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Jede Woche stellt die kreuzer-Musikredaktion neue Musik vor – zum Hören, Tanzen, Schwelgen, Spazieren, Joggen, Arbeiten und mehr. In dieser Woche mit Tyondai Braxton, The Big Pink und Kid Cudi

Jede Woche stellt die kreuzer-Musikredaktion neue Musik vor – zum Hören, Tanzen, Schwelgen, Spazieren, Joggen, Arbeiten und mehr. In dieser Woche mit Tyondai Braxton, The Big Pink und Kid Cudi.


Tyondai Braxton – »Central Market« (Warp)

Tyondai Braxton – »Central Market«

Als das Stück »Uffe’s Woodshop« vor einigen Wochen auf diversen Onlineportalen die Runde machte, schaffte es vor allen eines: Irritationen. Der Track erinnerte mit seinen prägnanten Loops und Sounds in vielen Momenten an Battles-Hits wie »Atlas«. Sollte das tatsächlich alles sein, was Braxton zu bieten hat? Ein verdammt cooles Stück. Zugleich klang es wie eine clevere Zweitverwertung bekannter Elemente seiner erfolgreichen Band. Doch Tyondai Braxton hat hier nur eine falsche Lunte gelegt. Denn die wahre Stärke eines Genies liegt ja darin, Erwartungshaltungen zu wecken und diese dann komplett zu erschüttern. Immerhin ist Tyondai Sohn des legendären Jazzmusikers und Komponisten Anthony Braxton. Gerade mal sieben Songs sind auf seinem zweiten Soloalbum zu hören. Diese haben es jedoch in sich – »Uffe’s Woodshop« war nur eine Facette. Inspirieren ließ er sich für sein neues Album ausdrücklich von Igor Stravinsky, einem der wichtigsten Vertreter der Neuen Musik. So spielte er »Central Market« mit dem Wordless Music Orchestra, einem jungen Ensemble aus New York City, ein. Es beginnt beschwingt, wird dann immer komplexer und nimmt im Stück »Dead Strings« ein düsteres Ende. Hier ist ein eigenwilliges, großartiges orchestrales Werk entstanden, welches ambitioniert, fordernd und faszinierend zugleich ist. Michael Wallies


The Big Pink – »A Brief History Of Love« (4AD)

The Big Pink – »A Brief History Of Love«

Trotz ihres unheimlich bescheuerten Bandnamens sind die The Big Pink aus London besser als der Ruf, der ihnen automatisch als neuer NME-Hype vorauseilt. Milo Cordell, bekannt als Chef vom innovativen Label Merok Records, bildet zusammen mit Sandkastenkumpel Robbie Furze ein Duo, das jetzt mit »A Brief History Of Love« ein mächtiges Debütalbum eingespielt hat. Dabei verbinden sie scheinbar mühelos Stadionpop, Feedbackgefrickel und elektronische Wall Of Sounds und halten somit diversen Erwartungen stand, die ihre Singleveröffentlichungen der letzten Monate geweckt haben. Die anfänglich hypnotisierende Spannung können The Big Pink zwar nicht über die gesamte Albumlänge hinweg aufrechterhalten, aber selbst in schwachen Momenten ist das immer noch mehr als nur solider Elektrorock. Während der Höhepunkte des Albums dagegen erklingt psychedelisierter Herzschmerz vor Mid-Tempo-Lärmgewittern in Form von Vier-Minuten-Hymnen. Lethargisch hervorgesungene Fetzen und Mini-Weisheiten über erwiderte und unerwiderte Liebe vermischen sich dann mit brachial gespielten Gitarren und knallenden Beats. Und auch wenn einige Songs bereits als »theme music« für die britische Teen-Serie skins herhalten müssen: Vor allem der fast schon unverschämt guten Single »Velvet« oder dem Titeltrack kann sich niemand verwehren, der ab und an melancholischen Lärm zu schätzen weiß. Sindyan Qasem


Kid Cudi – »Man on the Moon: The End of the Night« (Universal)

Kid Cudi – »Man on the Moon: The End of the Day«

Das Album klingt völlig anders als die Single, die Kid Cudi weltweit bekannt machte. »Day ‚N‘ Night« wurde ein Hit, weil die italienischen Dance-Produzenten Crookers das Original auf Krawall bürsteten. Die Ursprungsversion gibt jedoch die Richtung vor: fein, gedämpft, introvertiert. Eher der Soundtrack für nächtliche Zugfahrten, als für hemmungslose Disconächte. Der warme, hypnotische Sound des Originals zieht sich durch alle Tracks, auch wenn die Beats variieren. Sanfte Elektroeinflüsse durchbrechen hier und da die Hip-Hop-Standards. Mit diesem Klangteppich schafft Kid Cudi die Grundlage für das, was er eigentlich will: Geschichten erzählen. »Man on the Moon« ist ein Konzeptalbum, unterteilt in fünf Akte, wie im klassischen Drama der Antike. Es geht um die Geschehnisse einer Nacht, symbolhaft im Wechselspiel von Traum und Albtraum. Jeder Akt wird mit einem kurzen Erzählteil zusammengefasst: Common übernimmt die Rolle des Märchenonkels: »This is the story of a young man who not only believed in himself, but in his dreams, too. This is the story of the Man on the Moon.« Mit viel Pathos und dem Tonfall eines Weltweisen trägt Common den Text vor, etwas mystisch, etwas gräulich. Kid Cudi setzt diese Attitüde in seinen Texten fort – immer wieder stilisiert er sich als Außenseiter, als missverstandenes Genie. Der Versuch, aus dem Stand ein in sich schlüssiges Fantasy-Universum um die tragisch-kitschigen Erlebnisse seines Alter Ego zu stricken, ist dem jungen Rapper nicht recht gelungen. Die Philosophenrolle nimmt man dem 25-jährigen Greenhorn nur schwer ab. So ist es leider auch nicht überraschend, dass andere die wichtigen Akzente setzen: Common brilliert als Erzähler, das Elektroduo Ratatat veredelt zwei Songs mit seinen Premium-Synthesizern und Kanye West liefert den zweiten Hit der Platte – mit einem Sample von Lady Gaga. Stefan Mühlenhoff


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