Startseite / Kultur / Seelische Krisen in der Adoleszenz

Seelische Krisen in der Adoleszenz

Leipziger Verein »Irrsinnig Menschlich« will Jugendliche durch das bundesweite Filmfestival »Ausnahme|Zustand« über psychische Erkrankungen informieren

»Seelische Krisen sind ein gesellschaftliches Tabu und können jeden treffen«, sagt Norbert Göller über die Idee des Filmfests »Ausnahme|Zustand – Verrückt nach Leben«. Er ist Projektleiter des Leipziger Vereins »Irrsinnig Menschlich«, der für einen offenen Umgang mit psychischen Erkrankungen und gegen die Ausgrenzung von Betroffenen kämpft.

»Seelische Krisen sind ein gesellschaftliches Tabu und können jeden treffen«, sagt Norbert Göller über die Idee des Filmfests »Ausnahme|Zustand – Verrückt nach Leben«. Er ist Projektleiter des Leipziger Vereins »Irrsinnig Menschlich«, der für einen offenen Umgang mit psychischen Erkrankungen und gegen die Ausgrenzung von Betroffenen kämpft.

Zu dessen Mitgliedern zählen Sozialarbeiter, Ärzte, Lehrer, Wissenschaftler und nicht zuletzt Betroffene selbst. In Kooperation mit anderen Organisationen veranstaltet der Verein das Festival bereits zum zweiten Mal – und tourt damit durch etwa 70 Städte der Republik. Das Filmfest richtet sich dieses Mal gezielt an die Lebenswelt von Jugendlichen. Zehn Filme erzählen von den Umbrüchen auf dem Weg zum Erwachsenwerden.

Kraftvoller, ernsthafter Dokfilm: »War Child«

Besonders sehenswert ist der US-amerikanische Dokumentarfilm »War Child« über Emmanuel Jal, der Ende der 1980er Jahre im Sudan als Kindersoldat gekämpft, gelitten und gehungert hat. Der Filmemacher Christian Karim Chrobog begleitet den mittlerweile in Afrika sehr erfolgreichen Rapper auf seinem Weg zurück aus dem Exil. Auf Konzerten und in Schulen sucht Jal den Kontakt zu Heranwachsenden und gibt Auskunft über sein Leben. In der Arbeit für und mit Jugendlichen sieht er seine Aufgabe und will die Chance, die ihm zuteil wurde, verantwortungsvoll weitergeben. Die Dokumentation ist sehr persönlich, ehrlich und kraftvoll. Chrobog ist ein ernsthaftes, beeindruckendes Porträt gelungen, das die Spannung zwischen aufrüttelnder, anklagender und dennoch fröhlicher Musik und den düsteren Erfahrungen und Konsequenzen des Krieges dazu nutzt, eine besondere Geschichte mit vielen Facetten inspirierend zu erzählen.

Auf sich allein gestellt: Bonnie in »Übergeschnappt«

Ebenfalls aus der Reihe fällt Martin Koolhovens Beitrag »Übergeschnappt« aus dem Jahr 2005. Die niederländische Komödie sucht einen unkonventionellen Zugang zu einem ernsten Thema: Als die Großmutter stirbt, ist die neunjährige Bonnie mit ihrer manisch-depressiven Mutter auf sich allein gestellt. Die Mutter ist ihren Aufgaben als Erziehungsberechtigte nicht gewachsen und auch Bonnie ist schnell mit der Situation überfordert, da sie gleichzeitig versucht, ihrer Mutter zu helfen und das Jugendamt von ihrem Haus fernzuhalten. Der erfrischende, sommerliche Familienfilm ist aus einer munteren, humorvollen Perspektive erzählt und begegnet komplizierten Problemen schließlich mit einfachen Lösungen – ein Privileg der Komödie.

Ganz anders sieht die Welt im Kurzfilmprogramm »…und plötzlich war alles anders« aus. Vier Kurzfilme erzählen hier über Perspektivlosigkeit, Identitätssuche, Kommunikationslosigkeit und Trauerarbeit.

In Christoph Wermkes »Abhaun!« von 2004 sitzt Nico an einer Bushaltestelle in der ostdeutschen Provinz und möchte der Trostlosigkeit seines Lebens entfliehen. Von Sandy wird er abgelenkt und kann sich eine kurze Zeit eine andere Alternative vorstellen, die jedoch in Gewalt, Monotonie und Unsicherheit erstickt wird.

Einfühlsam beobachtet: Pauline in »Etwas ich«

Konrad Kästner beobachtet Pauline in »Etwas ich«. Das Mädchen erzählt von ihrem Leben als Teil einer Popband, von der Suche nach der Identität zwischen Schüchternheit, schlechter Laune und einer leeren, von Erwartungen gefüllten Hülle – und von dem plötzlichen Abfall des Erfolgs. Die wenig erklärende, sehr einfühlsame Dokumentation zeigt viele Gedanken auf, die typisch für die Liebes- und Lebenserfahrungen von Jugendlichen sind. Das Ziel ist es, ein Ziel zu finden und damit letztendlich zu finden, was einen glücklich macht.

Felice Goetzes »Tougher Yet« ist die gut gemachte Geschichte einer Beziehungskrise. Ein junges Pärchen schafft es nicht, miteinander zu reden und Probleme zu lösen, obwohl beide das dringende Bedürfnis dazu haben. Stattdessen weichen sie sich aus und verkriechen sich in die Ecken ihrer Wohngemeinschaft.

Vom Umgang mit Trauer: »Der zweite Bruder«

»Der zweite Bruder« von Stefan Schaller spukt in der Gedanken- und Gefühlswelt seiner Familie. Ohne wirklich miteinander zu reden und sich gegenseitig Raum zum Trauern über den Verlust eines Familienmitglieds zuzugestehen, kämpfen Vater, Mutter und Sohn um Normalität oder zumindest um den Anschein danach. Schließlich droht die Familie an dem unbewältigten Schmerz zu zerbrechen.

Das Kurzfilmprogramm regt zum Nachdenken an. Es ist voller Gefühle und Umbrüche, voller Krisen und düsterer Stimmung, da aus den verfahrenen Situationen nur wenige Auswege aufgezeigt werden.

Außerdem erzählen das Drama »Nacht vor Augen« von der Verarbeitung von Kriegstraumata, der Dokumentarfilm »Lebenszeichen« von der Sucht nach Selbstverletzung, Heddy Honigmanns »Emoticons« von der Rolle des Internets im Leben von Heranwachsenden und schließlich »Recovery – Wie die Seele gesundet« von psychisch Erkrankten auf dem hoffnungsvollen Weg zurück ins Leben. Die Filme und Begleitveranstaltungen sollen dabei nicht nur aufmerksam machen und zum Dialog anregen, sondern auch über regionale Beratungs- und Hilfsangebote informieren.

Auf den ersten Blick scheinen manche Festivalbeiträge weniger für die breite Masse als für die Betroffenen selbst geeignet zu sein. Doch die größtenteils sensibel und spannend erzählten Geschichten sprechen tatsächlich uns alle an. Denn betroffen kann jeder sein. Psychische Krisen und scheinbar ausweglose Situationen können völlig unerwartet jeden von uns treffen, egal ob jung oder alt.

6.-11.3., Cinémathèque in der naTo, Passage Kinos
Programm zum Festival hier.

Filme: »War Child«, »Nacht vor Augen«, »Übergeschnappt«, »Recovery«, »Emoticons«, »Lebenszeichen«, Kurzfilmprogramm »… und plötzlich war alles anders«

Tipp: Fr 6.3., 19.30 Uhr, Passage Kinos: Eröffnungsveranstaltung mit Kurzfilmprogramm »…und plötzlich war alles anders«, Gäste: Festivalschirmherrin Inka Bause, Sänger Carlos Fassanelli, Regisseur Konrad Kästner

Tipp: Sa 7.3., 22 Uhr, Cinémathèque in der naTo: Afghanistan-Film »Nacht vor Augen«, Gäste: Militärseelsorger Pfarrer Bohne, Schauspieler Hanno Koffler

Tipp: So 8.3., 11.30 Uhr, Passage Kinos: Sonntagsmatinee mit der Familienkomödie »Übergeschnappt« über Kinder mit psychisch kranken Eltern, anschl. musizierende Kinder und Eltern
Film

Anzeige

Kommentieren

Dein Kommentar

Kommentare sind deaktiviert.