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»Der Osten hat noch immer ein Imageproblem«

Wolfram Günther von der Denkmalstiftung über die Probleme des Leerstands und die Schönheit im Leipziger Osten

Wolfram Günther ist Gründungsmitglied der Leipziger Denkmalstiftung, die sich vor allem für leer stehende Häuser aus bedrohtem Baubestand einsetzt – 2.000 akut bedrohte Baudenkmale gibt es allein in Leipzig.

Wolfram Günther ist Gründungsmitglied der Leipziger Denkmalstiftung, die sich vor allem für leer stehende Häuser aus bedrohtem Baubestand einsetzt – 2.000 akut bedrohte Baudenkmale gibt es allein in Leipzig.

kreuzer: Lässt sich der Leerstand in Reudnitz-Thonberg beziffern? In welchem Umfang ist er denkmalgeschützt?

GÜNTHER: Wir haben keine aktuellen Leerstandszahlen, aber wir wissen vom Statistikamt, dass es seit mehreren Jahren stabile Zuzüge in den Osten gibt, vor allem von jungen Leuten. Der Leerstand nimmt tendenziell ab. Die Gebäude mit Baujahr vor 1949 sind praktisch alle denkmalgeschützt. Soweit Leerstand Altbauten betrifft, betrifft er damit zumeist auch Denkmale.

kreuzer: Was macht den Stadtteil baulich besonders?

GÜNTHER: Der so genannte Leipziger Osten setzt sich aus sehr unterschiedlichen Quartieren zusammen. Hier befinden sich allerhochwertigste, gutbürgerliche Wohnlagen – bspw. Grafisches Viertel – neben einfachen. Gerade der Stadtteil Reudnitz-Thonberg mit seinen Straßen um den Eilenburger Bahnhof hat praktisch keine Sanierungsprobleme mehr. Selbst im östlichen Teil der Nordseite Wurzner Straße geht die Sanierung voran – Bereich Annenstraße. Hier kann man bestens, innenstadtnah, grün und im wunderschönen bürgerlichen Altbau wohnen. Eher Leerstandsprobleme hat etwa die Gegend Sellerhausen-Stünz.

Schwer hat es auch die Riebeckstraße wegen der typischen Hauptstraßenprobleme, vor allem Lärm, den insbesondere die LVB nicht in den Griff bekommt. Die alte Ortslage von Stünz ist wunderschön gebaut und gelegen, hier fehlt jedoch die Infrastruktur wie Läden etc. Da ist ein Potenzial. Der Todesstoß für den Osten war die Zerstörung des Einzelhandels entlang der Eisenbahnstraße, der Dresdner Straße und der Wurzner Straße durch die Eröffnung des Paunsdorfcenters in den 90ern. Eingeklemmt zwischen schnell erreichbarem Center und Innenstadt hat hier keiner mehr in der Straße eingekauft. Daran knabbert das Viertel noch heute.

kreuzer: Was hebt die östlichen Quartiere von anderen ab, etwa vom boomenden Westen?

GÜNTHER: Dem Osten fehlen vor allem kulturelle Anker in der Qualität der Schaubühne im Westen mit all den dort umliegenden Institutionen wie LOFFT, Westwerk etc. Außerdem gibt es im Osten schlicht keine Kneipenkultur wie etwa um die Karl-Heine-Straße. Im Osten wohnen Studenten, die fahren aber zur Kultur in den Süden oder Westen. Schade ist, dass es mit dem Tanztheater am Eilenburger Bahnhof nicht zu klappen scheint. An qualitätvollen Veranstaltungsräumen mit einem der Schaubühne vergleichbarem Charme hat die Stadt erst in den letzten Jahren den alten Straßenbahnhof in Reudnitz für ein Einkaufscenter abbrechen lassen und schräg gegenüber die LWB das bombastischste Ballhaus der Stadt überhaupt. Die Grüne Schenke mit ihrem großen (sehr kaputten) und dem kleinen Saal wären in jedem Fall rettbar gewesen.

Insellagen wie die Tangomanie oder die Substanz müssen unbedingt ergänzt werden. Richtig toll am Osten ist die bunte Mischung von großbürgerlichen bis schlichten Altbauten in bisweilen wunderschönen städtebaulichen Ensembles, die unglaublich vielen Grünzüge und Parks, die die Viertel durchziehen, die absolute Nähe zur Innenstadt und der noch vorhandene Leerstand, die Kreative und Junge anlocken.

kreuzer: Existiert ein übergreifender Erhaltungsplan?

GÜNTHER: Ein aktuelles städtebauliches Gesamtkonzept gibt es nicht. Die alten Gruselgeschichten »lichter Hain« und »dunkler Wald« sind zum Abschluss gekommen. Die Gestaltung des Rabet war in Ordnung: Die Stadt hat die Flächen zusammenhängend gekauft und einen Park angelegt, jetzt muss sie nur noch Sorge für die Randbebauung tragen. Das andere war Quatsch: Mit Zwischennutzungsvereinbarungen wurden auf bleibendem Bauland die alten Häuser abgebrochen, in die Baulücken zig Bäume gequetscht, die keine Zukunft haben und das Stadtbild wurde nachhaltig zerstört. Unbedingt erforderlich wäre ein Konzept für den völlig zerpflückten Täubchenweg.

Für die Wurzner Straße sollte ein Bebauungsplan erarbeitet werden, der insbesondere die Aufwertung des öffentlichen Raums enthalten muss. Das Thema Rietzschke, der Bachlauf von Stünz bis zum Hauptbahnhof, könnte in ihrem Wechsel auch gründerzeitlich überbauter Abschnitte als konzeptioneller Aufhänger genommen werden und über eventuell zu öffnenden Abschnitte müsste nachgedacht werden.

Das ganze Viertel nördlich der mittleren Eisenbahnstraße, die Gegend um die Mariannenstraße, muss als gewaltiges, ellenlanges Gründerzeitviertel entwickelt werden. Hier besteht großes Potential für städtisches Grün auf den nördlich angrenzenden ehemaligen Gewerbeflächen. Ein Anker könnte auch die Entwicklung der leer stehenden Schule Ihmelstraße sein. Da gab es in der Vergangenheit schon mehrere Privatschulinteressenten, die alle weggeschickt wurden – vor allem nach Grünau. Private Schulen mit alternativen Konzepten locken aber gerade die gesuchten jungen Familien aus nicht bildungsfernen Milieus.

kreuzer: Welche Entwicklung würden Sie sich wünschen?

GÜNTHER: Eigentlich kann es im Osten nur bergauf gehen. Hier ist es schön, hier ist Platz und ist es vergleichsweise preiswert. Der Trend geht in Richtung wachsender Zuzug. Das muss jetzt massiv unterstützt werden, vor allem durch gezielten Aufbau einer kulturellen und Kneipenstruktur. Das kann die Stadt natürlich nicht selbst machen, aber sie kann lenken und unterstützten. Außerdem kann sie in den öffentlichen Raum investieren. Das hat sie z.B. am Rabet gemacht, aber das muss weitergehen, gerade an der Wurzner Straße oder in der östlichen Eisenbahnstraße. Nicht zuletzt hat der Osten im Blick auf die Gesamtstadt noch immer ein Image-Problem. Da muss also stetig das Mantra von dessen Schönheit und Buntheit erzählt werden.


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