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Engel über St. Pauli

Neuerlicher Kreuzzug des klerikalen Komplexes

Jüngst zur Vesperzeit, wenn den Gerechten Psalme und das Vaterunser über die Lippen gehen, zur blauen Stunde also, wie sie die Gottlosen nennen, erschien mir ein Engel über der Baustelle von St. Pauli und kündete schwebend Gutes, dass nämlich ein Kirchlein dort genau entstünde, wo einst eines stand.

Jüngst zur Vesperzeit, wenn den Gerechten Psalme und das Vaterunser über die Lippen gehen, zur blauen Stunde also, wie sie die Gottlosen nennen, erschien mir ein Engel über der Baustelle von St. Pauli und kündete schwebend Gutes, dass nämlich ein Kirchlein dort genau entstünde, wo einst eines stand. Ich rieb mir die Augen: Und wahrlich aus dem Gerippe der Gerüste und Kräne war ein veritables Betonzäpfchen entstanden, keck das Spitzbogenportal gen Himmel gereckt, gähnend dem spätgotischen Bullauge die Symmetrie verderbend.

Dass meine himmlische Erscheinung ein später Handwerker war, der sich samt Betonschütte zum verdienten Feierabend ins Profane zurückbefördern ließ, konnte nicht darüber hinwegtäuschen: Hier entsteht kein Kompromiss zwischen weltlicher und religiöser Raumordnung, sondern ein visuell unbescheidener Hirtenschuppen fürs Christuskind.

Getreu dem nachkantianischen Imperativ: »Handele stets so, dass Du es auch lassen können solltest«, meldete sich in den fiebernden Seelen von Pfaffen und ihren getreuen Schäfchen der Wunsch, dieser sichtbaren Wirkung verstärkt öffentlichen Ausdruck zu verleihen. In ihrer suppenkaspar-ähnlichen Forderung »Nein, nein, die Scheibe will ich nicht« wurde nun eine Kirchweih-Blitzkampagne losgetreten, die in ihrem paranoiden Eifer mehr vermuten lässt als den frommen Wunsch, sorgenvoll um christlich-abendländische Werte zu ringen.

Das Gerede unterstreicht vielmehr die fatale Neigung einiger selbstverliebter Popen, sich im naturgewollten Dauerbesitz der moralischen und ethischen pole position beim schwierigen Ausgleich privater, staatlicher und gesellschaftlicher Sphären zu befinden. Definitionshoheit und die daraus erbeutete gesellschaftliche Macht scheinen den abenteuerlicher Versuch wert, selbst mit Petitessen wie klimatisch veranlassten Glasvorrichtungen uns allen (der Verdammnis Ausgelieferten) die Welt als werteverlassenes Sündenbabel der Religionsdiskriminierung und -verfolgung zu verkaufen. Ein unbestreitbarer Vorteil ist dabei, dass in dieser Stadt ein klandestiner Protestantenklüngel wichtige Schlüsselpositionen der Stadt besetzt.

Bei den Argumenten keine Innovation seit Jahren – oder doch: Nun sind wir gewahr, dass die gewiss schändliche Pulverisierung des ehrwürdigen Gotteshauses anno 68 der systematischen Zerstörung der Synagogen durch den Blutterror der Nazis gleichzusetzen ist. Wäre doch statt Demagogie nur noch ein Fünkchen scholastischer Methode in der Geistes- und Herzensbildung der Kleriker gewärtig …

So aber verblasste eilig das Bildnis des Engels über St. Pauli und machte halluzinierend Platz dem weltlichen Gottesdiener, wie er gleich dem Hl. Bonifaz A.D. 719 auszieht, »ungläubigen Völkern das Geheimnis des Glaubens bekannt zu machen« (Papst Gregor II.), und statt dabei, wie sein Vorgänger die eine oder andere heidnische Eiche umzunieten, zum Wohlgefallen des HERRN mit dem Furor des Gerechten gänzlich unlutherisch mittels Monstranz die Schandscheibe zertrümmert. Kyrie Eleison …

Scholastik
Aus Sakristei und Kirchenbau

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