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Jede Woche stellt die kreuzer-Musikredaktion neue Musik vor – zum Hören, Tanzen, Schwelgen, Spazieren, Joggen, Arbeiten und mehr. In dieser Woche mit Muse, Joakim und Noel Gallagher

Jede Woche stellt die kreuzer-Musikredaktion neue Musik vor – zum Hören, Tanzen, Schwelgen, Spazieren, Joggen, Arbeiten und mehr. In dieser Woche mit Muse, Joakim und Noel Gallagher.


Muse – »The Resistance« (Warner)

Muse – »The Resistance«

Muse und der Größenwahn. Dass diese beiden Dinge von den Kritikern erst seit dem letzten Album miteinander in Verbindung gebracht werden, verwundert. Denn die Band tauschte bereits 2001 mit dem Zweitling »Origin of Symmetry« ihre erdverbundene Rohheit gegen interstellaren Overdrive. Größer, riesiger, weiter. Und auch textlich ist die Tendenz nicht neu: Bellamy suchte die Liebe schon immer in den unendlichen Weiten und die Verschwörung überall. »2001« meets »1984«. Das ändert sich mit »The resistance« keineswegs. Die Welt geht alle 1,3 Songs unter, aber »sie« werden »uns« nicht niederringen: »We will be victorious«. Die Musik betont diese Fakten mit allem verfügbarem Pathos und Pomp. Schließlich geht es um die Liebe, die wichtigste Sache der Welt. Und um die Welt an sich. Dass unter all dem Sternenstaub einige großartige Songs stecken, übersehen die meisten jedoch vor lauter Reizüberflutung. So besitzt der Titeltrack den besten Refrain seit langem, bei »Unnatural Selection« passt sich der Puls der Riffgeschwindigkeit an, und die »United States of Eurasia« werden mit einer Art Polka-Klassik zelebriert. Zwischen all dem Welt(raum)(verschwörungs)schmerz finden sich aber immer auch entschlackte Ausruhinseln. Und »I Belong To You« wäre ohne den arg klebrigen Französisch-Mittelteil vielleicht sogar der beste Pop-Song der Band überhaupt. So ernst ist das dann eben doch alles gar nicht. Die groß angekündigte, das Album abschließende Symphonie ist dann natürlich auch keineswegs eine Symphonie, sondern beinhaltet im Grunde genommen drei Stücke, die mit Klaviertupfern beginnen und dann in irgendetwas münden, was so klingt wie die Weltraumszenen in Aronofsky’s »The fountain« aussehen. Im Falle vom zweiten Teil beinhaltet das sogar die beste Minute des gesamten Albums. Man kann also entweder in den Kanon derer einstimmen, die Augenzwinkern als Nervenleiden missverstehen und dieses Album dementsprechend verachten, oder es als Ausdruck von Ausdrucksvielfalt einer Band interpretieren, die gern ihre Möglichkeiten wahrnimmt. Mit allen bereitstehenden Mitteln. Man sollte Musik eben nie ernster nehmen als sie sich selbst. Mario Helbig


Joakim – »Milky Ways« (!K7)

Joakim – »Milky Ways«

Für Minimalismus war Joakim noch nie zu begeistern. In seinen Stücken steckt von so vielem etwas: der Experimentiergeist von Krautrock, großspurige Arrangements von Stadionrock, das Schwerelose von Rave-Hymnen und natürlich die Eingängigkeit von Pop-Melodien. Sein neues Album »Milky Ways« klingt wie durch einen Oldschool-Filter gezogen, herrlich analog und mit einer Seventies-Patina überzogen. Die zahlreichen Auftritte der letzten Jahre mit einer richtigen Band haben anscheinend auch dieses Album geprägt. Es wirkt sehr intuitiv, direkt und teilweise sogar ungeschliffen. Der Franzose schafft es mit dieser neuen Leichtigkeit noch lässiger, einen gemeinsamen Nenner zwischen Rock und elektronischer Musik zu finden. Bei Joakim passen Synthesizer und Gitarre einfach zusammen. Es scheint, als würde »Milky Ways« den Krautrock-Geist nahtlos weiterführen. Dass dies im Prinzip eigentlich gar nicht weit weg vom kürzlich aufgeblitzten New Rave-Hype weg ist, sollte vielleicht nicht zu laut gesagt werden. Jens Wollweber


Noel Gallagher – »The dreams we have as children (Live for Teenage Cancer Trust)« (Big brother)

Noel Gallagher – »The dreams we have as children (Live for Teenage Cancer Trust)«

Bereits im März 2007 bestritt der Oasis-Songwriter in der Royal Albert Hall zu London das vorliegende Konzert zugunsten des »Teenage Cancer Trust«-Fonds. Neben dem wohltätigen Aspekts des Ereignisses und dessen Veröffentlichung, ist die Performance vor allem aufgrund der alleinigen Noel-Präsenz interessant. Schließlich ist es das erste Album, auf dem kein kleiner Bruder die Melodiebögen zersägt und der Schnoddrigkeit fröhnt. Und so kann man hier endlich etwas entdecken, was auf den meisten Oasis-Veröffentlichungen eher unterging: Harmonie. Denn dass Noel der bessere Sänger ist, sollte jedem schnell auffallen. Dass er gar ein recht großartiger ist, kommt nun endgültig zum Vorschein. Die Setlist besteht nahezu vollständig aus 90er-Jahre-Songs der Band, einzig »The importance of being idle« ist aus dem aktuellen Jahrtausend. Garniert wird das Ganze mit einem Smiths-, einem Beatles- und einem The Jam-Cover – letzteres sogar inklusive Mithilfe von deren Mastermind und Noel-Jugendheld Paul Weller. Die wahren Perlen des Albums sind allerdings die zahlreichen Oasis-B-Seiten, bei denen man noch nie so recht wusste, ob ihr Status als Single-Auffüller jetzt Schande oder Geniestreich war. Beim absoluten Highlight »Listen up« merkt man eigenartigerweise sogar erst jetzt, wo es der Verfasser endlich selbst vorträgt, welch Meisterwerk es ist; bei »Sad song« und »Half the world away« war das schon lange klar. So komplettieren diese Songs in Verbindungen mit Klasikern wie »Wonderwall« (hier in Ryan Adams-Art vorgetragen) und »Slide away« ein großartig vorgetragenes und in ungewohntem Maße beseeltes Konzert eines der größten Songwriter der letzten 20 Jahre. Angesichts der kürzlich vollzogenen Oasis-Trennung vielleicht ein schöner Ausblick auf das, was kommen könnte. Mario Helbig


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