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Da tanzt der Flachländer

Rainer von Vielen & Kauz spielen am 28. März in der Moritzbastei

»hooooohoooooohiiehomahieomahomoahoamhoma hieomamahiyiyiyomaabriyiyiyiyomabriyoma brioma« brummt und schwingt es Obertöne aus den Laut- sprechern. Die Bühne ist unbeleuchtet und ich stehe stocksteif vor Spannung in der Waggonhalle in Marburg beim Spielraumfestival – wir schreiben das Jahr 2003. Spots lichten das Dunkel der Empor

»hooooohoooooohiiehomahieomahomo
ahoamhomahieomamahiyiyiyomaabri
yiyiyiyomabriyomabrioma« brummt und schwingt es Obertöne aus den Lautsprechern. Die Bühne ist unbeleuchtet und ich stehe stocksteif vor Spannung in der Waggonhalle in Marburg beim Spielraumfestival – wir schreiben das Jahr 2003. Spots lichten das Dunkel der Empore.

Die Percussion-Band Orange, denen Rainer von Vielen zu dieser Zeit angehört, setzt mich mit rasanten Tribal-Sounds in Bewegung. Rückhaltlos stampfe und tanze ich mir in den nächsten anderthalb Stunden die Füße wund und die Knie schmerzend. »Wo kommen die denn her?«, frage ich atemlos den tanzenden Menschen neben mir. »Aus’m Allgäu!«, keucht es zurück. Wahnsinn – dieser Knallersound kommt aus dem wohl hinterwäldlerischsten Eckchen Deutschlands, tief in den Bergen? Der Küstenmensch in mir staunt.

Hinter der Bühne treffe ich Rainer in der Küche und tue ihm meine Verblüffung kund. Er erfährt, dass ich aus Rostock komme und haut mir sogleich Folgendes um die Ohren: »In Rostock, da gibt’s ne Bockwurst mit Ketchup für Julia.« Hä? Ich bin irritiert. Sein Kollege von Orange lacht: »Der kann nicht anders, der Rainer. Der muss immer texten!«

Der Wort- und Tonakrobat gewinnt 2005 mit seinem legendären Anti-Konsum-Track »Sandbürger« den Protestsong-Contest in Wien und ist seither von der Bühne nicht mehr wegzudenken. Die Verbindung zu Anne Clark, die er auf dem Strange Noise Festival 1996 mithilfe eines gefälschten Backstage-Ausweises kennen lernt, verschafft ihm und seinen bayrischen Bandkollegen seit 2006 regelmäßig die Gelegenheit, mit der britischen Elektro-Queen durch Europa zu touren.

Beim Berliner »Festival Musik und Politik« vor zwei Jahren erlebe ich zum ersten Mal das Solo-Projekt von Rainer von Vielen. Der Glatzkopf, wie ein Mönch in Kapuze gehüllt, verpasst der kleinen Gemeinde im Kreuzberger Kato eine Rock’n’Roll-Predigt, die kein T-Shirt trocken lässt. Derber Techno, tribale Percussions, Laptop-Sampling und Kuschel- Akkordeon – der Mann scheint vor nichts halt zu machen. Rainer selbst bezeichnet seine Misch-Masch-Musik als »Elektro-Punk-Hop«.

Es wundert nicht, dass sich für den Aufsteiger in die deutschsprachige Crème de la Crème der Textfabrikanten auch Projekte mit Musikern wie And.Ypsilon ergeben. Nebenbei liest Rainer von Vielen eigene Kurzgeschichten über Allgäuer Waldkäuze für den heimischen Rundfunk und schreibt diverse Filmmusiken. Tief aus dem Walde, oben in den Bergen, kommt er in die Städte, um das urbane Volk zu unterhalten. Auch in Leipzig war er schon – im letzten Jahr beim »bimbotown«. Die Moritzbastei wird sicher eine ebenso passende Örtlichkeit für die kauzigen Sounds von Rainer & Co. sein.

Rainer von Vielen & Kauz, 28.3., Moritzbastei
Rainer im Netz:

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