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Der Bahndammbrandmann im Rotweinrausch

Tourblog zur Welttournee von The Fuck Hornisschen Orchestra (Teil 1)

Julius Fischer und Christian Meyer sind mit ihrem Literatur-Quatsch-Musik-Duo The Fuck Hornisschen Orchestra auf kleiner Welttournee und berichten exklusiv für kreuzer online von ebenjener. In gesprächsähnlichen Kaskaden schildern sie dabei jeden Dienstag ihre Eindrücke und Erfahrungen der vorangegangen Woche. Dieses Mal geht es um sächsische Metropolen, Fruchtwasserschwimmgefühle, einen Bahndammbrand und natürlich um Natur.

Julius Fischer und Christian Meyer sind mit ihrem Literatur-Quatsch-Musik-Duo The Fuck Hornisschen Orchestra auf kleiner Welttournee und berichten exklusiv für kreuzer online von ebenjener. In gesprächsähnlichen Kaskaden schildern sie dabei jeden Dienstag ihre Eindrücke und Erfahrungen der vorangegangen Woche. Dieses Mal geht es um sächsische Metropolen, Fruchtwasserschwimmgefühle, einen Bahndammbrand und natürlich um Natur.

Viele haben uns belächelt, als sie erfuhren, was wir vor haben: Eine Tour durch knapp 35 Städte in 40 Tagen. Es war kein freundliches Lächeln, ein bisschen Häme mischte sich da mit Ungläubigkeit, Neid umspielte die Mundwinkel der Leute, den sie geschickt mit Sätzen wie »Ihr seid ja verrückt!« oder »Mal sehen, wann ihr euch die Köpfe einschlagt!« zu kaschieren glaubten. Nun ja, wir leben noch. Wie lange, das steht in den Sternen.

Julius sehr aufgeräumt in der Quasselstube in Eschwege

Christian: Die Tournee begann sehr erfolgreich. Sowohl im Biergarten des Prager Frühling als auch in der Dresdner Groovestation schwappte uns eine Euphorie entgegen, die uns Tränen der Rührung in die Augen trieb – wir waren an diesen Abenden Teil etwas ganz Großen. Das Gefühl war unbeschreiblich. Wir waren Stars! Und dann kam Chemnitz. Schon als uns unser Freund und Veranstalter Martin vom livelyrix e.V. vom Bahnhof abholte und wir zum Weltecho fuhren, sahen wir das Ausmaß an Originalität der Industriestadt am Erzgebirge. Schön, an drei Tagen die drei großen Städte Sachsens zu erkunden. Leipzig, die Handelsmetropole, Dresden, die Residenz, und nun Chemnitz, die Industriesau.

Auch in Chemnitz trödelten einige Besucher in unsere Arme, auch, wenn wir als Vorband für den Künstler Karsten Nicolai gespielt haben, der mit technoiden Klängen und Live-Visuals leider gar nicht zu uns passte, aber gefetzt hat.

Julius: Na ja, das war irgendwie schon gut und irgendwie auch Jazz, aber ich kann mit so ner Musik nichts anfangen.

Christian: Unsere Zuschauer ertrugen jedoch recht wohlwollend, was wir auf der Bühne kredenzten und es war schön, wenn auch anders … allen war bewusst, dass wir hier fehl am Platze waren. Wir spielten sanft um unsere Hits herum, die für mich zum Stimmruin (Angina!!!) geführt hätten. Schließlich stand Eschwege auf dem Zettel. Raus aus Sachsen, rein in die Welt.

Julius: In unbekannte, weit wegere Gefilde unsere zittrigen Glieder auszustrecken, erwies sich dank unseres Vorhabens, die Tour per Bahn zu machen, sofort als Fehler. Denn zwischen Erfurt-Bischleben und Neudietendorf ereignete sich ein Bahndammbrand. Bahndammbrand, ein Wort wie ein Fausthieb ins Gesicht des termingeplagten Künstlers. Bahndammbrand, oh Bahndammbrand.

Day Off

Na ja, jedenfalls schrieben wir während des Wartens das großartige Lied »Bahndammbrandmann«, mit heißen Lyrics wie »er zündelte aus Freizeitgründen, ich wünsch den Typen nach Graubünden!« So vertrieben wir uns die Zeit und hatten tatsächlich kaum Gelegenheit zum Streiten. Noch weniger Streit gab es in Eschwege-Niederhone, einem beschaulichen Fachwerkdörfchen am Fuße des Hohen Meißners.

Christian: Ich hab uns extra in ein paar Dörfer reingebucht, wegen Natur und so. Ich hab morgens auch Ziegen liebkost und einen Spaziergang gemacht, während Julius noch seinen Rotweinrausch ausschwitzte. Rotweinrausch, auch ein schönes Wort. Der Bahndammbrandmann im Rotweinrausch.

Julius: Ja, na ja, die dortigen Veranstalter, der Schlüsselblume e.V., sind derart lieb, dass man sich mindestens so fühlt, als schwimme man im Fruchtwasser und lausche Spiritualen. Auch hier war unser Publikum überschaubar, weswegen wir den Abend sehr ruhig, man könnte sagen, gediegen angingen.

Dazu gab es selbst gebackenen Pflaumenkuchen, gute hessische Wurst und Eschweger Klosterbräu, respektive Wein und Tee für Christian, der noch immer ein wenig kränkelte. Das war bis jetzt der gemütlichste Auftritt. Es ist nicht das schlechteste, dass ich darüber erzähle, denn Christian hätte jetzt vermutlich noch mit baugeschichtlichen Details zur Niederhoner Kirche klug geschissen, zumindest guckt er schon wieder so, als ob er das wöllte.

Christian: Die Niederhoner Kirche hatte was schönes, anglikanisches!

Centralstation Darmstadt: unsere Töchter und wir

Julius: Unser Auftritt in Darmstadt hatte auch was anglikanisches. So unprätentiös der Saal, so bombastisch war der Vorverkauf, dementsprechend freuten wir uns auf eine volle Hütte. Darmstadt ist, verglichen mit beispielsweise Rothenburg ob der Tauber, sehr hässlich,

Christian: Darmstadt ist aber auch verglichen mit Chemnitz sehr hässlich!

Julius: Was die Bewohner aber nicht dazu veranlasst, schlecht gelaunt durch die Gegend zu strawenzen. Darmstädter sind gut drauf, das muss man sagen. Auch dieser Auftritt war von einer Einzigartigkeit, dass man sagen muss: Welt. Am Anfang äußerst schnell in Fahrt kommend, dann schnell sich langweilend, entfaltete das Publikum seine gesamte Energie bei den Mitmachliedern und den Zugaben, deren letzte wir ungefähr 20 Minuten lang mit Sprachkaskaden der Extraklasse modellierten.

Christian: Und dann ging’s nach Hamburg, mein Hamburg, ach mir tropft die Lefze vor Rührung, wenn ich nur daran denke.

Julius: In Hamburg ist nicht annähernd soviel passiert, wie wir uns ausgemalt haben. Weder wurden wir ausgeraubt, noch war niemand beim Konzert, noch waren 3000 Leute beim Konzert. Es war tatsächlich »nur«, wenn man es so souverän formulieren darf, ein weiterer schöner Auftritt während einer Tournee.

Christian: Also das klingt voll gemein irgendwie. Ich fand es persönlicher und feiner, aber irgendwie kommt schon die arrogant machende Routine durch.

Wir sind Stars - in Darmstadt

Julius: Trotzdem sollten wir das Gleichheitsprinzip geltend machen. Schließlich würde es in einer Kita-Gruppe auch zu Spannungen führen, wenn die Erzieherin mehrere bevorzugte Kinder hätte und die anderen bei jeder Gelegenheit nur mit dem Po ansieht.

Christian: Stimmt, das wäre gemein!

Julius: Noch etwas zu Spannungen: Als wir nachts etwas angetüdelt, da wir uns mit dem freien Tag vor der Nase einmal nicht so diszipliniert haben, vor der Bandwohnung eine Zigarette rauchten und uns wohl wie zwei Kampfhähne gegenüber standen, hielt ein Radfahrer an und fragte:
»Moin, alles klar bei Euch?« Und, auch wenn es komisch klingt: Wir mussten uns eingestehen …

Christian: … ja, tatsächlich! Es ist alles klar.

Teil 2 des Tourblogs: http://www.kreuzer-leipzig.de/blogs/947
Ein Videointerview und die Aufzeichnung einer exklusiven Waldperformance mit The Fuck Hornisschen Orchestra finden sich unter http://www.kreuzer-leipzig.de/kultur/920
Musik

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