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Die Musik-Rubrik

Jede Woche stellt die kreuzer-Musikredaktion neue Musik vor – zum Hören, Tanzen, Schwelgen, Spazieren, Joggen, Arbeiten und mehr. In dieser Woche mit Patrick Wolf, Monozid, Kasabian

Jede Woche stellt die kreuzer-Musikredaktion neue Musik vor – zum Hören, Tanzen, Schwelgen, Spazieren, Joggen, Arbeiten und mehr. In dieser Woche mit Patrick Wolf, Monozid, Kasabian


Patrick Wolf – »The Bachelor« (Bloody Chamber Music / ADA/ Warner)

Patrick Wolf – »The Bachelor«

Electrofolk. Es ist nachgerade ein Triumph von relativer Verzweigtheit der Musik über ihre unbestreitbare Qualität, wenn auch nach vier Alben in sechs Jahren nur vergleichsweise Wenige Notiz nehmen von Patrick Wolf. Kritikern gilt der 25-Jährige bereits seit seinem Debut »Lycantrophy« von 2003 als annähernd so talentiert wie Conor Oberst, viele sehen in ihm gar den Bowie des 21. Jahrhunderts. Doch seine Musik ist verschlungen und schwer zugänglich, überzogen mit Tonnen von Patina und Klimbim. Wolf ist ein Freigeist, einsam und wild wie Goldmund in der Erzählung von Hermann Hesse, ein Glamourboy, androgyn und kokett, ein früher Ziggy Stardust. Sein neues Werk »The Bachelor« gilt Manchen bereits als Magnum Opus. Dabei ist es erst der Auftakt eines zweiteiligen Zyklus, der 2010 mit der Veröffentlichung von »The Conquerer« abgeschlossen und im selben Jahr unter dem Titel »Battle« auch als Doppelalbum zusammen geführt werden soll. »The Bachelor« ist ein Dokument des exzessiven Reisens, des Kampfes mit der Welt und mit sich selbst. Der Berliner DJ und Komponist Alec Empire hat einige Stücke mitproduziert, die Schauspielerin Tilda Swinton (»Die Chroniken von Narnia«) tritt drei Mal als »The Voice of Hope« auf. Single-Dasein, Verlangen und Depressionsbewältigung, erzählt in dunkelromantischen, urbanen Folksongs vom Wolfsjungen mit der Violine. Beinahe zum Heulen. Thomas Reinhold


Monozid – »say hello to artificial grey« (Major Label)

Monozid – »say hello to artificial grey«

Ein schlaksiges Schlagzeug, kontrollierte Gitarre, zarter Bass und ein Gesang, der immer dann am besten ist, wenn er auf Zehenspitzen steht: Das sind Monozid, eine in den Altbauten von Connewitz geborene Postpunkerinnerung. Die Finger haben sie sich wund gespielt, auch weit jenseits der Leipziger Kellerlöcher, und zwei EPs zur Welt gebracht, bei deren Hören man sich wie beim Betrachten kleiner Kinder schon damals fragte: Wie hübsch werden die erst, sein, wenn sie groß sind? Jetzt entlassen die vier einen erwachsenen Erstling in die Welt, der es in sich hat. 12 Songs in Englisch und Deutsch schürfen tief. Wo das Intro des Openers »Let’s shake hands and wonder« noch in die Fußstapfen von Interpol stolpert, verlassen Monozid an der nächsten Abzweigung die ausgetretenen Pfade. Dichter wird der Sound und begehrlicher, im Zaum gehalten nur durch die stoischen Herren an den Instrumenten. Doch Ernst kommt von ernst zu nehmen: Texte irgendwo zwischen bleierner Nostalgie und flatternder Sehnsucht, staubiges Kopfsteinpflaster, das auf Regen wartet. Kein Zweifel, man hat Botschaften. »While your heart is where no home is« singen sie. Ich singe falsch mit, verstehe später: Monozid, das ist wie Zyanid und Liebeslied – das Flicken von Zwiespälten und eine Band, die es live zu erleben gilt: »Wir schreien rum und gehen nach Hause.« Mitnichten. Stattdessen Songs wie Nachbilder, bei geschlossenen Augen auch Stunden später noch da. Out of the blue and into the grey, so heißt es doch. Lassie Rocken


Kasabian – »The west ryder pauper lunatic asylum« COL (Sony BMG)

Kasabian – »The west ryder pauper lunatic asylum«

Sind wir doch mal ehrlich: Was ist von Kasabians zweitem Album »Empire« geblieben? Ein paar gute Singles, okay. Aber woran erinnert man sich, wenn der Bandname fällt? Richtig, an »Club Foot« oder »Reason treason« vom Debüt der Briten. Genau wie auf ihrer ersten Platte klingt die Band auch jetzt wieder. Diesen Eindruck vermittelt zumindest der Opener »Underdog«. So unkreativ, sich selbst zu kopieren, sind die fünf aus Leicester dann aber doch nicht, denn später wird das Album psychedelisch. Die Guys lassen die Frühphase von Pink-Floyd aufleben. Texter Serge Pizzorno wollte Songs wie Syd Barrett schreiben: »Thick as thieves« oder »West Ryder Silver Bullet« klingen daher ungewohnt akustisch. Mit leicht gezupften Saiten und hypnotischen Melodieverläufen. Wenig später brummt der Bass wieder und Kasabian klingen abgehackt, fast wie die »Intergalactic«-Beastie Boys und kurz danach wieder beatlesk. Eine komische Mischung. Mitgröhl-Hymnen, rollende Bässe, aber auch psychedelische Sounds, Orgelklänge und sogar ein Chor samt ruhigem Gesang: all das sind Kasabian 2009. Sie verbinden die besten Seiten ihrer alten Alben und experimentieren fleißig herum. Das funktioniert nicht immer, ist aber allemal besser, als in der Dauerschleife repetitiver Popmusik hängen zu bleiben. Holger Günther


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