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Engels Werk und Hartmanns Anschlag

Hartmann kommt! Die einen hoffen, die anderen bangen. Und irgendwo zwischen Skepsis und Euphorie taucht die Frage auf: Kann Leipzig wieder zu einem Ort für relevantes Theater werden?

»Engel als Maßstab«, das hatte Kulturbürgermeister Georg Girardet vor anderthalb Jahren als Parole ausgegeben, als es um die Nachfolge für den scheidenden Intendanten ging. Die Furcht war groß, dass nach 13 Jahren Engel nicht der notwendige Kurswechsel im Schauspiel einziehen würde. Klar war nur eins: Es ist an der Zeit für einen Aufbruch in der Theaterstadt Leipzig!

»Engel als Maßstab«, das hatte Kulturbürgermeister Georg Girardet vor anderthalb Jahren als Parole ausgegeben, als es um die Nachfolge für den scheidenden Intendanten ging. Die Furcht war groß, dass nach 13 Jahren Engel nicht der notwendige Kurswechsel im Schauspiel einziehen würde. Klar war nur eins: Es ist an der Zeit für einen Aufbruch in der Theaterstadt Leipzig! Das zeigen die leeren Zuschauerräume und die leider oft mäßigen Inszenierungen der letzten Spielzeit, das zeigt zum Beispiel auch das Kabarett, das es in den vergangenen Jahren nicht über platte Kalauer hinausschaffte. Für eine Stadt, die sich mit Bach als »Musikstadt« schmückt und als revolutionäre Wende-Heldin feiert, ist das nicht genug. Ein Modernisierer sollte her – am besten jemand, der die alten Abonnenten hält und trotzdem alles ganz anders macht.

16. März 2007
Da lag der Buschfunk mal daneben. Spekuliert hatte man und alles erwartet, nur das nicht: Sebastian Hartmann wird neuer Intendant am Schauspiel Leipzig! Nicht Lars-Ole Walburg, nicht Tobias Wellemeyer, beide heiße Kandidaten für das Amt, mit wesentlich mehr Erfahrung. Und es regt sich Unmut: Warum Hartmann, den hier niemand kennt? Und wie kann es angehen, dass sich Girardet und Jung ausschließlich von einer Leipzig-fremden Findungskommission beraten ließen – von der auch noch die Hälfte aus Hartmanns Berliner Dunstkreis stammt? Frank Castorf (künstlerischer Ziehvater Hartmanns), Jürgen Schitthelm (Schaubühne am Lehniner Platz), Armin Petras (Gorki Theater), Ulrich Khuon (damals designierter Intendant vom Deutschen Theater) – sie haben sich für den – immerhin – gebürtigen Leipziger ausgesprochen. Das roch nach Klüngel, und die Irritation war groß.

Engels Werk nun also doch nicht als Maßstab – vielmehr ein Schock für das an grundsolide Klassiker gewöhnte Leipzig. Denn Sebastian Hartmann ist alles andere als an seinem Vorgänger orientiert. Er gilt als radikaler Textzertrümmerer, als Skandal-Theatermacher – das war sein Regie-Einstand in Leipzig, als 1998 seine Inszenierung von Sarah Kanes »Blasted – Zerbombt« nach fünf Vorstellungen abgesetzt wurde. Er zeigte mit dem wehrtheater hartmann die harte Schale und machte mit der »Spiralblock-Affäre« in Frankfurt/Main von sich reden (siehe Porträt ab Seite 20). Schon grauste so manchem vor dem nahenden Fäkaltheater, die Angst vor Blut- und Schweißbächen auf der altehrwürdigen Bühne an der Bosestraße ging um.

Heißt der Neubeginn nach Engel auch Abschied vom gesitteten Theater? Es ist zu hoffen. Denn die Wahl des experimentierfreudigen Hartmann regt zumindest die Diskussion an: Kann sich Leipzig einen Rang unter den bedeutenden Theaterorten des Landes erobern? In den letzten Jahren schaffte es kaum eine Inszenierung über die lokale Kritik hinaus, und Leipzig ist in der deutschlandweiten Wahrnehmung als Theaterstadt nahezu verschwunden (siehe auch September-kreuzer Seite 13).

Dabei war man einst Impulsgeber, lang ists her: Das Theater auf der Rannischen Bastei – es stand früher dort, wo heute der Wagnerplatz ist, gleich bei der Blechbüchse – gilt als erstes deutsches Stadttheater. Es wurde 1766 von Johann Christoph Gottsched und Caroline Neuber dem bürgerlichen Ideal folgend gegründet. Diszipliniertes, geordnetes Theater, das nicht allein der Unterhaltung, sondern auch sittlicher Erziehung dienen sollte, was letztlich in der Institution Stadttheater mündete, der Vertreibung des Harlekins von der Bühne – das alles ist längst Anekdote.
In den Geschichtsbüchern wird hierbei oft unterschlagen, dass mit der Reform das Publikum in einen dunklen Raum verbannt und damit jeglicher Diskurs zwischen Bühne und Zuschauern abgeschafft wurde – das Illusionstheater mit Bildungsauftrag war geboren. Wenn nun ein Sebastian Hartmann seine Impulse in das Theater bringen kann, dann ist das gewissermaßen ein Bruch mit der Bürde, dass Leipzig dem Theater ein Text-Korsett angelegt hat. Hartmanns Inszenierungen sind bildmächtig, berauschend, bombastisch. Er setzt auf Emotion statt Intellekt – eben alles andere als Klassiker in Strumpfhosen.

Aber was steckt wirklich dahinter? Was kann das Publikum erwarten von der neuen Intendanz, die zunächst für fünf Jahre gebucht ist? Jenseits der Forderung, das Schauspielhaus wieder besser auszulasten – was bringt der 40-Jährige mit in seine Heimatstadt? Die Neugierigen werden im Dunklen gelassen, die Skeptiker indes gefüttert. Und so kommt es, wie es kommen muss: Leipzig steht dem Neuen argwöhnisch gegenüber. In einer Stadt, die über jedes angegraute Relief, jeden Neubau und jede Personalie reich an Pathos und Entrüstung diskutiert, ist das kein Wunder. Man lässt sich hier eben nicht so einfach jemanden einpflanzen. Es scheint, als sprächen die Aufregung und die Spekulationen um die nächste Saison schlicht für die Freude an der Empörung, die in Leipzig immer wieder zu beobachten ist.

So schafft es Hartmann sogar in die Bild-Zeitung: Kurz nach seiner Ernennung vermeldet diese, dass aus dem bestehenden Ensemble niemand außer der unkündbaren Schauspieler übernommen wird – der Boulevard tobt. Dabei wird völlig unterschlagen, dass es sich für ein neues Intendanten-Team durchaus ziemt, ein eigenes Ensemble mitzubringen. Und es ist ja auch sinnvoll: Warum sollte Hartmann, dessen künstlerische Vorstellungen von denen Wolfgang Engels mindestens so weit entfernt sind wie das LOFFT von der Oper, dessen Stab übernehmen? So machen es neue Intendanten an jedem Theater. Hartmann ist hier zwar brachial vorgegangen – aber nicht mehr als üblich.

Das ist symptomatisch für ein Leipzig, das noch immer Goethes »Faust«-Formel vom »Klein-Paris« nachtrauert und das Prestige dieser längst vergangenen Zeiten zurückwünscht, das Weltruhm einfordert, koste es, was es wolle. Dafür wird auch schon mal ein Regietheater-Star wie Hartmann in die Stadt geholt, um genau diese Aufmerksamkeit zu erhaschen – und kurz darauf schimpft und zetert man über die vermeintlich unsensible Einstellungspolitik. Mit ihr wird Hartmann ein weiterer Minuspunkt angeheftet, bevor er je ein Wort gesagt hat. Allerdings: Viel sagt er ja wirklich nicht. Bis in den Mai hinein gelangt kein aussagekräftiges Wort an die Öffentlichkeit, und das sorgt für noch mehr Spekulationen. Ob Kalkül oder schlicht die knappe Vorbereitungszeit – es scheint, als inszeniere sich Hartmann in Form von Schweigen.

15. Mai 2008
Die erste Pressekonferenz des designierten Intendanten Sebastian Hartmann. Neugierig sind die Medienvertreter der Stadt angetrabt, um die erste offizielle Vorstellung des neuen Teams zu begutachten. Und da sitzt er nun also auf der kahlen Bühne, ein etwas unnahbar wirkender Mann mit dunklen Locken und runder Brille, lässig zurückgelehnt. Er beginnt zu sprechen – und hört so schnell nicht mehr auf. Erzählt, dass er das Haus in Centraltheater umbenennen will, welche Künstler er nach Leipzig holt, was er in der Neuen Szene, pardon, »Skala« vorhat. Hartmann spricht frei, er redet so lange, wie er braucht. Dann hört er auf. Noch Fragen? Als hätte diese Vorstellung eine vierte Wand eingezogen, schweigt das Publikum wie erstarrt. Kaugummikauend kommt noch Chefdramaturg Uwe Bautz zu Wort. Die Anwesenden sind durch dessen unterkühlte Art endgültig verschüchtert. Beim Lachsschnittchen wird anschließend mehr gemunkelt denn diskutiert. Ob es das ist, was Hartmann wollte?

Schon beim ersten öffentlichen Auftritt gelingt es dem Team um Sebastian Hartmann, die zuvor entstandene Mystifizierung weiter zu schüren. Die Werbeoptik protzt mit einer monochromen Urzeit-Landschaft, Dinosaurier scheinen vor sich hinzuträumen – oder sich auf den großen Angriff vorzubereiten. Man gibt sich nicht gerade als enthusiastischer Verkäufer des eigenen Konzepts. Und das ist schließlich nicht ganz ohne: Während Hartmann im großen Haus einige Wiederaufnahmen platziert und wider Erwarten doch mit relativ viel klassischem Stoff arbeiten will, lässt das, was er sich für die kleine Bühne in der Gottschedstraße ausgedacht hat, erst einmal staunen.
Keinen festen Spielplan soll es geben und der Entwurf liest sich recht exotisch: Eine Open-Stage-Reihe wird angekündigt, ein »Autoren-Hotel«, und dann gibt es für die Skala sogar ein eigenes Ensemble. Wie genau das laufen soll: Keiner weiß es. Anfangs macht sich auch nicht wirklich jemand die Mühe, das neue Konzept dem ohnehin skeptischen Publikum nahezubringen. Dabei könnten sich mit den Vorhaben der Skala gerade für die dürstende freie Theaterszene der Stadt Chancen ergeben. Die Skalisten strecken ihre Fühler in die ganze Stadt aus: Kontaktaufnahme mit dem Westflügel, mit dem LOFFT, dem Institut für Theaterwissenschaft an der Uni. Man will sich offenbar als Ort des Versuchs etablieren, zum Ausprobieren theatraler Formen – und somit die Wand zwischen Theater und Stadt einreißen.
Auch das große Haus wird gründlich durchgefegt. Anhänger gepflegter Popmusik freuen sich schon auf Christoph Gurk. Der ehemalige Chefredakteur des Musikmagazins Spex will Pop im Centraltheater veranstalten und kuratiert eine monatliche Konzertreihe. Ein solches Projekt, mit Musik und Theater zu experimentieren, hat er bereits an der Volksbühne ziemlich erfolgreich etabliert. So ganz neu ist es also nicht – spannend für Leipzig aber allemal (siehe kreuzer-Interview ab Seite 40).

Auch ein Philosoph gehört zur Mannschaft, ein Novum und begrüßenswert. Und nicht irgendein Philosophiebeamter ist es, sondern der »glückliche Arbeitslose« Guillaume Paoli, der mit spitzer Feder das Beharren auf Arbeit attackiert und das Recht auf Faulheit verteidigt (siehe kreuzer-Interview Seiten 26 bis 28).
Für diejenigen, die mit Worten weniger anfangen können als mit Schenkelklopfern, hat Hartmann auch etwas im Gepäck: Rainald Grebe, Liedermacher und Schöpfer der ironisch-bezaubernden Thüringen- und Brandenburghymnen, soll am großen Haus ein Musical inszenieren. Seinen Kultstatus wird er damit wohl einbüßen – doch ein Grebe-Musical im Centraltheater, das ist Populär- und Spezialkultur in einem Paket.
Eine ähnlich volksnahe Ebene betreten die Theatermacher, wenn sich das Centraltheater am 21. September hochoffiziell mit einem Fußballspiel der Stadt vorstellt. Man holt das Volk ab: Eine uralte Weisheit des Theaters, das immer schon dort spielte, wo Menschen sich amüsierten. Das könnte Hartmanns Eintrittskarte werden in ein skeptisches Leipzig, das sich bereits in der Gefahr wähnte, zwischen Spiralblöcken und Kunstblut-Kanistern vergessen zu werden.

16. August 2008
Die Website ist unbewegt. Jeden Tag klicken wir sie an, ein Wunder scheint es immerhin, als statt des vertrauten Designs eine graue Sonne auf der Seite zu lächeln beginnt. Das Schriftdesign erinnert irritierend an jenes der Berliner Volksbühne. Ansonsten: Leere. Keiner der Spielstätten-Namen kann angeklickt, der Seite keine Information entlockt werden. Weder zur ominösen »Matthäuspassion« noch zu den konkreten Vorhaben in der Skala äußert man sich aus den Tiefen des Netzes – bis weit in den August hinein.

Vielleicht ist dies Taktik, denn so bleiben die Erwartungen der Stadt zumindest neutral: Man wünscht sich Veränderung, mutmaßt, rätselt. Und fragt sich, was Hartmann im kreuzer-Interview wohl mit seiner Aussage gemeint haben könnte, die er im Vergleich mit der Volksbühne gebracht hatte: »Leipzig hat 500.000 Einwohner, inklusive Umland sind es anderthalb Millionen. Ich bitte Sie, da muss es doch Leute geben, die so viel Grips in der Birne haben, dass sie es sich leisten können, sich gegenseitig zu befruchten.«
Dabei hat die Arroganz eine gewisse Konsequenz und erhöht die Spannung. Auch das Heft mit dem September/Oktober-Spielplan wartet nicht unbedingt mit dem auf, was gemeinhin unter Information verstanden wird. Vorzugsweise Ellipsen-Stakkati pendeln zwischen Diskurspop-Parolen und ziemlich verkopfter Auseinandersetzung mit den Produktionen. Auch hier tritt sie auf, die Mischung aus Erwartung weckenden und zweifeln lassenden Momenten, die Hartmann seit Beginn anhaften.

Eins ist klar: Der Neue will nicht vorsichtig in die Stadt hineinfühlen, sondern aufreißen, provozieren. Er wird mit berstenden Bildern und provokanten Künstlern beim Leipziger Publikum sicher für Irritationen sorgen. Und das ist vielleicht der Schlüssel: Mit dem Erproben neuer Formen, anderer Herangehensweisen und wagemutiger Experimente kann der Intendantenwechsel Debatten anregen und damit eine Auseinandersetzung mit Theater herausfordern.
Kunst erlangt nur dann Bedeutung, wenn sie Bestehendes hinterfragt – und darum liegt in diesem Wechsel eine Chance. Denn so merkwürdig Hartmann manchen vorkommen mag und so fragil sein Stand in der Stadt noch ist, kann gerade die Radikalität des Neuanfangs dazu führen, dass man über Theater in Leipzig vielleicht wieder mit ein wenig Stolz spricht.


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