Startseite / Archiv | Blogs / »Das Ende der deutschen Universität«

»Das Ende der deutschen Universität«

Bologna-Prozess, neues Sächsisches Hochschulgesetz und Hochschulpakt 2020 – die universitären Dauerreformen nehmen kein Ende

Wann kommt die nächste Hochschulreform, und warum? Das ausführliche Interview mit Pirmin Stekeler-Weithofer, Präsident der Sächsischen Akademie der Wissenschaften, aus dem kreuzer-Studentenheft u:boot.

Bologna-Prozess, neues Sächsisches Hochschulgesetz und Hochschulpakt 2020 – die universitären Dauerreformen nehmen kein Ende. Wann kommt die nächste Hochschulreform, und warum? Ein Gespräch mit Pirmin Stekeler-Weithofer, Präsident der Sächsischen Akademie der Wissenschaften

kreuzer online: Mit dem Wintersemester tritt das neue Hochschulgesetz in Kraft …

PIRMIN STEKELER-WEITHOFER: Wahrscheinlich, im Moment ist das Gesetzgebungsverfahren noch im Gange.

kreuzer online: Was heißt das?

STEKELER-WEITHOFER: Dass noch einige kleine Veränderungen durch die Anhörung im Landtag am 4. September herbeigeführt werden können. Im Moment haben wir nur eine Probezeitklausel für die neuen Fakultätsstrukturen, nicht aber für die vom Gesetz zurzeit verpflichtend vorgesehene Rektoratsverfassung. Eine moderne Präsidialstruktur mit einer dazugehörigen Neustrukturierung der Leitung und Verwaltung der Universität ist durch den Gesetzesentwurf leider ausgeschlossen.

kreuzer online: Wieso ist das nötig?

STEKELER-WEITHOFER: Mir scheint, dass die Festschreibung des Rektorensystems mit einem Kanzler als oberstem Chef der Verwaltung eine Fortschreibung der Kameralistik des 19. Jahrhunderts und mit dem Grundgedanken moderner Hochschulautonomie nicht vereinbar ist. Die Doppelspitze Rektor und Kanzler blockiert sich oft genug. Darunter leidet die strategische Entwicklung der Universität Leipzig.

kreuzer online: Wollen Sie den Kanzler abschaffen?

STEKELER-WEITHOFER: Nein und ja. In der Form eines vom Hochschulrates im Einvernehmen mit dem Ministerium ernannten Vizepräsidenten für Finanzen wäre die Rolle des Kanzlers besser in eine autonome Universitätsleitung eingebunden. Von unserer Universität her gesehen gilt jedenfalls: Wenn man ein Interesse hat, Leipzig als große Universitätsstadt wieder zu schaffen, dann brauchen wir eine entsprechende Strukturreform der Uni. Ohne eine Umwandlung der Verwaltung in einen Dienstleister für die Fakultäten und die akademische Universitätsspitze samt ihrer Leitungsstruktur geht das nicht.

kreuzer online: Inwiefern ist das neue Hochschulgesetz für mich als Student relevant?

STEKELER-WEITHOFER: Das ist eine schwierige Frage. Schon die entsprechenden Evaluationen der Lehre werden zur Folge haben, dass wir in der Ausbildung gezwungen werden, überspitzt gesagt 99,9 Prozent aller aufgenommenen Bachelor-Studenten mit einem Hochschulabschluss zu versorgen. Sollte das unsere Zukunft sein – und wir kennen das Problem der praktisch garantierten Abschlüsse aus den USA –, wird das Ansehen unserer Examina notwendigerweise dramatisch sinken. Aus politischen Gründen sind wir gezwungen, die Zahl der Studienabbrecher oder Studienfachwechsler gering zu halten und die Leute nicht durchfallen zu lassen. Das geht natürlich nur durch Qualitätseinbußen. Wir werden im Wesentlichen eine Verschulung des Hochschulsystems als Folge haben. Kurz: Es ist nicht dramatisch genug gesagt, dass dies das Ende der deutschen Universität bedeutet.

kreuzer online: Wie meinen Sie das?

STEKELER-WEITHOFER: Nach der Idee Humboldts ist jede Universität an sich eine Eliteuniversität. Der Rummel um die gerade ernannten Eliteuniversitäten verdeckt daher nur die Tatsache, dass am Ende die sogenannten Eliteuniversitäten die eigentlichen Universitäten in Humboldts Sinn sein werden. Alle anderen werden zu bloß collegeartigen Ausbildungsstätten.

kreuzer online: Ein kritischer Punkt ist auch durch die sinkenden Studierendenzahlen in Ostdeutschland erreicht. Der Hochschulpakt 2020 legt fest, entweder mehr Studierende aufzunehmen oder Stellen zu streichen. Was bedeutet das für die Uni Leipzig?

STEKELER-WEITHOFER: Wir haben eine drastisch sinkende Abiturientenquote in den gesamten ostdeutschen Ländern. 50 Prozent der Leipziger Studierenden kommen nicht aus Sachsen. Davon aber 40 oder 45 Prozent aus den ostdeutschen Ländern. In Westdeutschland gibt es doppelte Abiturientenjahrgänge durch die Verschiebung vom 13-jährigen auf das 12-jährige Gymnasialsystem. Deswegen macht Sachsen sinnvoller Weise das Angebot, der gesteigerten westdeutschen Studienplatznachfrage entgegenzukommen und die hierher zu locken. Auch wenn es so geklungen haben mag, dass ich den Universitätsstandort Leipzig vorher kritisiert habe, Leipzig ist eine der attraktivsten Hochschulstätten in Deutschland. Neben Köln, Hamburg, Berlin und München kann keine andere Stadt mithalten. Und ich halte es für völlig falsch, dies nicht zu nutzen.

kreuzer online: Warum sind Sie so überzeugt, dass Leipzig ein empfehlenswerter Hochschulstandort ist?

STEKELER-WEITHOFER: Wir sind eine moderne städtische Universität. Die Kleinstadtuniversitäten wie Göttingen, Tübingen oder Marburg sind ja alle nett, aber zu sehr 17. oder 18. Jahrhundert. Leipzig ist 20. oder 21. Jahrhundert. Man lebt hier in einer der interessantesten Großstädte Deutschlands. Nicht nur wegen der Nähe zu Berlin. Außerdem: So schlecht ist diese Universität nicht. Es gibt strukturelle Mängel. Aber Lehre und Forschung sind hier so gut wie an jeder anderen deutschen Universität. Alle anders lautenden Beurteilungen der Universität Leipzig halte ich für falsch.

kreuzer online: Schlechte Betreuungsverhältnisse, überfüllte Seminare und unzureichende Angebote von Lehrveranstaltungen – trotz aller Reformen scheinen die Zustände an der Uni Leipzig nicht besser zu werden. Auch Sie fordern weitere Umwälzungen. Wird das immer so weitergehen?

STEKELER-WEITHOFER: Das Problem, das Leipzig hat, haben alle Großstadtuniversitäten. Sie leiden unter ihrer Attraktivität. Die nötigen Dauerreformen der Massenuniversität gibt es seit Ende der 1960er Jahre. Wir brauchen im Bildungssystem immer Reformen. Das klassische Hochschullehrersystem mit dem ordentlichen Professor und Zeitassistenten reicht zum Beispiel nicht mehr aus. Wir brauchen, und das ist auch in der jetzigen Reform nicht eingerechnet, eine eigene Ebene von lecturers oder sogenannten Lehrprofessuren und somit eine entsprechende Strukturierung des dauernden Lehrpersonals. Außerdem müssen wir schon innerhalb der Bachelor-Ausbildung zwischen den Studierenden unterscheiden, die so selbstständig sind, dass sie später auf der Master-Ebene weiterstudieren können, und denen, deren Ziel bloß ein Bachelor-Abschluss sein kann. Nur so können wir die Qualität einer höheren Universitätsbildung im klassischen Sinne erhalten. Wenn wir das nicht tun, dann werden wir im Bachelor die Gymnasialzeit von den jetzigen 12 auf 15 Jahre verlängern, und das eigentliche Studium beginnt erst in der Master-Phase. Das wäre eine absurde Reform. Deswegen die Notwendigkeit einer Reform der Reform – und diese beginnt immer mit dem Nachdenken über sie.


Campus

Anzeige

Kommentieren

Dein Kommentar

Keine Kommentare

Kommentare sind deaktiviert.