Startseite / Kultur / Größter Spielplatz des Planeten

Größter Spielplatz des Planeten

Kein anderes Festival ist so viel Mythos wie Burning Man. Kunst mitten in der Wüste Nevadas, Sandstürme und die Mega-Party schlechthin – ein kurzer Ausstieg aus der Welt, wie wir sie kennen. Ein Erfahrungsbericht

Kommt ne Frau in die Wüste und fragt sich, warum sich knapp 50.000 Leute so etwas freiwillig antun (inklusive sie selbst): sengende Hitze, Sandstürme und klirrend kalte Nächte. Und nicht nur das – alle hier haben ein kleines Vermögen ausgegeben, um dabei zu sein. Am Ende stellt die Frau fest: Dieses Festival geht unter die Haut und über alles hinaus, was sie bisher erlebt hat.

Kommt ne Frau in die Wüste und fragt sich, warum sich knapp 50.000 Leute so etwas freiwillig antun (inklusive sie selbst): sengende Hitze, Sandstürme und klirrend kalte Nächte. Und nicht nur das – alle hier haben ein kleines Vermögen ausgegeben, um dabei zu sein. Am Ende stellt die Frau fest: Dieses Festival geht unter die Haut und über alles hinaus, was sie bisher erlebt hat.

Ortsbestimmung: Wir sind in der Wüste Nevada, USA, auf der Ebene eines ausgetrockneten Salzsees. Hier entsteht zum Ende jedes Sommers für acht Tage die Black Rock City, ein Dreiviertelkreis aus Tausenden Zelten und einem Rund in der Mitte für Kunst und Performance und den »Man« – eine zwölf Meter hohe Holzstatue auf einem Sockel (Gesamthöhe ca. 20 Meter), deren Verbrennung den Höhepunkt des Festivals Burning Man bildet.

Am Einlass werden wir mit »Welcome home!« begrüßt. Da es unser erstes Mal ist, müssen wir ein »Entjungferungsritual« absolvieren. Die Reizüberflutung, die zu Recht allen »First Burners« attestiert wird, steht uns noch bevor. Viele kommen immer wieder, wie zum Beispiel unser Zeltnachbar, Jan aus Münster, der bereits zum dritten Mal da ist. Für ihn ist das hier »der größte Spielplatz auf unserem Planeten. Aber auch eine fast grenzenlose Leinwand für künstlerischen Ausdruck. Und die Mega-Party schlechthin.«

Raus aus der Welt, wie wir sie kennen und rein in die »Touch Me, Feel Me«-Box

(Axel aus Berlin ist sogar schon zum achten Mal da, um »eine Woche Kunst, Selbstverwirklichung und den zeitweisen Ausstieg aus der Welt, wie wir sie kennen« zu erleben. Der erste Abend. Wir stehen in der Mitte der City, um uns herum breitet sich ein überdimensionaler psychedelischer Vergnügungspark aus. Es leuchtet und blinkt in allen Formen und Farben. Ein meterhoher, Feuer speiender Drache aus Stahl wackelt vorbei und überholt einen mehretagigen Technofloor.

Die Art Cars sind wilde, fantasievolle Konstruktionen auf fahrbaren Untersätzen und es gibt hier so viele, dass wir wohl leider nicht alle zu Gesicht bekommen werden. Für ne Kippe gibts nen Song, und dann noch ein paar. David ist schon seit einem Monat hier. Als einer der 2.000 freiwilligen Helfer hat er die Black Rock City mit aufgebaut. Ohne die Volunteers wäre das Event nicht möglich, denn es wird ohne Sponsoring und ohne Werbung finanziert. Geld ist während des Festivals tabu, und so wird getauscht, verschenkt und auf andere Weise zum Festival beigetragen.

Das Schoko-Fondue auf der Schaukel und das Käse-Sandwich zum Jazzkonzert gibt es genauso umsonst wie Kurse, Partys, Wellness und all die unvorhersehbaren Dinge, die fast im Vorbeigehen passieren, wie die selbst verschuldete Jam-Session an den Toilettenhäuschen oder die spontane Disko zum Kofferradio. Und überall ist Kunst – nirgendwo sonst habe ich sie bisher so verschwenderisch und uneitel zur Schau gestellt erlebt. Sie steht einfach herum – ohne Titel, Namen, Referenz. Alles wird von den Festivalteilnehmern selbst beigetragen. Es gibt weder »offiziell« und »inoffiziell« noch »Profi« oder »Amateur«.

»Es fährt ein Bus nach nirgendwo«: Der Nowhere Omnibus

Für Thomas* aus Dresden ist Burning Man deshalb auch »kein Festival, sondern eher eine Stadt, in der alles möglich ist«. Schon mal in einer Bibliothek gewesen, in der die Bücher nicht zurückgebracht werden dürfen? Oder den Bus nach Nirgendwo genommen? Auf eine Uhr gesehen, die rückwärts läuft? In den folgenden Tagen lässt dieser wunderbare Overkill kein bisschen nach. Dass wir kein Programmheft mehr bekommen haben, stört uns nicht. Wir gehen einfach los und finden unseren Seelenverwandten in einer Zettelbox, trauen uns nicht in das Zelt mit der Orgasmusmaschine (mit Garantie!) und probieren die Rakete zum Selberstarten.

Einen kleinen Wermutstropfen gibt es: Diese gelebte Vision einer freien Gesellschaft muss man sich schlichtweg leisten können. Ticket-Preis (ab ca. 200 €) und Kosten für Anreise, Ausstattung und Verpflegung wirken – sicher ungewollt – als natürliche Ausschlusskriterien. So gehört die Mehrheit der Festivalbesucher dem weißen Amerika der gehobenen Mittelschicht an.

{bild} Beate Dietrich (Ehemalige kreuzer-Redakteurin, wollte schon immer mal zum Burning Man Festival in die Wüste Nevadas, in diesem Jahr hat es geklappt)

* Name von der Redaktion geändert

Eine Fotogalerie mit weiteren, spektakulären Fotos vom Burning Man findet sich hier.

http://www.burningman.com
Nowhere Festival, das Burning Man Festival in Europa (Spanien): http://www.goingnowhere.org

Anzeige

Kommentieren

Dein Kommentar

Keine Kommentare

Kommentare sind deaktiviert.