und davon gibt es einige. Alle Texte sind irgendwie schräg, mit subtilem bis brutalem Humor. So gibt es eine Ode an das Plattenbauparadies Prolis, wo Nazis im Asia-Markt shoppen gehen, eine Hasspredigt an Halle, den »kleinen Bruder von Leipzig, und wenn die Erde eine Scheibe wäre, dann wäre Halle immer auf der anderen Seite, und das ist auch gut so … «.

Ein Text über das intensive Schweigen »bei dem Ding mit der Nähe zwischen zwei Menschen«, ein zerlatschtes Meerschweinchen und LKW-Daumen, die erste Festivalerfahrung mit Dixi-Klo, Mädchen mit Erdbeerohrringen und Leggins, die alle tragen, wenn die Röhrenjeans mal wieder in der Kochwäsche sind, und einem ganz und gar nicht ausgekauten Thema »Gewürze«.

Sogar einige über dem allgemeinen Altersdurchschnitt – also ohne Zahlen zu nennen einfach »Ältere« – waren in den ersten Reihen auf weißen Plastikstühlen anzutreffen, sicherlich auf mitgebrachten Thermo-Sitzkissen, aber immerhin hatten sie sich in die künstlerischen Gefilde der Slam-Szene getraut. Mit diesem typischen »Ich habe schon mehr Erfahrung im Leben«-Blick und kleinen Lachfältchen um die Mundpartie hörten sie amüsiert zu, doch ein Beitrag, direkt an die Fraktion der Großmütter und Großväter gerichtet, ließ sie nur sehr angespannt schmunzeln: eine typische Kaffeeszene bei den Großeltern. Ein Künstler versucht, sein nicht unbedingt ertragreiches, aber glückliches Künstlerleben zu rechtfertigen und sehnt sich nach Verständnis. Er ist ein »Lebemensch« und glücklich mit sich und der Kunst. Er wiegelt die Vorschläge, Forstwirtschaftsbeamter zu werden, ab und lehnt sich nach eineinhalb Stunden erschöpft zurück. Er fühlt sich verstanden. Die Oma lächelt und fragt: »Wann machstn endlich mal was Richtiges?«

Bevor der Moderator eine Alkoholvergiftung erleidet, wird durch Klatschen und Gejohle der Sieger gekürt. Der Sekt geht an das Team Totale Zerstörung, das dann im Anschluss die Flasche zerstören wird – ob mit oder ohne die Slammer-Kollegen bleibt im Dunkeln des Nachhausewegs.


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