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»Ich will nicht, dass die Lethargie der Masse eine so große Rolle spielt«

Thomaskantor Professor Georg Christoph Biller im Interview

Das Weihnachtsoratorium des Thomanerchores ist alljährlich ein Leipziger Konzerthöhepunkt. In diesem Jahr feiert Bachs wohl bekanntestes Werk Jubiläum. Vor 275 Jahren wurde es in Leipzig uraufgeführt. Deshalb singt der Thomanerchor alle sechs Kantaten. Das bedeutet für die knapp 100 Jungen weitere Proben in der ohnehin schon stressigen Adventszeit.

Das Weihnachtsoratorium des Thomanerchores ist alljährlich ein Leipziger Konzerthöhepunkt. In diesem Jahr feiert Bachs wohl bekanntestes Werk Jubiläum. Vor 275 Jahren wurde es in Leipzig uraufgeführt. Deshalb singt der Thomanerchor alle sechs Kantaten. Das bedeutet für die knapp 100 Jungen weitere Proben in der ohnehin schon stressigen Adventszeit.

Darüber und über das Leipziger und das australische Publikum, den Glauben bei Kindern und die Weihnachtsbotschaft der Gesellschaft sprach kreuzer-Autorin Claudia Lindner mit Thomaskantor Prof. Georg Christoph Biller.

kreuzer online: Nach wie vor ist das Weihnachtsoratorium bei Musikern und Publikum gleichermaßen geschätzt und beliebt. Was ist es, das dieses Stück so einzigartig macht?

CHRISTOPH BILLER: Diese Musik hat so viele verschiedene Dimensionen, dass man sich immer wieder damit auseinander setzen kann. Selbst, wenn man es 100 Mal gesungen oder dirigiert hat, es erschließt sich immer wieder neu. Das ist für uns, die wir uns täglich mit Bachs Musik auseinander setzen, wunderbar. Andererseits ist bei Bach die Oberfläche eben sehr interessant, deshalb hat Bach generell ein sehr breites Publikum.

kreuzer online: Wenn wir auf dieses Jahr zurückblicken, dann liegt hinter dem Thomanerchor ein äußerst erfolgreiches, aber auch äußerst arbeitsintensives Jahr. Die Konzerttournee in Australien, das Bachfest, CD-Aufnahmen, in diesem Tagen das komplette WO. Wie gehen die Kinder mit diesem Arbeitspensum um? Wie erleben Sie die teilweise erst 10-Jährigen, z.B. in Australien, nach langem Flug und dreistündigem Konzert der Matthäuspassion?

BILLER: Die Kinder gehen generell besser damit um, als wir Erwachsenen, da sie sich keine Gedanken über morgen machen. Speziell auf Reisen, wenn wir einen angefüllten Konzertkalender haben, fällt mir das immer wieder auf. Wenn wir z.B. nach einem langen Flug die Matthäuspassion singen, am nächsten Tag dann die h-Moll Messe – das stecken die Musiker nicht so leicht weg, auch ich nicht, aber die Kinder fragen nur »Wann sind wir wo?«, »Wo ist die Toilette?«, »Wann gibt’s was zu essen« oder »Wo kann ich schlafen?«. Ich denke, diese Art, mit Stress unbekümmerter umzugehen, als wir Erwachsenen, kommt ihnen auch in der Adventszeit zu Gute.

kreuzer online: Die Thomaner haben speziell im Advent kaum persönliche Freiräume. Die Kinder können zum Beispiel nicht nach Hause fahren, weil sie auf so vielen Veranstaltungen singen müssen. Wie erleben Sie die Kinder speziell in dieser Zeit?

BILLER: Die Thomaner haben wenig Freizeit am Tag, etwa 1 ½ Stunden. Die Kinder sind eben daran gewöhnt, diese Zeit auch effektiv zu nutzen. Und die Tatsache, dass es hier viele Gleichgesinnte gibt, erleben viele als Vorteil. Natürlich ist es manchmal auch eng und laut und chaotisch. Aber nach den Ferien merke ich immer, dass die meisten Thomaner gern wieder hier sind, weil hier mehr los ist, als es zu Hause je sein kann.

kreuzer online: Im Frühjahr waren Sie in Australien. Wie hat das Publikum auf Johannespassion oder die Bach-Motetten reagiert?

BILLER: In Australien haben wir ein ganz anderes Publikum erlebt als in Deutschland und speziell in Leipzig. Die ersten Konzerte in Australien waren Jugendanrecht und die hatten eine Atmosphäre von Popkonzerten – im positiven Sinn. Das war kein oberflächliches Gejohle, sondern ich merkte sofort, dass sich das Publikum bereits mit dem Stück beschäftigt hatte. Die Australier haben unheimlich euphorisch auf Bach reagiert und nicht so reserviert und eher unbeteiligt wie wir das deutsche Publikum erleben.

kreuzer online: Meinen Sie, dass hier in Passionskonzerten nicht applaudiert wird?

BILLER: Nein, das meine ich nicht. Es gibt hier eine innere Zurückhaltung, die daher kommt, dass musische und geistliche Werte nicht mehr als wesentlich empfunden werden. Außerdem gibt es hier einfach die Konvention, dass im Konzert Stillhalten verordnet ist. Das ist zum gewissen Teil natürlich etwas Gutes, man muss ja Stille haben, um zuhören zu können.

kreuzer online: Sie engagieren sich vielfach dafür, dass die musischen und geistlichen Werte wieder ins Sichtfeld des Publikums, vor allem in das von Kindern, rücken können. Wenn man allein an Ihre Arbeit in diesem Jahr denkt, fällt auf, dass Sie sich verstärkt um das Publikum bemühen und zum Singen anleiten. In Motetten durfte das Publikum bereits mit dem Thomanerchor singen, auf dem diesjährigen Bachfest haben Sie zum offenen Singen geladen. Was genau wollen Sie damit erreichen?

BILLER: Mir ist es wichtig, dass das Publikum erleben kann, wie es ist, selbst Musik zu machen. Dass es nämlich eine ganz andere Dimension ist, als Musik nur hörend, also an der Peripherie, wahrzunehmen. Deshalb gibt es seit kurzem die Aktion, dass ich in den Veranstaltungen des Thomanerchors ein Stück gemeinsam mit dem Publikum singen lasse. Das widerspricht eigentlich dem Konzertcharakter, aber ich will nicht, dass die Lethargie der Masse eine so große Rolle spielt.

kreuzer online: Für die Bindung an Werte engagieren Sie sich u.a. im »Forum Thomanum«, Genauer gesagt, setzten Sie sich dafür ein, dass die musischen und religiösen Werte mit denen die Thomaner aufwachsen, allen Kindern zu Gute kommen sollen. Das hat sich ja zu einem der Schwerpunkte in Ihrer Arbeit entwickelt. Warum?

BILLER: Das wird jetzt in der Adventszeit gut sichtbar. Um das weihnachtliche Geschehen, also die biblische Geschichte, wissen heute immer weniger Kinder, unter den Jugendlichen besonders wenige. Und das ist ein Verlust. Das ist nicht etwa ein Freiraum, wie uns die Gesellschaft glauben machen will. Man kann heute in erster Linie nur den Duft und die Lautstärke auf dem Weihnachtsmarkt als weihnachtliches Geschehen wahrnehmen. Und der Verlust der christlichen Werte zieht den Verlust der musischen Werte nach sich.

kreuzer online: Der Thomanerchor ist ein Beispiel dafür, dass Kinder mit christlichen Werten etwas anfangen können, denn über die Hälfte der Knaben kommen aus nicht-christlichen Elternhäusern, lassen sich aber in ihrer Thomanerzeit taufen, obwohl es keine Pflicht ist. Was denken Sie ist es, das die Kinder vom Glauben überzeugt?

BILLER: Ich glaube, dass Kinder generell sehr empfänglich sind für Rituale und die Werte des Glaubens. Hier im Thomanerchor funktioniert Glaubensbildung nach dem »Learnig by doing«-Effekt. Die Kinder erarbeiten jeden Tag große geistliche Musik, die sie dann vor allem zu den wöchentlichen Motetten, Gottesdiensten und den Festen des Kirchenjahres aufführen. Kirchliche Gebräuche und Werte vermitteln sich bei uns in erster Linie durch das gemeinsame Erlebnis. Diesen Effekt nutzt auch das »Forum Thomanum«.

kreuzer online: Eine Aufgabe des »Forum Thomanum« ist es, Nachwuchs für den Thomanerchor auszubilden. Inwiefern wirkt denn diese Arbeit, die im eigenen Kindergarten auf dem Campus beginnt, bereits auf den Bewerberpool?

BILLER:Die Zahl derer, die vorsingen, ist durch die Arbeit des »Forum Thomanum« nicht wesentlich gestiegen, aber die Leipziger Kinder, die vorsingen, haben wesentlich bessere musikalische Fähigkeiten. Durch den Kindergarten des »Forum Thomanum« können wir bereits in frühem Alter sehen, wer ist begabt, wen wir fördern müssen. Auch die Thomaneranwärter, also Kinder in der Grundschule, sind musikalisch und geistig weiter entwickelt, als das noch vor Jahren der Fall war. Für mich ist das ein sehr positives Signal.


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