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Ins Neue Jahr mit Rainald Grebe

Ausschnitte aus einem Silvesterabend im Centraltheater

Silvesterabende sind ja immer so eine Sache. Meist treffen viel zu hohe Erwartungen auf eine viel zu bekloppte Gegenwart. Und kalt und laut ist es auch fast immer. Also entschließen meine Begleiterin und ich uns dazu, die Verantwortung für jenes Großereignis diesmal ein wenig auszulagern. Rainald Grebe, der an diesem Abend gleich zwei verschiedene Shows hintereinander schmeißt, soll unser Unterhalter, das erstbeste Auto am Taxistand unser Vehikel sein.

Raus aus Connewitz, weg vom Schmelztiegel des Tumults. Mit einer Après Ski-Bumsbeat-Version von »Country Roads« aus den Boxen des Mercedes geht es direkt in die Gottschedstraße. Auf dem Vorplatz des Theaters ist es noch recht ruhig, ein paar Leute stehen an performativ angebrachten brennenden Mülltonnen und rauchen.

Drinnen sammeln sich Menschen unterschiedlichsten Alters und nehmen Platz auf den roten Plüschsesseln. Als der Vorhang sich lichtet, sind wir angenehm überrascht. Eine überaus bunt und tief gestaltete Bühne verweht jede Erwartung eines ordinären Konzertes und kündet stattdessen von einer fulminanten Silvestergala. Ganze 8 Mitstreiter hat der gebürtige Kölner um sich geschart. Neben der obligatorischen Bandbegleitung aus Gitarre und Schlagzeug gibt es heute also drei Backgroundsängerinnen, einen Energieberater, und die zwei Söhne des Schlagzeugers, die gelegentlich ein bisschen Bass und Trompete spielen. Außerdem gibt es einen Ober, der Tischfeuerwerk zündet, jede Menge Tröten und Konfetti und geraucht wird auch, als gäbe es kein Morgen. Zumindest auf der Bühne.

Als der erste Song erklingt, fällt die eine Hälfte des Publikums bereits in offenkundig unhaltbare Erregung: es wird mitgesungen und immer schön auf die Eins geklatscht. Die andere Hälfte schmunzelt verstohlen in sich hinein und erfreut sich der subtilen Pointen Grebes. Diese Zweiteilung, die wohl auf Grebes unterschiedlich lesbaren Humor begründet ist, bleibt den gesamten Abend über erkennbar und sorgt dafür, dass beinah kontinuierlich gelacht wird. Zumindest, wenn Grebe eines seiner Lieder zum Besten gibt. Dazwischen gibt es ein paar Plaudereien, ein bisschen Stehauf-Komik und ein paar nette Coverversionen, vorgetragen von jeweils einer der Sängerinnen. Zum Schluss wird dann das echte Klavier hereingeschoben und es versammeln sich etliche Theater-Mitarbeiter und ein paar Kinder zusammen mit der Band um den Meister des zweischneidigen Humors, um eine angenehm unaufdringliche Version des Abba-Klassikers »Happy New Year« zu singen.

Es ist kurz vor zwölf, als die Türen sich öffnen und den beglückten Gästen eine Armada kostenlosen Sekts feil geboten wird. Draußen auf dem Vorplatz brennt bereits der Himmel, die Mülltonnen sind ausgebrannt. Unter dem Lärmteppich, den Böller und Raketen knüpfen, ist stets ein Fetzen »All You Need Is Love« von den Beatles vernehmbar. Die Menschen halten Wunderkerzen oder sie halten sich gegenseitig und obwohl all das der Geißel des ewigen Klischees nicht vollständig entkommt, ist es irgendwie charmant. Die Gegenwart ist überaus erträglich. An die Hauswand gegenüber ist ein schwach leuchtendes »2009« projiziert. Aber das wirkt bestimmt nur so schwach. Wegen des brennenden Himmels.

kreuzer online wünscht allen Lesern ein gutes Neues Jahr!
Theater

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