Startseite / Politik / »Passivität kommt Zustimmung gleich«

»Passivität kommt Zustimmung gleich«

»Bunter Stadtteilspaziergang« zum Entfernen von rechtsradikalen Graffitis

Es sieht alles nach einem ganz normalen Sonntagsspaziergang aus: Die Sonne scheint über dem Lene-Voigt-Park in Reudnitz, gut 20 Leute tummeln sich auf dem Rasen und warten auf Nachzügler. Es sind alle Altersklassen vertreten, einige haben ihre Kinder dabei. Es herrscht gute Laune. Das einzige, was stutzig macht, sind die vielen Putzeimer, die Dosen mit Anti-Graffiti-Spray und die bunten Flyer

Es sieht alles nach einem ganz normalen Sonntagsspaziergang aus: Die Sonne scheint über dem Lene-Voigt-Park in Reudnitz, gut 20 Leute tummeln sich auf dem Rasen und warten auf Nachzügler. Es sind alle Altersklassen vertreten, einige haben ihre Kinder dabei. Es herrscht gute Laune. Das einzige, was stutzig macht, sind die vielen Putzeimer, die Dosen mit Anti-Graffiti-Spray und die bunten Flyer.

»Braun beschmiert, nichts kapiert?!« ist auf diesen zu lesen, gefolgt von einem kleinen Erklärungstext der Bürgerinitiative »Buntes Reudnitz«. Die knallbunten Zettel sollen aufmerksam machen und über neonazistische Schmierereien informieren, die sich die engagierten Bürger nicht mehr gefallen lassen wollen. Und genau dazu soll auch der von der Initiative ins Leben gerufene »Bunte Stadtteilspaziergang« durch Reudnitz, Anger-Crottendorf und Stötteritz beitragen: Graffitis und Aufkleber mit rechtsradikalem Inhalt sollen ausfindig gemacht, besprochen und dokumentiert, anschließend beseitigt und die Stelle mit Flyern markiert werden. Das Entdecken der zu entfernenden Objekte ist für das ungeübte Auge oft gar nicht so leicht, da sich diese nicht selten hinter Zahlenkombinationen oder scheinbar harmlosen Symbolen verstecken. Auch hier soll der Spaziergang ansetzen: Teilnehmer werden sensibilisiert und aktiv eingebunden.

Teilweise wird diese Aktion allerdings schon vor ihrem eigentlichen Beginn zum bürokratischem Hürdenlauf: Häuserwände dürfen nicht gereinigt werden, so lange der Besitzer nicht informiert ist, Rohre oder Stromkästen, die sich im Besitz der Stadtwerke befinden, ebenfalls nicht. Die Stadtwerke wünschen über die Schmierereien informiert zu werden und möchten sich anschließend selbst darum kümmern. Allerdings sind sie nur dazu verpflichtet, offensichtlich verfassungsfeindliche Symbole oder Slogans zu entfernen, worunter die meisten Markierungen wohl eher nicht fallen dürften.

Paranoide Propaganda: Die deutsche Presse gilt vielen <br />Nazis als Teil einer groß angelegten Verschwörung“ class=“attachment-medium wp-post-image“ title=“Paranoide Propaganda: Die deutsche Presse gilt vielen <br />Nazis als Teil einer groß angelegten Verschwörung“ /></figure>
                  <p> Trotzdem macht sich der Trupp guten Mutes auf den Weg, vorbei an Grundschulen, Kindergärten und Wohnhäusern. Gefühlte 20 Hakenkreuze, Graffitis mit Aufrufen zur Revolution für den »nationalen Sozialismus« und rassistische Parolen später stoßen wir auf ein älteres großes Graffiti. »Die Presse lügt« prangt dort in Großbuchstaben, als Anspielung der Rechtsradikalen auf eine vermeintliche, zionistische Weltverschwörung der Presse. Es wird fleißig geschrubbt und diskutiert, als ein Passant uns den Vorschlag macht, wir sollten doch lieber seine Fenster putzen. »Dass die Presse lügt, stimmt doch«, brummt er vor sich hin. Für die Mitglieder der Aktion der beste Beweis dafür, dass sowohl Aufklärung als auch Gegenaktionen auch nach zahlreichen Übergriffen von Neonazis in diesen Stadtteilen vonnöten sind.</p>
                  <p>Die Aktion endet bei Kaffee und Kuchen wieder im Lene-Voigt-Park, und unter die Empörung über die braunen Schmierereien mischt sich auch ein bisschen Zufriedenheit über die gelungene Aktion. »Passivität kommt Zustimmung gleich«, meint Florian von der Bürgerinitiative, »wir dürfen auch diese Art von Reviermarkierung nicht zulassen.« Das relativ zahlreiche Erscheinen von Leipzigern zum ersten Spaziergang dieser Art zeigt wohl, dass viele diese Meinung teilen. Daher versucht die Bürgerinitiative diese Form des Sonntagsspaziergangs ab jetzt eventuell 2-3 Mal im Jahr zu etablieren. Hoffentlich mit steigender Resonanz.</p>
                </section>
                <p class= Weitere Infos und Fotodokumentation unter:

Anzeige

Kommentieren

Dein Kommentar

Keine Kommentare

Kommentare sind deaktiviert.