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Gut aufgelegt

Die Musik-Rubrik

Jede Woche stellt die kreuzer-Musikredaktion neue Musik vor – zum Hören, Tanzen, Schwelgen, Spazieren, Joggen, Arbeiten und mehr. In dieser Woche mit: Olli Schulz, Morrissey und Kissogram.

Jede Woche stellt die kreuzer-Musikredaktion neue Musik vor – zum Hören, Tanzen, Schwelgen, Spazieren, Joggen, Arbeiten und mehr. In dieser Woche mit: Olli Schulz, Morrissey und Kissogram.


Olli Schulz – »Es brennt so schön« (Columbia)

Olli Schulz – »Es brennt so schön« (Columbia)

Legt man eine Platte von Olli Schulz auf, ist da immer dieses Gefühl, dass plötzlich ein Freund im Zimmer sitzt und dir Geschichten aus seinem Leben erzählt. Auch diesmal hat er wieder seine Gitarre mitgebracht, aber den Hund Marie zu Hause gelassen, was »Es brennt so schön« zur offiziell ersten Soloplatte macht. Aber auch ohne Hund erzählt Olli wieder, was ihn bewegt. Wütend ist er. Auf die Menschen, die nur zufrieden sind, wenn man sie bedient, und darüber, dass die guten bluten, weil die schlechten sie knechten. Aber privat geht es ihm gut. Er ist nicht mehr einsam, weil er gelernt hat, allein zu sein. Als er albern war, hat er den neuen Dancefloorhit geschrieben, und dank »Bundesvision Song Contest« tanzen jetzt alle den Bibo. Dabei ist das schon Liedermachermusik. Mit ganz viel Pop natürlich und ein bisschen Drama. Aufgenommen wechselweise in der (Wahl-)Heimat Berlin-Hamburg. Und ansonsten gehen alle ihren Weg und er singt sein Lied. Am besten »Bloß Freunde«, die Hymne an den besten Freund.
Juliane Streich


Morrissey – »Years of Refusal« (Decca/Universal)

Morrissey – »Years of Refusal« (Decca/Universal)

Der Ex-Chef der Smiths scheint neues Feuer gefangen zu haben. Auf sein Solocomeback mit »You are the Quary« (2004) folgte gleich das nächste Album, und auch »Years of Refusal« war schnell aufgenommen. Streitereien mit der Plattenfirma verhinderten, dass es schon im September herauskam, aber nun ist das neue Werk da. Ein Blick auf die Songtitel zeigt gleich, wo es langgeht: »It’s not your birthday anymore« oder »I’m OK by myself« lassen auf klassische Themen nach dem Motto »Keiner liebt den Menschenfeind Morrissey, aber ihm geht es gut dabei« schließen. Die Single »I’m throwing my arms around Paris« bringt diesen Verdacht auf den Punkt. Morrissey umarmt Paris, denn nur Stahl und Stein könnten seine Liebe schätzen. Als ob das nicht schon dramatisch genug wäre, unterstreicht die Band die Songs aktiver denn je. Drummer Matt Walker trommelt in »Something is squeesing my skull«, als gelte es, Punkte hinter Morrissey Verse zu setzen. So klingt das Album rockiger und direkter als die Vorgänger, stets aber auch ein wenig übertrieben. Traurige Verse wie »and before you know goodbye would be farewell / and you will never see the one you love again« können durch zu starke Instrumentierung kaum wirken. »Years of refusal« fügt sich gut in die Reihe der letzten drei Morrissey-Alben ein. Es ist kein neues »Your Arsenal« oder »Vaxhall and I«. Muss es aber auch nicht, denn viele der neuen Songs überzeugen absolut. Es ist schließlich Morrissey, der schon so viele unsterbliche Popperlen geschrieben hat. »Play very loud« sagt das Cover. Also los!
Holger Günther


Kissogram – »Rubber & Meat« (Louisville)

Kissogram – »Rubber & Meat« (Louisville)

Kissogram sind desertiert. Nebelschwaden fressen sich durch Berlin, es ist dunkel, nass und unten im Keller treiben die Leute Schabernack. Jemand spielt Orgel, ein hämmerndes Stakkato durchdringt die feuchtwarme Luft. Dann setzt die Bassdrum ein, Synthesizer, eine verzerrte Gitarre. »Wartime baby, I’m leaving you now«, ruft Jonas Poppe mit zarter Stimme, Sebastian Dassé bearbeitet die Geräte. Schnell die Schnapsleichen zur Seite geschoben und »Ah, come on boys, we’re gonna ratatata!« Ein zotiges Gitarrenriff, aufrechte Drums, impulsiver Bass – Kissogram können heute wie eine Rockband. Der neu hinzugestoßene Schlagzeuger tut sein Übriges. Sogar Franz Ferdinand haben angebissen und nehmen das Trio mit auf Tour. Das hält trotzdem den Ball flach: »I’d rather be dead than a prominent man«. Synthesizer wabern, Loops geben Struktur, auch zum Akkordeon wird gegriffen. Melodien erinnern an Zirkus, Gaukler, Zauberer. Ein mystisch-maroder Grundton zieht sich durch die Tracks, wie das Gefühl einer durchzechten Nacht. Feiern als Selbstzweck, Kissogram auf Party-Safari. Desertieren wird als Euphemismus für Partymachen propagiert, doch aus der Reihe tanzen Kissogram nicht.
Stefan Mühlenhoff


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