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»Sechs Millionen waren keine graue Masse«

Regisseur Edward Zwick über Zeitzeugen des Holocausts und seinen neuen Film »Defiance«, der am 23.4. im CineStar startet

Die Geschichte der drei jüdischen Bielski-Brüder gehört zu den unbekannteren Episoden der NS-Zeit. Als die Nazis 1941 nach Osteuropa vordrangen, verschanzten sich die drei bewaffneten Widerständler in den weißrussischen Wäldern und retteten insgesamt 1.200 Menschen, die sich ihnen anschlossen, das Leben.

Die Geschichte der drei jüdischen Bielski-Brüder gehört zu den unbekannteren Episoden der NS-Zeit. Als die Nazis 1941 nach Osteuropa vordrangen, verschanzten sich die drei bewaffneten Widerständler in den weißrussischen Wäldern und retteten insgesamt 1.200 Menschen, die sich ihnen anschlossen, das Leben.

Mit Daniel Craig, Liev Schreiber und Jamie Bell in den Hauptrollen hat Edward Zwick diese Geschichte nun verfilmt. Der 56-Jährige führte unter anderem bei »Blood Diamond« und »The Last Samurai« Regie. Als Koproduzent von »Shakespeare in Love« nahm er 1999 den Oscar für den Besten Film entgegen.

kreuzer: In den letzten Wochen sind auffallend viele Filme über die NS-Zeit ins Kino gekommen: »Operation Walküre«, »Der Vorleser«, »Adam Resurrected« und jetzt ihr Film. Ist das Zufall?

EDWARD ZWICK: Das ist sicherlich keine Absicht. Obwohl es für alle Überlebenden dieser Zeit fünf vor zwölf ist. In fünf oder zehn Jahren ist keiner mehr da. Der Drang, Geschichten aus dieser Zeit zu erzählen, rührt sicherlich daher.

kreuzer: Wie sind Sie auf die Geschichte gestoßen?

ZWICK: Ich habe 1996 in der New York Times das erste Mal davon gelesen. Es ging um den Tod von Zus Bielski, sein Leben und seine Brüder. Der Artikel führte mich zu dem Buch »Defiance – The Bielksi Partisans« von Nechama Tec, dann zu der Bielskifamilie und anderen Überlebenden.

kreuzer: Wie wichtig waren die Erinnerungen der Überlebenden für den Film?

ZWICK: Sehr. Die Familie der Bielskis gab mir eine Autobiographie von Tulev, die er am Ende des Krieges geschrieben hatte. Dann hatten wir mehrere Stunden Videomaterial, in denen er über sein Leben spricht. Andere Überlebende kamen mit ihren eigenen Geschichten dazu. So konnten wir die verschiedensten Quellen miteinander verbinden.

kreuzer: Was war das für ein Gefühl, diese Leute zu treffen?

ZWICK: Es war unglaublich, zu sehen, zu was diese Leute in der Lage waren. Sie wurden gezwungen, ungeahnte Reserven aus sich herauszuholen. Drei Jahre lang lebten sie im Untergrund. Und 1941, 42 und 43 waren die härtesten Winter seit der Wetteraufzeichnung. Wenn man über den Holocaust spricht, gibt es immer die Versuchung, alles über einen Kamm zu scheren, also alle sechs Millionen Opfer in einen Topf zu werfen. Um einzelne Menschen herauszupicken, ist das einfach zuviel, also macht man aus dem Ganzen eine graue Masse. Aber diese sechs Millionen waren keine graue Masse. Jeder Einzelne war eine Person, ein Mensch. Und wenn du die Überlebenden triffst und sie dir ihre Geschichte erzählen, kannst du das gesamte Ausmaß gar nicht begreifen. Gerade auch, weil der Geist des Widerstandes, die Lebenskraft und die Sehnsucht nach Leben erst im Gespräch durchkommen. Es war sehr berührend, ihre Geschichten zu hören – auch dass sie heute Kinder, Enkel und Urenkel haben, die alle am Leben sind, weil sie damals überlebt haben.

kreuzer: Wie haben denn die Überlebenden auf den Film reagiert?

ZWICK: Sie waren natürlich sehr bewegt. Einer ist aufgestanden und hat gesagt: »Ich dachte, meine Geschichte wird nie erzählt. Ich hatte Angst, dass sie vergessen wird. Wie sollte ich meinen Kindern davon erzählen? Jetzt weiß ich es.«

ab 23.4., CineStar
Eine Rezension zu »Defiance« von Filmredakteur Jörn Seidel findet sich

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