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Die Rolle seines Lebens

Ab 26. März noch einmal in der Schaubühne: Mickey Rourke in seinem großen Comeback als »The Wrestler«

Wrestler, das sind die Comicfiguren der realen Welt: skurril kostümiert, gut oder böse, stark, brutal und unzerstörbar. Der schillernde Schaukampf hat in den USA Tradition. Im Kino indes ist er ein unbetretenes Terrain, weil ihm im Gegensatz zum Boxsport die Würde fehlt. Genau dieser Umstand reizte Regisseur Darren Aronofsky, der mit »The Wrestler« einen alternden Helden des Rings porträtiert.

Wrestler, das sind die Comicfiguren der realen Welt: skurril kostümiert, gut oder böse, stark, brutal und unzerstörbar. Der schillernde Schaukampf hat in den USA Tradition. Im Kino indes ist er ein unbetretenes Terrain, weil ihm im Gegensatz zum Boxsport die Würde fehlt. Genau dieser Umstand reizte Regisseur Darren Aronofsky, der mit »The Wrestler« einen alternden Helden des Rings porträtiert.

Randy »The Ram« Robinson war einst ein Wrestling-Star in ganz Amerika. Doch der unvermeidliche Verfall seines Körpers hat den Glanz der Ikone längst verblassen lassen. Heute tingelt Randy zwischen mies bezahlten Kämpfen in schäbigen Turnhallen umher, um wenigstens die Schulden für den Stellplatz seines Wohnwagens zu tilgen.

Fürs Showbiz pumpt sich der abgehalfterte Muskelmann mit Anabolika voll, färbt sich die langen, zotteligen Haare blond und quetscht sich in die Sonnenbank, obwohl bei ihm schon lange nichts mehr ohne Bandage, Brille und Hörgerät läuft. Ebenso morbide sind all die Orte: triste Wohngegenden, lausige Umkleidekabinen, ein verlassenes Strandbad und eine derbe Rotlichtbar, in der Stammgast Randy seine Seelengefährtin Cassidy besucht – eine von Marisa Tomei überraschend eindrücklich gespielte Stripperin.

Eines Tages erleidet Randy nach einem ungewöhnlich blutigen Kampf mit Stacheldraht und Scherben einen Herzinfarkt. Der Arzt macht ihm klar, dass er mit seinem Leben spielt, sollte er weiterhin in den Ring steigen. Für Randy der Moment, sein Leben neu zu ordnen, seine vernachlässigte erwachsene Tochter aufzusuchen und einen Job an der Fleischertheke eines Supermarkts anzunehmen. Doch ein Wrestler wie er kann ohne den Jubel der Fans nicht leben.

Aronofsky wählte für seinen Film einen halbdokumentarischen Ansatz mit einer zurückhaltend distanzierten Kamera, die ihren Protagonisten begleitet, ihm aber nie psychologisierend auf die Pelle rückt. Der Zuschauer wird so zum stillen Beobachter eines kontinuierlichen Verfalls ohne überraschende dramaturgische Wendungen. Das ist fast ein bisschen langweilig, würde sich nicht alles in diesem Film auf den umwerfenden Hauptdarsteller konzentrieren, der einem unweigerlich unter die Haut gehen muss.

... und keine Fleischertheke

Denn Mickey Rourke spielt die Rolle seines Lebens. Niemand anderes hätte diesen Star am Tiefpunkt seiner Karriere besser verkörpern können als er. In den Achtzigern zählte er zu ganz Großen der Branche. Er spielte für Francis Ford Coppola, Michael Cimino und Barbet Schroeder. In »9 ½ Wochen« verführte er Kim Basinger und in »Angel Heart« nahm er es mit Robert De Niro auf.

Dann folgte der Absturz. Rourke verwirklichte seinen Kindheitstraum und startete eine Karriere als Profiboxer. Nach einer mehrfach gebrochenen Nase und zertrümmerten Wangenknochen unterzog er sich dilettantischer Schönheitsoperationen. Er verlor sich in Drogen und büßte dabei sein Haus, seine Frau und seine Freunde ein. Bei der Verleihung des Golden Globes für seine Rolle als Wrestler bedankte er sich in seiner Rede bei seinen Hunden, weil sie die einzigen waren, die in diesen Zeiten noch zu ihm hielten. Ein gutes Jahrzehnt galt Rourke in der Filmbranche als abgeschrieben, bis ihn Robert Rodriguez für eine Rolle in »Sin City« zurück auf die Leinwand holte.

Wenn einer weiß, was es bedeutet, am Boden zerstört zu sein, dann Mickey Rourke. Das macht die Magie dieses Films aus, mit dem sich auch Regisseur Aronofsky aus der Krise retten will, nachdem er mit der katastrophalen Produktion seines aufgeblasenen, pseudo-philosophischen Films »The Fountain« eine Bruchlandung hinlegte. Nach »Pi« und seinem frühen Meisterstück »Requiem for a Dream« hatte auch Aronofsky die Last des Star-Seins zu spüren bekommen. Mit »The Wrestler« macht er sich in kleinen Schritten auf zu alter Größe.

All den gebrochenen Gestalten hinter der glitzernden Fassade des Showbusiness gilt dieser Film – Mickey Rourkes Elegie der gefallenen Stars. Jörn Seidel

26.3.-1.4., Schaubühne Lindenfels
Film

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