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»Widerstand könnte ein Anfang sein«

Zu Leserbriefen von Sabine Epperlein und Andreas Hienzsch

An dieser Stelle beantworten kreuzer-Redakteure ausgewählte Leserbriefe. Aktuell reagiert die Redakteurin der Studentenbeilage u:boot, Julia Gabler, auf zwei E-Mails zu dem auf kreuzer online veröffentlichten Interview mit Isabell Lorey »Selbstausbeutung und Devotismus«.

Sehr guter Artikel, der die Problematik genau auf den Punkt bringt. Nach zwei Jahren Freiberuflichkeit in der Kreativbranche bin ich mir nicht sicher, wie lang ich mich noch prostituieren soll?
Bis jetzt hat mich die Freude an der Arbeit selbst pink denken lassen, doch die Farbe bröckelt, denn wann übe ich schon noch meine eigentlich schöpferische Tätigkeit aus? Neben all den Formularen, Richtlinien, Steuern u.s.w.
Die Freiberuflichkeit hat ihre zwei Seiten: Auf der einen kann man frei entscheiden, wie viel und wie lang man arbeitet, aber auf der anderen Seite ist man Freiwild auf dem Markt. Man kann vor allem nachts nicht die Bürotür schließen und fesch Feierabend feiern, weil man nicht weiß, ob’s morgen reicht.
Wo bleibt da bitte der Freiraum für kreative Hochleistungen?
Aber, man soll ja nicht ningeln. So, wie’s auf der Oberfläche scheint, alles fashy, cool und think pink. Drunter will keiner schauen …

Herzliche Grüße an alle »Freien« und endloses Durchhaltevermögen.
Bine

Ihre Analyse und Beschreibung der Situation des intelligenten Prekariats teile ich, nicht aber ihre (Isabell Loreys, Anm. der Red.) Ratschläge, die wahrscheinlich aus der sicheren Position einer Beamtin stammen. Für Berufsanfänger sind sie geradezu gefährlich. Wenn man bei einem Neukunden einen Auftrag ablehnt, kommt er nie wieder. Ein langjähriger Kunde kommt vielleicht wieder, aber eine zweite Ablehnung kann man sich nicht mehr leisten. Und man muss bedenken, es gibt immer einen, der es noch billiger macht. Ein Ausweg bei Übersetzern wäre eine Honorarordnung. Ansonsten müsste es so etwas wie Gewerkschaften geben, was aber dem Status der Freiberufler widerspricht. Und noch etwas. So etwas wie Selbstausbeutung ist ein Widerspruch in sich und kann es nicht geben, man wird immer von anderen ausgebeutet.

Mit freundlichen Grüßen
Andreas Hienzsch

Lieber Andreas Hienzsch, liebe Sabine Epperlein,

herzlichen Dank für Eure Reaktionen zum Interview mit Isabell Lorey. Wie es aussieht, trifft die Debatte den Punkt, dass sich kreative Selbstständige und WissensproduzentInnen in einer schwierigen Lage befinden und zwischen Dauerproduzieren und Einkommenssuche dem Maß der Dinge nachspüren. Die Eine trifft es mehr, den Anderen weniger.

Mit der Deklamierung »Selbstausbeutung«, so verstehe ich Lorey, soll gerade nicht der Andere als Ausbeuter betont werden. Die Ausbeutung gelangt von außen nach innen. Für viele KulturproduzentInnen scheint es ja gerade charakteristisch zu sein, dass sie sich selbst auffordern, diesen oder jenen Job/Auftrag anzunehmen, weil sie glauben, dass diese Selbstdisziplinierung und -regulierung zumindest eine Zeit lang zur Erreichung kontinuierlicher Aufträge vonnöten ist. Diese selbstbestimmten Entscheidungen ermächtigen sie zwar einerseits als frei handelnde Menschen, andererseits unterwerfen sie sich sogleich der Logik: Allzeit bereit. Das Ziel, »es geschafft zu haben« und in kontinuierliche, sichere Arbeitsverhältnisse überzugehen, bleibt eine Illusion. Das macht sie zu SelbstausbeuterInnen.

Ich hänge noch ein Zitat von Lorey an, aus dem Text: Gouvernementalität und Selbst-Prekarisierung. Zur Normalisierung von KulturproduzentInnen. (http://transform.eipcp.net/transversal/1106/lorey/de):
»Die gängigen Parameter von KulturproduzentInnen dürften jedoch darin bestehen, dass sie gut bis sehr gut ausgebildet sind, zwischen fünfundzwanzig und vierzig Jahren, kinderlos und mehr oder weniger gewollt prekär beschäftigt. Sie gehen befristeten Tätigkeiten nach, leben von Projekten und Honorarjobs, von mehreren gleichzeitig und einem nach dem anderen, meist ohne Kranken-, Urlaubs- und Arbeitslosengeld, ohne Kündigungsschutz, also ohne oder mit minimalen sozialen Absicherungen. Die 40-Stunden-Woche ist eine Illusion. Arbeitszeit und freie Zeit finden nicht entlang klar definierter Grenzen statt. Arbeit und Freizeit lassen sich nicht mehr trennen. In der nicht bezahlten Zeit findet eine Anhäufung von Wissen statt, welches wiederum nicht extra honoriert, aber selbstverständlich in die bezahlte Arbeit eingebracht und abgerufen wird usw. Dies ist keine ›Ökonomisierung des Lebens‹, die etwa von Außen kommt, übermächtig und totalisierend. Es geht hier vielmehr um Praktiken, die sowohl mit Begehren als auch mit Anpassung verbunden sind. Denn diese Existenzweisen werden immer wieder auch in vorauseilendem Gehorsam antizipiert und mitproduziert.«

Nun geht es daran zu durchschauen, wie diese Anpassungsleistung durchbrochen werden kann. Ein Patentrezept sollte jedoch nicht erwartet werden. Widerstand könnte ein Anfang sein und muss ja nicht blindlings in aller Konsequenz gegen jeden Auftrag durchgezogen werden. Das Kinderkriegen, Feierabend- und Urlaubmachen sollte man sich nicht selbst entsagen, aus Angst den nächsten Auftrag zu verpassen – der übernächste kommt bestimmt!
Übrigens: In der aktuellen Studentenbeilage u:boot gibt es die Titelgeschichte zum Thema »Akademiker auf Einkommenssuche«.

Schöne Grüße,


Campus

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