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Kollektiver Rauschzustand

Seit letztem Donnerstag ist die Modedroge Spice verboten. Ein Kommentar

Im aktuellen Heft berichtet der kreuzer noch über deren rasche Verbreitung in Leipzig. Und schon ist sie gesetzwidrig: die Modedroge Spice. Die Bundesdrogenbeauftragte Sabine Bätzing, die auch das Zigarettenrauchen am Steuer verbieten möchte, machte kurzen Prozess und nahm die Kräuterdroge mit den chemischen Zusätzen letzten Donnerstag in Windeseile vom Markt.

Im aktuellen Heft berichtet der kreuzer noch über deren rasche Verbreitung in Leipzig. Und schon ist sie gesetzwidrig: die Modedroge Spice. Die Bundesdrogenbeauftragte Sabine Bätzing, die auch das Zigarettenrauchen am Steuer verbieten möchte, machte kurzen Prozess und nahm die Kräuterdroge mit den chemischen Zusätzen letzten Donnerstag in Windeseile vom Markt.

Verändern wird diese Maßnahme vor allem eines: Spiegel Online hat ein Lieblingsthema weniger. Als Vorreiter der Medienmeute, die Spice nonstop verteufelt, hüllt sich die Boulevard-Website verlogen ins Gewand der Drogenaufklärung. Stattdessen erzielte die fortwährende Thematisierung der Modedroge genau den gegenteiligen Effekt. Erst durch die finanziell einträgliche große Medienberichterstattung konnte Spice seinen Siegeszug in der breiten Bevölkerung, besonders unter Jugendlichen, antreten.

Es hatte einige Monate gedauert, bis nun endlich wissenschaftlich bestätigt wurde, dass die berauschende Wirkung der angeblichen Kräutermischung, die wie Cannabis konsumiert wird, auf chemischen Zusätzen basiert: den synthetischen Cannabinoiden »JWH-018« und »CP-47,497«. Gemunkelt wurde so etwas schon lange. Wer auf den Bio-Mythos reinfiel, dürfte sich ärgern. Dagegen sind viele andere Spice-Konsumenten der Meinung: »Deshalb wirkt das Zeug auch so gut.« Nicht ohne Grund erfreuen sich Pillen und Pep, sprich Ecstasy und Speed, als chemische Partydrogen großer Beliebtheit.

Wer glaubt, mit dem Verbot von Spice hätte man nun endlich das Thema Drogen in den Griff bekommen, sollte darauf am besten mit einem Schnaps anstoßen. »Jedes Jahr sterben in Deutschland mindestens 42.000 Menschen an den Folgen ihres Alkoholmissbrauchs«, heißt es im Drogen- und Suchtbericht 2008 der Bundesdrogenbeauftragten. Aber Alkohol ist ja angeblich längst nicht so gefährlich wie andere Drogen. Schließlich ist das Zeug legal. Prost!

Es ist diese Scheinheiligkeit, die die Mediendiskussion um Spice ad absurdum führt. Sucht und Drogen sind nicht zu eliminierende Elemente der Gesellschaft. Davon wissen nicht nur Kokstantin Wecker und Weinbrand-Willy ein Lied zu singen. Die weitverbreitete (Sehn-)Sucht nach Rausch ist nicht zu leugnen. Der Übergang zum kreativen Kunstschaffen ist fließend. Zugleich sind Drogen lebensgefährlich und können bei manchen schon in kleinen Mengen verheerende Folgen haben. Dieser Komplexität hat sich die Drogenaufklärung zu stellen. Es muss um einen vernünftigen Umgang mit Drogen gehen. Alles andere ist Heuchelei. Weil dies – zugegeben – nicht gerade leicht ist, greifen die Hüter der gesellschaftlichen Ordnung stattdessen zu bequemen Verboten und Verteufelungen. Eine Lösung ist das nicht.

Mitte Januar erreichte den kreuzer ein Leserbrief einer Psychologin der Leipziger Uni-Klinik. Darin unterstellt sie, der Spice-Artikel im aktuellen Heft würde Drogen verherrlichen und anpreisen. Von einer Veröffentlichung ihres Textes bat sie jedoch abzusehen. Schade, denn das Thema Spice zeigt, dass eine komplexe ehrliche öffentliche Diskussion um Sucht und Drogen immer noch auf sich warten lässt und dabei bitter nötig ist. Eine benebelte Gesellschaft im kollektiven Rauschzustand vermeintlicher Aufklärung. Wenn das kein Grund zum Feiern ist.

Leserbriefe an info@kreuzer-leipzig.de
Drogenpolitik

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