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Sie haben es anders gewollt!

Leipzig erinnert im November an den musikalischen Untergrund der DDR

Heute ist der Tag, an dem das System zusammenbricht – feiern wir diesen Tag!« Worte, die Rex Joswig, Sänger der Band Herbst in Peking, gerne mal auf Konzerten sagte. Ein Spruch, der ihm jede Menge Ärger einbringen konnte. Ihre Spielerlaubnis verlor die »andere Band« (wie Musikgruppen aus dem DDR-Punkumfeld genannt wurden), als sie im Juli 1989 der Opfer der Demonstration auf dem Platz des Himmlischen Friedens gedachte.

Heute ist der Tag, an dem das System zusammenbricht – feiern wir diesen Tag!« Worte, die Rex Joswig, Sänger der Band Herbst in Peking, gerne mal auf Konzerten sagte. Ein Spruch, der ihm jede Menge Ärger einbringen konnte. Ihre Spielerlaubnis verlor die »andere Band« (wie Musikgruppen aus dem DDR-Punkumfeld genannt wurden), als sie im Juli 1989 der Opfer der Demonstration auf dem Platz des Himmlischen Friedens gedachte.

Dass sie überhaupt eine Spielerlaubnis besaßen, verdeutlicht die Entwicklung der Politik des DDR-Regimes gegenüber den Punks. 1983 rief Stasi-Minister Mielke »Härte gegen Punks« aus, was dazu führte, dass die erste Punkgeneration monatelang (in manchen Fällen auch jahrelang) im Knast landete, in die JVA eingezogen oder aus dem Land oder in die Klapse gewiesen wurde.

Auch wenn die Punks der ersten Stunden damit erst mal verschwunden waren, kamen natürlich neue. Viele von ihnen waren nicht mehr die »Ich-lerne-drei-Akkorde-und-hau-rauf«-Bands, sondern versuchten sich mit Industrial, Wave, Elektronik oder Krach mit Röhren und anderen Haushalts- oder Baugeräten. Der Staat sah sich einer so undurchschaubaren Masse an Künstlern und Musikern gegenüber, dass er die Härtetaktik in eine lockerere umwandelte. Statt sie von der Straße weg zu verhaften und ihnen wortwörtlich die Köpfe zu waschen, wurden einigen sogar Konzerte erlaubt, wobei das Ministerium für Staatssicherheit die Szene aber durch Inoffizielle Mitarbeiter bestens im Auge behielt.

Inzwischen ist das System längst zusammengebrochen, wie einem heutzutage vor jede Nase plakatiert wird, und mit der DDR auch ihr Untergrund. Gefeiert wurde deswegen nicht nur. Den anderen Bands wurde das Feindbild von der BRD direkt weggeschluckt und jeder musste sich seinen eigenen Weg durch die plötzlichen Freiheiten ebnen. Vorher verbotene Platten waren quasi überall erhältlich, eine Spielerlaubnis nicht mehr erforderlich, Konzerte auch außerhalb von Kirchen oder Privaträumen möglich. Punk und Avantgarde an jeder Ecke. Die Existenz vieler Bands war plötzlich uninteressant, mussten sich ihre Fans doch nur in den Trabi gen Westen setzen oder warten, bis die vorher geheimen und viel größeren Helden von drüben mal hier vorbeischauten.

Dieser Weg wurde auf die unterschiedlichsten Arten beschritten. Manche sind ganz einfach in der Versenkung verschwunden. Bands wie Tarwater, To Rococo Rot oder Rammstein sind aus Neufindungsprozessen entstanden. Andere haben versucht, einfach weiterzumachen. Aus Die Zucht wurde Die Art, Die Gehirne sind auch noch irgendwie da.

Nach Büchern, Ausstellungen oder Dokumentarfilmen wie »Too much future« oder »Wir wollen immer artig sein« findet diesen Monat auch in Leipzig eine Art Rückblick statt. Unter der Phrase »Ihr habt es nicht ANDERS gewollt« spielen neben Filmen und Dichtern wie Bert Papenfuß längst tot geglaubte Bands auf. Die Wave-Klang-Spieler Ornament & Verbrechen feiern Reunion, Herr Blum gibt sich wieder die Ehre und Die Art spielen noch mal die alten Zucht-Hits.

Die experimentellen und Theatermusik spielenden Freunde der italienischen Oper geben wieder ein Konzert im Theater mit ihrem früheren Keyboarder Roger Baptist, der heute unter dem Namen Rummelsnuff durch die deutsch-deutschen Lande tourt. Für Leipziger besonders interessant dürfte der Auftritt des Industrial-Performance-Projektes Pffft…! sein, bei dem neben einer Band namens Kartoffelschälmaschine auch Musiker von Wutanfall mitspielen. Die Leipziger Punkband sang Anfang der Achtziger von »Leipzig in Trümmern«, löste sich 1984 auf, H.A.U. und L’attentat gründeten sich. Auch bei Wutanfall gab es ein IM-Problem, was immer noch zu Spannungen führt.

Es bleibt also abzuwarten, wer von ihnen auf der Bühne stehen wird. Angekündigt sind Jürgen »Chaos« Gutjahr und Frank »Zappa« Zappe, die Pffft…! 1984 mit dem späteren und heutigen Radiomoderator Holger Lukas und dem Philosophen und konzeptionellen Performer Hans J. Schulze gründeten und jetzt wiederbeleben.

Nun kann man sich fragen, was das soll. Bei einer ähnlichen Veranstaltung vor drei Jahren in der Berliner Volksbühne konnte man beobachten, wie damals junge, alternative Bands jetzt mehr alt als alternativ wirkten. Dennoch ist diese Revue zwischen all den Mauerfallfeiern eine der spannenderen. Denn dass man auch heute noch relevante Musik machen kann, haben nicht nur Herbst in Peking, die mit »Bakschischrepublik« den passenden DDR-Abgesang schrieben, jüngst auf dem Fusion-Festival und mit neuen Songs gezeigt. Der Tag, an dem das System zusammenfiel, ist vorbei – feiern wir ihn trotzdem.

Ihr habt es nicht ANDERS gewollt – Eine zweitägige Revue zum ehemaligen Underground in der DDR: 17./18.11. Centraltheater und Skala
Rammstein live: 24.11., Arena
Musik | aus dem kreuzer-Heft 11.09

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