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Die Mauer ist weg – Gott sei Dank!

Retrospektive auf das Dank- und Benefizkonzert »20 Jahre Maueröffnung« mit Händels »Messias«

Für den Leipziger Wendeherbst ist der 9.Oktober das zentrale Datum, während am 9.November in Berlin Geschichte geschrieben wurde. So spielte auch am 20.Jahrestag des Mauerfalls die Musik in der Bundeshauptstadt, während Leipzig seine Gedenkfeier in Form des Lichterfestes ja bereits absolviert hatte.

Für den Leipziger Wendeherbst ist der 9.Oktober das zentrale Datum, während am 9.November in Berlin Geschichte geschrieben wurde. So spielte auch am 20.Jahrestag des Mauerfalls die Musik in der Bundeshauptstadt, während Leipzig seine Gedenkfeier in Form des Lichterfestes ja bereits absolviert hatte.

Ganz sang- und klanglos sollte dieses historische Datum aber auch hier nicht vorübergehen, befand der Leipziger Sänger und Dirigent Gotthold Schwarz. Und während in Berlin überdimensionale Dominosteine purzelten, besann er sich auf die Macht der Musik und das Werk eines weiteren Jubilars: »Wir wollten den ‚Messias’ aufführen, weil wir neben dem Jahrestag des Mauerfalls ja auch das Händel-Jahr feiern. Und das großartige ‚Halleluja’ passt bestens als Dankmusik – im Sinne von ‚Gott sei Dank – die Mauer ist weg’…!« Passend fanden das offensichtlich viele Leipziger, denn die Plagwitzer Heilandskirche war voll besetzt.

Mit dem von ihm gegründeten Sächsischen Barockorchester und einer ad-hoc-Chorvereinigung aus Mitgliedern des MDR-Chores unter dem Namen »Leipziger Kantorei« hatte Gotthold Schwarz hervorragende Mitstreiter, die seine Intentionen bestens umsetzen konnten. So hob gleich die einleitende Sinfonia voller Tatendrang und beherzt vorwärtsschreitend an. Wie alle Gesangssolisten trat Albrecht Sack zu seinen Soli aus dem Chorensemble hervor. Ob man seine enge, nasale Stimme mit dem typischen Klang, der viele ostdeutsche Tenöre auszeichnet, mag, ist Geschmackssache. Seine hervorragende Technik und große Gestaltungskunst aber sind unzweifelhaft und bescherten diesem Abend einige große Momente wie im innig-gesammelten Arioso »Behold and see«oder der sehr sprechend ausgestalteten Arie »Thou shalt break them«.

Als stimmgewaltiger und souveräner Bass erwies sich Gun Wook Lee. Das ätherisch Geheimnisvolle, das das Accompagnato »Behold, I tell you a mistery« verlangt, war zwar nicht ganz seine Sache, dafür konnte er in der mächtigen Arie »The trumpet shall sound« umso besser auftrumpfen. Mit hohem, leichtem Sopran gestaltete Antje Moldenhauer ihren Part überzeugend, hatte bei Schwarz’ sehr rascher Gangart des »Rejoice greatly« aber ein wenig mit den Koloraturen zu kämpfen. Umso schöner der Ruhepunkt, den sie mit der Arie »If God be for us« kurz vor Ende des Werks zu setzen wusste.

Aus dem Solistenquartett ragte die Altistin Nicole Pieper mit überragender Gestaltungskraft und einer sehr ansprechenden Stimmfarbe hervor. Sehr eindringlich geriet ihr etwa der Kontrast in der Arie »He was despised« zwischen dem mit geradezu kontemplativer Ruhe ausgefüllten A-Teil und der Aufgewühltheit des B-Teils. Hier kam allerdings auch Schwarz’ besondere Fähigkeit, ein Ausdrucksfeuerwerk genau unter Kontrolle zu halten und mit einer gezügelten Erregung ein Höchstmaß an Intensität zu erreichen, wunderbar zum Tragen. Den Chor ließ er stets pointiert und prägnant agieren; eine wunderbare klangliche Transparenz ergab sich bei der Ensemblegröße (6 Sopran-, 5 Alt-, je 4 Tenor- und Bassstimmen) quasi von selbst.

Die Profisänger hatten von schwebender Leichtigkeit (»And he shall purify«) über vollen satten Sound (»Glory to God«) bis zu virtuoser Geläufigkeit (»Let us break their bounds«) schlichtweg alles zu bieten. Und mit Schwarz’ sprechender Zeichengebung, die gleichwohl immer im Dienst der Sache steht und sich auch mal völlig zurücknehmen kann, kamen Sänger wie Instrumentalisten bestens zurecht. Ein erfüllter Abend mit großer Musik, die eine deutliche Aussage vermitteln wollte – und konnte.


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