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»We shoot ’em and we leave ’em«

Mit dem kreuzer auf die sieben Weltmeere – Der neue Blog auf kreuzer online (Teil 14)

Unsere »kreuzer-Auslandskorrespondentin« Ele Jansen hat sich auf große Fahrt begeben und berichtet in einem exklusiven Reise-Blog über ihre Erlebnisse vor Ort. Auf Tasmanien treffen sich das australische »Outback« und der amerikanische »Wilde Westen«.

Unsere »kreuzer-Auslandskorrespondentin« Ele Jansen hat sich auf große Fahrt begeben und berichtet in einem exklusiven Reise-Blog über ihre Erlebnisse vor Ort. Auf Tasmanien treffen sich das australische »Outback« und der amerikanische »Wilde Westen«.

Teil 14: »We shoot ’em and we leave ’em«

Während ich an mir herunter blicke und das Blut von meiner Jacke wische, frage ich mich, wie zum Teufel ich hier gelandet bin. Es fing alles ganz harmlos an. Ein paar Tage zuvor war ich mit zwei amerikanischen »Race-Car-Mechanics« bei einem Rugby-Spiel. Dort lernten wir eine Gruppe tasmanischer Australier kennen: Typ Biertrinker-Sportgucker, alle um die vierzig, aus einem kleinen Nest namens Swansea. Während die Herren freundschaftlich Kraftausdrücke amerikanischer und australischer Couleur austauschten, kam das Thema irgendwie auf schwarze Schwäne. Sein Onkel habe zwei der Prachtexemplare für jeweils einhunderttausend amerikanischer Dollar für sein Anwesen gekauft, prahlte Rico aus San Francisco. Von den Tasmaniern wurde dies nur mit schallendem Gelächter bedacht. »What a fool to pay so much! We got so many of them. We shoot ’em and we leave ’em«, war der kurze, herablassende Kommentar von Swansea-Nick. Nach dem Spiel gab es noch ein Gruppenfoto der Stadionbekanntschaft und wir verabschiedeten die Tasmanier.

Die Sache mit den schwarzen Schwänen lässt zwei waffenscheintragende Heissporne aus »NorCal Bitch!« (»Northern California, my dear«) natürlich nicht kalt und so wird noch in der gleichen Nacht ein Auto gemietet, der Luftfilter ausgebaut (man will ja schließlich noch die letzten paar PS aus der Maschine quetschen), und die Fähre nach Tasmanien genommen; mit nichts weiter ausgerüstet als dem Ortsnamen »Swansea«, einem Foto und der Information, dass unsere Rugby-Bekannten für gewöhnlich im »Irish Hill« anzufinden sind.

Die Überfahrt ist weinseelig und die Jungs sind bestimmt nicht ganz nüchtern, als wir die schmalen und kurvigen Straßen nach Swansea entlang fliegen. Frage ich mich in diesem Moment tatsächlich zum ersten Mal, warum ich an dieser Expedition teilnehme? Die Jungs machen auf starke Männer und erklären mir, dass echte Rennfahrer Kurven bis zum Scheitelpunkt in voller Fahrt angehen, dann erst bremsen und das Lenkrad rum reißen (»Tight oversteer, Hon!«). Interessanterweise habe ich sogar Spaß dabei.

Nach ein paar Stunden finden wir tatsächlich Swansea, das verschlafene Nest und fragen nach dem »Irish Hill«. Keiner hat je davon gehört. Aber wir waren alle drei so sicher, dass es diesen Pub geben muss! Wir zeigen das Foto herum, das wir nach dem Rugby-Spiel gemacht haben, und in der Bäckerei grinst die Aushilfe: »That’s my Dad. You can find him at the Irish Hill.« Wir gucken uns verdutzt an. Hatten nicht kurz zuvor alle behauptet, es gäbe keinen Pub dieses Namens? Wir lassen uns die Adresse aufschreiben, blicken auf den Zettel und müssen lachen. Die Aussprache der Tasmanier ist sogar für Muttersprachler schwer zu verstehen. Der Pub, den wir suchen, ist das »RSL« (Returned and Services League – gibt es in jedem australischen Ort). OK, dann also dorthin.

Wir treffen dort tatsächlich fast alle der zehn Männer, die wir am Vortag beim Rugby getroffen hatten. Sie zeigen sich überrascht, freuen sich und versorgen uns sofort mit Fish’n’Chips und Cascade Light (»Young fellow, when you drink beer all day to make it bright, make sure it’s Cascade Light«). Die Gastfreundschaft ist bemerkenswert, vor allem angesichts der latenten Ironie meiner weltmännischen Begleitung aus den USA. Der Tasmanier Nick lädt uns ein, bei seiner Familie zu übernachten, seine Frau macht Feldbetten und Couches fertig, und am nächsten Morgen um sechs geht es zur »Wild Life Sanctuary«. Wohl gemerkt ist diese »Nature Reserve« dazu gedacht, schwarze Schwäne und andere Arten zu schützen. Die Tasmanier fühlen sich allerdings von den beiden Amerikanern herausgefordert und fahren alles auf. Also geht es im Morgengrauen aufs Boot und heimlich hinaus in die Wetlands, wo sich uns ein majestätischer Anblick bietet. Tausende schwarze Schwäne treiben auf dem glatten Wasser, tauchen ihre Köpfe unter, heben ab und landen mit einem leisen »platsch«.

Die Männer drücken den Jungs die Flinten in die Hände, mir die Videokamera. Meine Stirn legt sich in Falten als Kev zum Schuss anlegt. Er verfehlt. Rico zielt ambitionierter und trifft. Nick legt noch einen drauf. »My wife wanted two for her birthday party.« Gleich darauf wird der Bootsmotor angelassen, wir gleiten zu den toten Schwänen, und Nick zieht die Kadaver über meine Schulter hinweg ins Boot. Gerade ist mir ziemlich egal, ob ich das Blut aus meiner Jacke wieder raus kriege oder nicht. Obwohl ich als Kind viele Jagden miterlebt habe, bin ich gleichermaßen fasziniert und angewidert. Das hier ist so was von illegal, denke ich mir. Und der Höhepunkt steht uns noch bevor!

Wir legen an einer kleinen, abgelegenen Insel an, machen Feuer und braten »Rooburger« (»Roo« von Cangaroo). Nick, der Tasmanier, nimmt mich bei der Hand, gibt mir Anglerstiefel, und nimmt mich mit zu einer Brutstätte. Ich staune, als ich die großen Eier der Schwäne sehe. Und ich staune noch mehr, als Nick zwei der Eier aus den Nestern nimmt, sie einpackt, und mir vom besten Omelett der Welt vorschwärmt. Zurück am Lagerfeuer frühstücken wir die Eier und Känguru-Buletten. Für die Männer ist das normal, für die Jungs ist das »Rad, Dude, this dominates!!!«, und ich versuche, mich zu entspannen.

Angeregt von unserem Frühstück plant Nick die nächste Station für unseren Tag. Zunächst liefern wir die toten Schwäne bei den guten Hausfrauen ab. Dann holt Nick die »Cascade Light« von der Ladefläche seines Pickups, versorgt sich und uns mit jeweils einem Sixpack, und wir machen uns auf den Weg zur Farm seines Freundes. Der hat gerade damit begonnen, die am Vortag erlegten Kängurus zu schlachten. Kev darf enthäuten, Rico bricht die Knochen, und ich darf das Fleisch zerteilen. Die Stimmung ist herrlich, alle reden gleichzeitig, und jeder lauter als der andere. Ich fange bereits an, den Akzent zu übernehmen, und abgesehen davon, dass ich aufgrund des starken Geruchs immer mal wieder raus rennen muss, haben wir den Spaß unseres Lebens. Wir fragen im Scherz, ob wir auch noch Tasmanische Teufel und Pinguine schlachten dürfen, und merken zu spät, dass unsere Ironie nicht erkannt wurde. Tatsächlich kommt ein Freund von Nick kurze Zeit später mit einem winzigen Pinguin auf seinem Pickup-Truck zurück. Zum Glück lebt das Tier, und nicht einmal der härteste unserer neuen »Freunde« zieht ernsthaft in Erwägung, daran etwas zu ändern.

Abends fallen wir ins Bett und freuen uns, dass für den nächsten Tag lediglich das Derby der örtlichen Rugby-Teams auf dem Programm steht. Stunden vor Spielbeginn fahren wir los und erkennen auch schnell, warum. Auf Tasmanien stellen sich die treuen Fans nicht an den Spielfeldrand, wie wir es von lokalen Fußballspielen kennen. Hier fährt man mit dem Auto direkt ans Grün, stellt sich seinen Sixpack Cascade Light auf den Schoß, und haut schön auf die Hupe, wenn einem ein Spielzug missfällt. Wer zu spät kommt, muss in zweiter Reihe parken, und da man dort nichts sieht, stehen die »late arrivals« meist auf den Ladeflächen der Pickups in der ersten Reihe. Obwohl dies bereits mein zweites Rugby-Spiel mit professioneller Anleitung ist, verstehe ich herzlich wenig von dem, was dort auf dem Spielfeld passiert und freue mich, als es vorbei ist. Wir verabschieden uns und machen uns über Umwege auf den Rückweg zur Fähre. Wir wollen noch Platypusse (Schnabeltiere) sehen, aber das machen wir – im Sinne der possierlichen Tierchen – besser ohne Tasmanier. Ele Jansen

Bildergalerie zu dieser Folge hier.
Karte mit Routenverlauf und Etappenbeschreibungen hier.

Kommentare, Fragen, Lob oder Kritik an die Autorin Ele Jansen? eja@kreuzer-leipzig.de
In der nächsten Folge: »See-Kajaken im australischen Winter«
Teil 13 »Rubber Time«
Teil 11 »Insel ohne Menschen«
Teil 9 »Mystery-Box Borneo II«
Teil 7 »329.758 km² Vielfalt II«
Teil 5 »Es gibt Reis, Baby«
Teil 3 »Alles ist Leiden«
Teil 1

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