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Spiel mit Illusion und Bruch

Leipzig etabliert sich als Zentrum für Material-, Objekt- und Figurentheater

In den letzten Jahren hat sich Leipzig – begleitet von einer begeisterten Fangemeinde – zu einem Zentrum für Material-, Objekt- und Figurentheater entwickelt. Neben dem Theater im Globus, das sich dem eher traditionellen Puppentheater widmet, entstand vor allem mit dem Lindenfels Westflügel e. V. eine international anerkannte Produktionsstätte und ein Ort für (Theater-)Experimente.

In den letzten Jahren hat sich Leipzig – begleitet von einer begeisterten Fangemeinde – zu einem Zentrum für Material-, Objekt- und Figurentheater entwickelt. Neben dem Theater im Globus, das sich dem eher traditionellen Puppentheater widmet, entstand vor allem mit dem Lindenfels Westflügel e. V. eine international anerkannte Produktionsstätte und ein Ort für (Theater-)Experimente. Obwohl das Haus keine institutionelle Förderung durch die Stadt erfährt, kann dieses Jahr neben der Instandsetzung des Gebäudes und dem bereits etablierten Sommer-Spielplan der erste Winter-Spielplan realisiert und das fünfjährige Bestehen gefeiert werden. Dies verdient nicht nur eine Gratulation an die Macher, sondern liefert zugleich den Anlass, der Faszination für diese Theaterform ein bisschen nachzuspüren.

Während traditionelles Puppentheater den Spieler versteckt und die Puppe in einem klar begrenzten Raum, etwa dem klassischen »Kasperletheater«, agieren lässt, sind in den Westflügel-Arbeiten der Spieler und seine Aktionen immer sichtbar. Durch den offenen Raum entsteht ein Theater, das die Bühnenillusion bricht und den Produktionsprozess offenlegt. Gerade das beständige Spiel mit Illusion und Bruch und die Möglichkeit, den Prozessen zuschauen zu können, machen diese Form so faszinierend. Material-, Objekt- und Figurentheater nimmt dabei die monolithische Behauptung, Literaturtheater sei »das Theater«, zurück und beginnt wieder zu fragen, welche Formen und Möglichkeiten es außerdem noch geben kann. So hat die Spielweise manchmal Anklänge an die Commedia dell’Arte, ist mal komisch, mal sinnlos, oft verschwenderisch in ihren Gesten.

Interessanterweise suchen viele der Westflügel-Produktionen nach einem »anderen Theater« gerade indem sogenannte »Theaterklassiker« erprobt werden. So setzt sich »MEWA« (nach Tschechows »Möwe«), die Eröffnungsinszenierung des diesjährigen Sommer-Spielplans und eine Kooperation von Kompania Doomsday (Bialystok in Polen) und Figurentheater Wilde & Vogel (Leipzig/Stuttgart), mit dem existenziellen Bedürfnis nach Kunst auseinander. Es ist auch die Suche nach einem Spiel, das überraschen und neue Perspektiven eröffnen kann.

Auch mit »Salomé« wird in dieser Saison wieder gefragt, wie sich die alten Stoffe heute noch auf die Bühne bringen lassen. Faszinierend ist dabei, dass die traditionelle Hierarchie zwischen Subjekten und Objekten auf der Bühne aufgehoben wird: Der berühmte Tanz der Salomé ist so zugleich als Tanz einer Figur und als Tanz der sechs Spieler zu sehen, die diese führen. Abgesehen von der großen sinnlichen Kraft der Szene wird es zunehmend kompliziert zu unterscheiden, was auf der Bühne lebendig ist und was nicht. Die Hinwendung zum Objekt und das Interesse für Materialien ermöglichen es für Momente, die Welt aus einer neuen Perspektive zu sehen. Das Alltägliche und das Randständige rücken ins Scheinwerferlicht, und die Geschichten, die so erzählt werden, lassen Freiräume für Mögliches: In einem solchen Theater kann sich eine Frischhaltefolie auf ihren rauschenden Soloauftritt freuen, ein einzelnes Figurenbein durch den Raum schwirren oder die Welt aus der Sicht eines Plastikfischs betrachtet werden.

Freuen darf man sich daher auf den renommierten Objekttheaterkünstler Gyula Molnàr im September und auf »Faust spielen« (Arbeitstitel) von Wilde & Vogel und Christoph Bochdansky (Wien) im Oktober. Denn der Lust am Spielen und Erfinden kommt in unseren Zeiten ein durchaus politischer Wert zu: Ein Theater, das nicht nur bedeutet und zeigt, sondern auch verblüfft und verführt, widersetzt sich den Forderungen nach Rationalisierung und Funktionalisierung. Es tut eben gut, öfter mal mit den Augen eines Plastikfisches zu sehen.


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