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»Von dort, wo ich am meisten verletzt bin«

In diesem Jahr ist Herta Müller zur Leipziger Poetikvorlesung geladen

»Wir kriegen dich, wo immer du bist.« Mit dieser Drohung verabschiedete man Herta Müller, als sie 1987 nach jahrelangen Schikanen durch das Ceaucescu-Regime ihrem Vaterland Rumänien den Rücken kehrte. In ihrem Debüt »Niederungen« hatte sie von ihrer Kindheit in der banatschwäbischen Provinz berichtet – dafür erhielt sie in ihrer neuen Heimat Deutschland zahlreiche Literaturpreise, während man sie in Rumänien für ihre »Verunglimpfungen« und »Gräuelmärchen« verdammt hatte.

»Wir kriegen dich, wo immer du bist.« Mit dieser Drohung verabschiedete man Herta Müller, als sie 1987 nach jahrelangen Schikanen durch das Ceaucescu-Regime ihrem Vaterland Rumänien den Rücken kehrte. In ihrem Debüt »Niederungen« hatte sie von ihrer Kindheit in der banatschwäbischen Provinz berichtet – dafür erhielt sie in ihrer neuen Heimat Deutschland zahlreiche Literaturpreise, während man sie in Rumänien für ihre »Verunglimpfungen« und »Gräuelmärchen« verdammt hatte. Die Fremdheit im eigenen Land, später die existenzielle Angst unter dem Terror des totalitären Staats ließen Herta Müller als Themen ihrer Romane und Erzählungen nicht mehr los. Auf den Vorwurf der Literaturkritik, sie gerate mit dieser thematischen Wiederholung in eine künstlerische Stagnation, reagierte sie ganz lapidar: »Ich muß mich im Schreiben dort aufhalten, wo ich innerlich am meisten verletzt bin, sonst müßte ich doch gar nicht schreiben.«

Wenn Herta Müller in diesem Monat die alljährliche Leipziger Poetikvorlesung gestaltet, wird es um ebendieses Thema gehen: um den Einfluss des Lebens auf das Werk, um die Unausweichlichkeit der eigenen Erlebnisse in der künstlerischen Produktion. »Herta Müller ist eine herausragende Autorin, die mit ihrem neuen Roman ›Atemschaukel‹ ein Meisterwerk geschrieben hat«, schwärmt Michael Lentz, Autor und Professor am Deutschen Literaturinstitut Leipzig, das gemeinsam mit der Kulturstiftung des Freistaates Sachsen die Veranstaltung organisiert. »Zudem ist die Literatur der deutschen Minderheit in Rumänien eine der größten sprachlichen Bereicherungen für die deutschsprachige Literatur des zwanzigsten und einundzwanzigsten Jahrhunderts.« Und auch wenn diese Schwärmerei und der Untertitel der Veranstaltung – »Schreibweisen der Gegenwart« – eher akademisch anmuten, geht es bei den Leipziger Poetikvorlesungen doch gänzlich unakademisch zu: »Das Ziel der Poetikvorlesung ist es, einen Einblick in die Tätigkeit des Schreibens zu geben und gleichzeitig eine Autorenbiografie vorzustellen«, erklärt Lentz, »und zwar nicht für eine exklusive Zielgruppe, sondern für ein breites Publikum.«

Dies scheint genau der richtige Ansatz zu sein, um Literatur einmal anders zu vermitteln: Vor 350 Zuhörern sprach Uwe Tellkamp im letzten Jahr über seinen Anspruch an Literatur und das Hochbett von Ikea, unter dem er seine ersten Texte schrieb, 2007 gab Ingo Schulze über die Umwege seiner Autorenkarriere und seine literarischen Lehrmeister Auskunft – sicher nicht ganz zufällig Autoren, in deren Werk die Zeitläufte ebenfalls eine übergeordnete Rolle spielen. Und wenn Herta Müller in diesem Jahr über ihr Leben und die Entstehung ihrer Bücher spricht, ist der Festsaal des Alten Rathauses mit Sicherheit wieder bis auf den letzten Platz gefüllt.

31.10., 18 Uhr, Festsaal des Alten Rathauses, 3. Leipziger Poetikvorlesung. Schreibweisen der Gegenwart
Literatur

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