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Samstagabend in Leipzig

Oder: Warum es nicht reicht, einen Plan B zu haben

Samstagabend in Leipzig. Ein Gewandhauskonzert steht in meinem Kalender. Also rein in entsprechende Klamotten, ein bisschen Wimperntusche und Lippenstift ins Gesicht und mit einer Freundin losgezogen.

Samstagabend in Leipzig. Ein Gewandhauskonzert steht in meinem Kalender. Also rein in entsprechende Klamotten, ein bisschen Wimperntusche und Lippenstift ins Gesicht und mit einer Freundin losgezogen. Es ist erstaunlich wenig los im Foyer, die Garderobe macht einen verschlossenen Eindruck. Merkwürdig. Sekunden später deutet ein anderer Gewandhausbesucher auf den Bildschirm, über den Veranstaltungsankündigungen huschen: Das Konzert mit Martin Grubinger muss verschoben werden, der Perkussionist ist krank.

Okay, also Plan B. Schließlich ist Samstag, schließlich befinden wir uns in Leipzig. Nur rasch muss es gehen. Hin zum Passagekino. Es stehen drei eher melancholische Filme zur Auswahl. Nach Drama ist uns nicht zumute, deshalb weiter zum Cinestar. Hier können wir wählen zwischen schwachsinniger Hollywood-Komödie und Action-Kracher. Wir entscheiden uns gegen beides. Was nun? Theater.

Vor dem Centraltheater stehen junge, hippe Menschen. Ich fühle mich leicht overdressed. Wir betreten das ungewohnt karge Foyer, die Kasse ist zu, dafür sind noch mehr junge, hippe Menschen jenseits der Garderobe zu sehen. Grau ist die Farbe dieses Herbstes, scheint mir. Sauriergrau, kombiniert mit Schwarz, nur hin und wieder durch einige zurückhaltende, weiße Kragen aufgelockert. Der uniforme Anblick deprimiert mich. Aber wir können eh gleich wieder gehen, denn der Schnösel, der über den Einlass wacht, teilt uns mit Herablassung in der Stimme mit, wir wären nicht nur zu spät dran, es wäre auch ausverkauft. Weiter zur Skala. Hier sind wir nun zu früh. Noch sind die Sauriergrauen fern. Erst in einer Stunde soll es losgehen, mit Justus Köhnke, kennen wir nicht und wollen wir heute Abend auch nicht kennen lernen.

Wir sehen uns etwas ratlos an. Die Freundin sagt, sie bräuchte noch Bastelkleber. Also laufen wir durch vergnügungswillige Menschenansammlungen zum Hauptbahnhof. Viel Zeit bleibt nicht mehr, um einzukaufen. Dafür wird das Shoppingerlebnis durch die Disco-Beats eines sächsischen Radiosenders »verschönt«. Einige mutige Mädchen stehen auf einer Bühne und vollführen etwas, was nach vielen Stunden Tanztraining vor dem heimischen Fernseher aussieht. Fasziniert von so viel Willen zum Exhibitionismus schauen wir zu. Danach tritt ein Beatboxer auf, der tatsächlich hörenswert ist. Die Frau mir gegenüber, mit Kamera in der Hand, reißt Augen und Mund vor Bewunderung auf. Ich vergewissere mich rasch, dass meine Begeisterung in kontrollierterer Körpersprache Ausdruck findet.

Nach unserem Einkauf beschließen wir, dass erstens vom Rest des Abends nicht mehr viel zu erwarten ist, zweitens man sich nicht darauf verlassen darf, dass »irgendwas« schon los sein wird, und wir deshalb drittens beim nächsten Mal nicht nur einen Plan B, sondern sicherheitshalber auch noch Plan C bis H aufstellen werden. Schließlich wird dann wieder Samstag sein, und wir werden uns immer noch in Leipzig befinden. Und es muss doch noch andere Möglichkeiten geben, als der langsame Abstieg zu Radio-Partys im Hauptbahnhof.


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